28.03.2017

Jahresserie 2017: "Skandal egal? – Die Sache mit der Ökumene" Teil 3

„Nein. Luther war kein Freiheitsheld“

Skandal egal? – Die Sache mit der Ökumene“: So heißt die Jahresserie 2017 in der Kirchenzeitung. In dieser Folge geht es um die „Freiheit eines Christenmenschen“. Darüber schrieb Martin Luther 1520. Und heute? Gibt es Unterschiede zwischen evangelischer und katholischer Freiheit? Ein Gespräch mit den Frankfurter Stadtdekanen: dem evangelischen Dr. Achim Knecht und dem katholischen Dr. Johannes zu Eltz. Von Ruth Lehnen. Foto: Rolf Oeser.

 

Frage: Martin Luther formuliert in der „Freiheit eines Christenmenschen“, dass der Mensch „satt und selig sei“ durch den Glauben und Gottes Gnade. Ist das ein Zustand, den Sie so erfahren im Frankfurt 2017?

Dr. Achim Knecht: Es wäre ein Missverständnis, wenn man hier unter „satt und selig“ verstünde „selbst genügsam und selbst zufrieden“. Luther akzentuiert, dass es sich um eine Erfahrung handelt, die aus dem Glauben an Gott fließt: Ja, ich bin geliebt!

Dr. Johannes zu Eltz: Luther war ein Meister des Wortes. Was er hier evoziert, ist der Zustand eines Säuglings, der glucksend vor Zufriedenheit in der Wiege liegt. Es ist ein großes Bild von einem Kind, dem nichts mangelt, da es die Liebe seiner Eltern hat. Damit sagt Luther, die Kinder Gottes brauchen keine Leistung, sie sind in der Liebe. In besonderen Momenten erlebe ich auch die Gratuität der Gnade für mich und für andere (das heißt, dass die Gnade aus dem freien Willen Gottes fließt und nicht durch eigenes Tun erwirkt werden muss, die Red.). Aber dass ich das jeden Tag erlebe, das könnte ich so nicht sagen.

Dr. Achim Knecht und Dr. Johannes zu EltzKönnen Sie denn zustimmen, dass, wie Luther sagt, der Glaube ohne alle Werke „fromm, frei und selig macht“?

zu Eltz: Ja, über so ein „solus“, so ein Alleinstellungsmerkmal, müssen wir uns nicht mehr zertrennen.

Knecht: Diese grundevangelische Auffassung vom Glauben ist heute bis weit in die katholische Kirche vorgedrungen, insofern sind viele Katholiken „gut lutherisch“. Es gibt aber auch in unserer Kirche Menschen, die meinen, dass nicht allein der Glaube, sondern das richtige Tun und die richtige Gesinnung entscheidend sind. Eine solche Haltung, bei der die Werke dann doch eine Rolle spielen, um vor Gott gut dazustehen, kann die Freiheit hindern. Das ist keine Spezialität der katholischen Kirche.

In einem gemeinsamen Interview mit Herrn Knecht haben Sie Ende letzten Jahres formuliert, Herr zu Eltz, dass Sie eine reformiert-katholische Kirche vor sich sehen, in hundert Jahren gebe es die Einheit. Warum sind die Menschen nicht heute schon so frei, alle Unterschiede über Bord zu werfen?

zu Eltz: Weil dann das Kind mit dem Bade ausgeschüttet würde! Wer an der Kirche nur herumkrittelt und ihr Geschichtslastigkeit und Langsamkeit vorwirft, der begreift den Ernst des Glaubens nicht. Man darf aber das Joch nicht einfach abschütteln. Die Bindung an die Kirche ist auch eine Bindung, bei der ich mich unter die Last der Geschichte stelle.Es ist die Wahrheit, die uns frei macht, es sind nicht übers Knie gebrochene Einheitspläne.

Knecht: Manchmal wird gesagt: Die abrahamitischen Religionen glauben doch alle an den einen Gott, die Juden, die Christen, die Muslime. Aber wir müssen darauf achten, dass nicht alles gleich gültig ist und dann auch gleichgültig. Wichtig ist die Beheimatung im Glauben. Was wir aber als Christen gemeinsam glauben, wird oft unterschiedlich verstanden und erlebt. So kann ich die Liturgie in der katholischen Kirche schätzen, aber sie bleibt mir doch ein wenig fremd.
  

