14.05.2012

Kommentar

Mehr als eine Medaille

Von Roland Juchem

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die katholische Kirche zu sehr vom Eigentlichen abgewendet. Es wird Zeit, dass sie sich wieder um ihr Kerngeschäft kümmert, um die Glaubensfragen. So spricht der eine oder andere Kritiker zur aktuellen Lage der Kirche. Von Äußerungen zu ökologischen, politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Fragen – kommen sie von Verbänden, Gremien oder Bischöfen – will er nichts mehr hören.
Man mag bezweifeln, ob jede Äußerung zu den genannten Themenfeldern mit genügend Sachkenntnis, Klarheit oder Kreativität gesegnet ist. Bezweifelt werden muss aber die Sicht, Gebet, Liturgie und rein religiöse Fragen seien das Kerngeschäft der Kirche.
Unser christlicher Glaube bedeutet ja nicht in erster Linie, dass ich einzelne Lehrsätze für wahr halte. Sondern, dass ich meine ganze Existenz, mich und mein Leben, Gott anvertraue. Gott, wie er in Jesus gelehrt und gelebt hat. Und solches Glaubensvertrauen verändert die Welt. Als man Jesus fragt, ob er der Messias Gottes sei, zitiert er Jesaja: Berichtet, was ihr seht. Blinde sehen, Lahme gehen, Arme erhalten eine gute Botschaft.
Die Kirche ist nicht eine Medaille mit zwei Seiten: private Frömmigkeit und gesellschaftliches Engagement. Die christliche Kirche ist – um im Bild zu bleiben – eher ein Tetraeder (bekannt als „Sunkist-Packung“) mit den vier Seiten: Gemeinschaft, Gottesdienst, Nächstenliebe und Glaubenszeugnis.
Christen wurden und werden verfolgt, manchmal auch getötet, weil sie Gottesdienst feiern wollen, weil sie am Bekenntnis zu Jesus Christus festhalten oder an der Gemeinschaft mit ihren Bischöfen. Ebenso aber wurden und werden Christen verfolgt, manchmal auch getötet, weil sie gegen Unrecht demonstrieren, für Verfolgte und Arme eintreten, mächtige Schuldige anklagen. Oder sie werden schlicht verlacht, weil sie sich mit „Losern“ abgeben, mit Alten, Kleinen, Kranken, Sterbenden.
In allen genannten Fällen werden Christen zu Zeugen, ja Märtyrern für Jesus Christus und seine Botschaft von Gottes so ganz anderer Herrschaft – genannt „Reich Gottes oder auch „Himmel“. Der Einsatz der Kirche gegen Raubbau an der Natur, gegen Vergiftung der Bevölkerung, für Arbeitsplätze und gerechte Löhne – vor allem dort, wo niemand anderer dafür den Mund auftut – ist christliches Kerngeschäft. Dessen Akteure sind ebenso Zeugen des Evangeliums wie der Bischof in der Katechese, die betende Ordensfrau in Klausur oder die Gemeinde, die bald in einer Fronleichnams-prozession durch die Straßen unserer Städte zieht.