04.11.2016

Astrid J. Eichin hat einen „Martinusmantel“ geschaffen, der auf den Spuren des Heiligen reist

Martins moderner Mantel

Bäuerliches, nicht gebleichtes Leinen. Ein Riss, der mitten hindurchgeht. Und auf der Herzseite kleine Röhrchen, die befüllt werden können: Astrid J. Eichins „Martinusmantel“ ist kein Kleidungsstück, sondern ein Kunstobjekt. Derzeit ist er auf dem neuen Martinusweg unterwegs. Von Ruth Lehnen.

Martinusmantel Foto: Eichin
Der Martinusmantel der Künstlerin Astrid J. Eichin in seiner archaischen T-Form.
Foto: Astrid J. Eichin

Astrid J. Eichin hat eine Zeitlang in den USA gelebt, in Maine. Dort gibt es viele Hummerfischer. Die großen Krebse haben sie interessiert: Wie machen die das, dass sie trotz ihrer harten Schale wachsen? Die Hummer, lernte sie, haben Phasen ohne harte Schale, und nur in diesen dünnhäutigen Phasen können sie wachsen.

Schalen, Häute und Hüllen beschäftigen die Künstlerin aus Lörrach: Sind sie Schutz, sind sie Schmuck? Sind sie beengend oder befreiend? Seit vielen Jahren schafft sie Mäntel, die keine Kleidungsstücke, sondern Kunstobjekte sind. Sie hat Mäntel aus Pflaster, aus Geldscheinen und sogar aus Stacheldraht geschaffen.

„Wo teile ich etwas in meinem Leben? Wie teile ich meine Zeit, mein Geld ein;
was gebe ich anderen, was gönne ich mir selbst?“

Astrid J. Eichin zum Martinusmantel
 

Die Verbindung wird gehalten... durch eine goldene Kordel. Foto: Eichin
Die Verbindung wird gehalten... durch eine goldene
Kordel.  Foto: Astrid J. Eichin

Vom Bistum Rottenburg-Stuttgart bekam sie den Auftrag, einen Martinusmantel zu entwerfen. Anlass war die Geburt des berühmten Heiligen vor 1700 Jahren. Und so sieht sein moderner Mantel aus: Es ist ein bäuerlicher Mantel aus Leinenstoffen. Ein Riss geht mitten hindurch, und in seine Vorderseite sind Taschenschlitze eingearbeitet, die kleine Röhrchen aufnehmen können.

Der Martinusmantel muss etwas aushalten können, denn er ist für die Reise geschaffen. Derzeit ist er auf dem Martinuspilgerweg „Via Sancti Martini“ durch Europa unterwegs. Dieser neue Weg beginnt in Szombathely (Ungarn), der Geburtsstadt des heiligen Martin, und verläuft durch Österreich, Deutschland, Luxemburg, Belgien und Frankreich bis nach Tours, wo der heilige Martin Bischof war.

Wo immer der Mantel hinkommt, wird er verändert: Auf seinem Weg können die kleinen Röhrchen, die in seiner Herzgegend eingearbeitet sind, bestückt werden: mit Erde vom Weg, mit Gebeten, mit einem Brief an das  Flüchtlingskind Omran, mit Liebesperlen, mit Pflanzensamen. So macht der Mantel was mit, Falten, Knitter, Gebrauchsspuren inklusive. Astrid J. Eichin ist das recht: „Er darf die Spur des Weges tragen, er hat an Kraft gewonnen.“

Von Anfang an war der Martinusmantel geteilt. Denn der heilige Martin ist allseits bekannt für seine gute Tat: Er teilte seinen Mantel mit dem Bettler.

Klar, dass der Martinusmantel geteilt sein muss. Foto: Astrid J. Eichin
Klar, dass der Martinusmantel geteilt sein muss.
Foto: Astrid J. Eichin

Ein scharfer Schnitt geht auch durch Eichins Martinusmantel. An dieser Stelle ist der Stoff ausgefranst. Risse haben sehr viel mit dem Menschenleben zu tun, findet die Künstlerin. Sie meint Einschnitte, wenn etwas nicht so läuft wie erwünscht, wenn etwas über die Krafte geht. Auch die Aufforderung, zu teilen, kann schmerzhaft sein. Die beiden Teile werden durch eine goldene Kordel zusammengehalten. Hier leuchtet das Gold matt, hier leuchtet etwas vom Göttlichen, findet die Künstlerin: Was geteilt wird, bleibt nicht Stückwerk, sondern schafft neue, göttliche Verbindung. Der Adel des Martinusmantels, wie sie das nennt, entsteht nicht durch feines Brokat, sondern durch die Kraft, die aus dem Teilen, aus der Tat der Nächstenliebe, hervorgeht.

Gerade eben hat Eichin ihren Martinusmantel bei einer Pilgerwanderung im Erzbistum Freiburg sieben Kilometer lang begleitet. Da ist ihr Martin nochmals ganz anders begegnet, in dem Gedanken: „Wo teile ich etwas in meinem Leben? Wie teile ich meine Zeit, mein Geld auf; was gebe ich anderen, was gönne ich mir selbst?“

So hat der „Martinusmantel“ bei seiner Schöpferin selbst einen Prozess in Gang gesetzt, sich neu mit dem heiligen Martin zu befassen. Sie wundert sich ein wenig und nimmt das dankbar an: „Der Mantel hätte nicht diese Kraft, wenn Glaubensfragen mich nicht immer begleiten würden.“

Mitgift: Kleine Taschen für Röhrchen, die gefüllt werden können. Foto: Astrid J. Eichin
Mitgift: Kleine Taschen für Röhrchen, die gefüllt werden
können. Foto: Astrid J. Eichin

Vater und Mutter kamen aus der katholischen und evangelischen Kirche. Ihre persönliche Suche hat die Künstlerin zu den Alt-Katholiken geführt. Dort ist sie seit ihrem 50. Lebensjahr Mitglied in der Gemeinde.
In ihrem zweiten Beruf ist Astrid J. Eichin Krankenpflegerin. Wenn sie Nachtdienste in der Psychiatrie leistet, „dann schweigt die Kunst“. Wenn die Phase der Nachtdienste wieder vorbei ist, setzt sie sich wieder an ihre zum Teil kraftraubenden Objekte. „Es gibt immer den Punkt, an dem es nicht mehr lustig ist.“ Manchmal fragt sie sich, was sie sich da zumutet. Zähigkeit und langer Atem aber haben sich für sie ausgezahlt; durch das Nicht-Aufgeben, ist sie sicher, gewinnen ihre Kunstwerke an Tiefe und Kraft.

www.martinuswege.eu

 

"Eichin in der Linde" Foto: Astrid J. Eichin
"Eichin in der Linde" Foto: Astrid J. Eichin

Zur Person: Astrid J. Eichin

Astrid J. Eichin, geboren 1963, befasst sich in ihrer Kunst häufig mit dem Thema Häute und Hüllen. Sie hat schon „Mäntel“ aus Brennesseln, Stacheldraht, aus Geldscheinen und Pflaster gemacht. Eichin wohnt in Lörrach, in ihrem zweiten Beruf ist sie Pflegerin in der Psychiatrie.

www.astrid-j-eichin.de