08.04.2015

Barmherzigkeit

Mit offenem Herzen

Vor der Heiligen Pforte des Petersdoms kündigt Papst Franziskus an diesem Samstag offiziell ein Heiliges Jahr an. Er wählt den Vorabend des Sonntags der göttlichen Barmherzigkeit, um ein Heiliges Jahr der Barmherzigkeit auszurufen. Ein sperriger Begriff: Barmherzigkeit.

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter -
das Bild für Barmherzigkeit überhaupt.
Foto: akg-images

Das Wort kommt einem am ehesten wohl im Zusammenhang mit dem Gleichnis Jesu vom barmherzigen Samariter in den Sinn: Ein Mann fällt unter die Räuber, bleibt halbtot am Wege liegen und wird vom Samariter aufgelesen und versorgt – nachdem zwei fromme Männer keinen Finger für den Schwerverletzten rühren mochten.

Aber, wenden Kritiker gerne ein, was nützt die gute Tat des Samariters? Sie rettet heute ein Leben, aber morgen greifen die Räuber sich das nächste Opfer. Viel sinnvoller wäre es doch, die Straßen sicherer zu machen.

„Man muss schon etwas ändern wollen in der Welt“

Stimmt. Mitleid mit den Notleidenden ist nicht genug. Kardinal Walter Kasper hat es in einem Interview einmal mit einfachen Worten gesagt: „Man muss schon etwas ändern wollen in der Welt.“ Das gehört zur Barmherzigkeit dazu. Über die Kasper übrigens ein Buch geschrieben hat, das Papst Franziskus sehr schätzt.

Schon die altüberlieferten sieben leiblichen und sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit geben einen Hinweis. Almosen geben, Nackte bekleiden, Kranke besuchen – das alles ist gefordert, aber eben auch beispielsweise:  Unwissende lehren, Sünder zurechtweisen. Wirklich barmherzig handelt, wer sich um das Opfer bemüht – und um sichere Straßen.

Aber wer als Christ von Barmherzigkeit spricht, meint damit in zweiter Linie menschliches Verhalten. Papst Johannes Paul II. hat vor 15 Jahren den zweiten Sonntag der Osterzeit nicht zum, wie man oft verkürzt sagt, Barmherzigkeitssonntag erklärt, sondern zum Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit. Gott ist barmherzig – eines seiner wesentlichen Kennzeichen, im Alten wie im Neuen Testament immer wieder betont.

„Ist denn nicht“, fragte Johannes Paul II. damals, „diese Barmherzigkeit ein anderer Name für die Liebe? Verstanden im Hinblick auf ihre tiefste und zärtlichste Seite. Auf ihre Eigenschaft, sich um jedwede Not zu sorgen. Und insbesondere in ihrer grenzenlosen Fähigkeit zur Vergebung?“

 

„Gott vergibt alles und Gott vergibt immer“

Barmherzigkeit bedeutet nicht nur großherziges Helfen, sondern auch Vergebung. Für Papst Franziskus ein entscheidendes Stichwort. Als er das Heilige Jahr Mitte März zum ersten Mal ankündigte, tat er es während eines Bußgottesdienstes. „Vergessen wir nicht, dass Gott alles vergibt und dass Gott immer vergibt. Werden wir nicht müde, um Vergebung zu bitten“, sagte er.

Gott um Vergebung bitten – aber auch Menschen um Verzeihung bitten und ihnen verzeihen. „Nur so haben wir eine Zukunft“, sagt Kardinal Kasper. „Ich muss den Streit oder den Schmerz nicht vergessen, aber ich kann mich davon befreien. Hass verbittert. Diese Bitterkeit muss raus.“

Zweifellos wird schon bei der offiziellen Ausrufung des Heiligen Jahres, das am 8. Dezember beginnt, in der deutschen Öffentlichkeit gefragt werden: Wie hält es denn die Kirche mit der Barmherzigkeit – gegenüber den wiederverheiratet Geschiedenen vor allem? Aber vielleicht dringen auch noch andere Themen durch im Heiligen Jahr, das, so wünscht Franziskus es sich, „mit offenem Herzen“ begangen werden soll.

Von Hubertus Büker