26.10.2016

Warum ein 14-Jähriger im Mainzer Domchor singt

Mit Pop und Palestrina

Manchmal fragt sich seine Mutter, wie er das durchhält: drei Chorproben in der Woche, Singen auch am Wochenende. Paul Winter ist 14. Seit sieben Jahren singt er im Mainzer Domchor. Durchhalten – bis vor kurzem war das für ihn kein Thema. Von Anja Weiffen

Paul Winter                                          Foto: Anja Weiffen
Paul hört nicht nur Klassik. Auch Pop gibt's auf die Ohren.    Foto: Anja Weiffen

Paul Winter legt die Noten von Mozarts Krönungsmesse auf den Esstisch. Ein Foto für die
Kirchenzeitung mit Noten in der Hand? Langweilig. Vielleicht am Klavier, das im Wohnzimmer steht? „Ich komme gar nicht so oft zum Klavierspielen“, sagt er. Und abgelichtet mit Kopfhörern auf den Ohren? „Ja, das ist eine gute Idee“, findet Paul. Musik höre er viel, zum Beispiel, wenn er mit dem Domchor auf Reisen geht.

Der schlimmste Feind ist die Müdigkeit

Musik ist sein Leben. Zumindest große Teile davon. Seit sieben Jahren singt Paul Winter im Mainzer Domchor. Er ist einer von den Chorknaben, die schon unter Domkapellmeister Mathias Breitschaft dabei waren. Sein erstes Konzert, erinnert er sich, war ein Weihnachtsoratorium. Er war in der vierten Klasse. „Ich war richtig aufgeregt, ich habe gezittert.“ Und jetzt? Paul winkt ab. Lampenfieber? Kein bisschen. Dennoch gibt es etwas, wovor sich Paul in Acht nimmt: „Herr Storck sagt immer: ,Der schlimmste Feind im Konzert ist die Müdigkeit‘.“

Auf die Frage, wieviele Konzerte er hinter sich hat, kommt der Junge aus der Mainzer Oberstadt erst mal ins Nachdenken. Er fragt bei seiner Mutter nach. Rita Winter setzt sich mit an den Tisch und rechnet. „Du musst ja noch die Gottesdienste mitzählen“, fällt ihr ein. „Irgendwann hörst du auf zu zählen“, sagt Paul grinsend. Im Durchschnitt zehn Auftritte pro Jahr, 50 bis 60 Konzerte schätzt er in seiner bisherigen „Laufbahn“ schon gesungen zu haben.
Die Chorreise nach Amerika war dabei etwas ganz Besonderes. „Also der Flug, als wir auf Chicago zugeflogen sind, war ziemlich beeindruckend“, erzählt er. Elf Konzerte in zehn Tagen, „und trotzdem haben wir viel von Amerika gesehen“.

Sehr gut gefallen haben Paul auch die 20 Selfies, die er nach einem Konzert an einer amerikanischen Highschool mit Schülerinnen und Schülern gemacht hat. „Die Jugendlichen dort fanden uns echt toll“, betont er. Klassische Musik gilt jedoch unter hiesigen Jugendlichen als uncool. Mehr Anerkennung wünscht er sich  auch von Mitschülern.
In seiner Schule, am katholischen Gymnasium Theresianum in Mainz, geht Paul Winter in die Musikklasse für musikbegeisterte Schüler. Musik heißt für ihn aber nicht nur Klassik. „Ich höre auch gern Pop, Hiphop oder Songs aus den Charts.“ Für einen Lieblingskomponisten der klassischen Musik kann sich Paul zwar nicht wirklich entscheiden. Doch er weiß genau, was er im Domchor als Knabenstimme im Alt 2 bisher gern gesungen hat: „Zum Beispiel die Solochöre von Palestrina mit nur vier Sängern pro Stimme.“ Giovanni Pierluigi da Palestrina – diesen Komponisten aus dem
16. Jahrhundert weiß Paul nicht nur wegen seiner Musik zu schätzen. Er erklärt, warum: „Das ist der Mensch, der dafür gesorgt hat, dass überhaupt so etwas wie Chormusik im Gottesdienst existiert.“

Den besten Freund im Chor gefunden

Paul geht auf eine Ganztagsschule. Um halb fünf kommt er nachmittags nach Hause. Auf die Frage, ob es mal Zeiten gab, in denen ihm die Chorproben schwergefallen sind, sagt Paul klar: „Nein. Der Chor, das war meine Freizeit. Auch meine Freunde aus der Schulklasse waren alle im Chor.“
Aber: Im Moment wird ihm die Zeit knapp. Paul fährt zurzeit mit Freunden Longboard. „Ich würde gern öfter dabei sein“, erklärt der 14-Jährige. Auch in die Gruppenstunde der katholischen Jugend St. Alban geht er jetzt. Und im Domchor sind einige seiner Schulkollegen nicht mehr dabei. „Der Chor wird jünger“, stellt Paul fest. Mit seiner Mutter bespricht er seine Überlegungen, in absehbarer Zeit mit dem Singen aufzuhören. „Nicht der Chor hat sich verändert, du hast dich verändert“, sagt die Alleinerziehende schmunzelnd.

Paul erklärt, im Stimmbruch sei er zwar noch nicht, aber er spüre schon, dass er nicht mehr so gern die ganz hohen Töne singt. Vielleicht kann er nach dem Stimmbruch weitersingen, hofft er. „Ich werde meiner Zeit im Chor auf jeden Fall immer dankbar sein, dass ich Jannis, einen meiner besten Freunde, gefunden habe“, ergänzt er. Aktuell ist Aufhören für ihn kein Thema, denn in Kürze steht ein weiterer Höhepunkt seiner Chorzeit an: der „Elias“ zum 150. Jubiläum des Domchors.
Und was würde Paul auf Facebook über seine sieben Jahre als Chorknabe schreiben? „Ich bin nicht auf Facebook – aber auf Instagram.“ Er denkt kurz nach und sagt: „Es war eine lange, schöne Zeit.“