Was ist heute wirklich noch fundamental trennend?

zu Eltz: Trennen kann uns nichts mehr, weil wir die Taufe gemeinsam haben. Dennoch gibt es Unterschiede. In der Sache der Rechtfertigung aus dem Glauben und beim Abendmahl könnte es  gut eine Verständigung geben. Aber bei der Sakramentalität der Kirche und ihrer Ämter, mit dem sichtbaren Gipfel des Papsttums,  da sind wir noch nicht beieinander. Die Frage der Sakramentalität der Kirche ist nicht gelöst. Aber sie ist auch nicht unlösbar.

Heißt das, genau in dieser Frage muss es in den „nächsten hundert Jahren“ die Bewegung geben?

Zu Eltz: Ja, und hundert Jahre sind konservativ gerechnet!

Knecht: In der evangelischen Kirche benutzen wir gern den Begriff der „versöhnten Verschiedenheit“. Mit unserem Freiheitsverständnis tun wir uns da leichter als die katholische Kirche in ihrem Ringen.

Ist es denn heute noch so, dass bei den Evangelischen die Betonung auf der Freiheit liegt, bei den Katholischen die Freiheit aber da ein Ende hat, wo der Papst sich äußert, zum Beispiel beim Diakonat der Frau?

zu Eltz: Es herrschen verquere Vorstellungen von der Unfehlbarkeit des Papstes, die alle Horrorvorstellungen von katholischer Machtausübung bedienen. Nicht der Papst als Person ist unfehlbar, sondern unfehlbar ist die Kirche, wenn sie ein Dogma verkündet, was sehr selten vorkommt. Früher wurde bei uns viel mit Angst und Druck gearbeitet, aber das ist heute nicht mehr so. Auch die katholische Kirche ist eine Kirche der Freiheit! Es gibt Gründe, warum diese Freiheit nicht so oft in Anspruch genommen wird. Dabei geht es oft um Respekt vor der Hierarchie und das Bemühen, die Einheit zu wahren…

Knecht: Trotzdem erleben wir immer wieder im Dialog mit katholischen Partnern, dass Haltungen vertreten werden, bei der wir als Evangelische sagen: „Aber das dürft Ihr doch gar nicht!“

zu Eltz: Im Studium habe ich gelernt: Das Dogma ist das bleibend Denkwürdige, und das habe ich mir gemerkt. Das heißt, dass sich alles weiterentwickelt und der Heilige Geist seine Kirche immer tiefer in die Wahrheit hineinführt.

Knecht: Freiheit und Beweglichkeit gehören zusammen und Freiheit ist etwas, das man sich nehmen muss, auch für die Kirchen ist das notwendig.

zu Eltz: Beim Ersten Vatikanischen Konzil (bei dem die Unfehlbarkeit des Papstes festgeschrieben wurde, die Red.) hätte ich wohl zur Konzilsminderheit gehört (die die Fixierung der Unfehlbarkeit als unangemessen abgelehnt hat, die Red.). Wir haben uns mit diesen  Spitzen-Sätzen auf Dauer keinen Gefallen getan, sondern auf der evangelischen und der orthodoxen Seite Widerwille und Widerstand hervorgerufen. Das Papstamt in dieser Machtfülle, mit dieser Jurisdiktionsgewalt, ist ein großes Hindernis in der Ökumene.

Kann denn dieses Hindernis beseitigt werden?

zu Eltz: Man darf nicht den Baum fällen wollen, auf dem wir uns verklettert haben. Es geht nur wie im Evangelium, wo Jesus zu Zachäus sagt: „Zachäus, steige eilends herab!“
Warum wird überhaupt Religion heute so stark mit Unfreiheit assoziiert?

Knecht: Wenn Sie sich erinnern, gab es in den 1970er Jahren das Buch „Gottesvergiftung“ von Tilmann Moser. Darin wird geschildert, wie Kirche und Glauben als total deformierend erlebt werden. Ich persönlich habe da ganz andere Erfahrungen gemacht: Dass Menschen durch den Glauben über sich hinauswachsen und Freiheit und Weite gewinnen. Für mich ist wichtig, dass dies auch in unseren Gemeinden erfahrbar wird. Und daran arbeiten wir gemeinsam zum Beispiel im Hinblick auf den Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt. Hier geht es um ein großes Fest der Freiheit.

zu Eltz: Die Freiheit des Christenmenschen ist eine, die zugleich eine existentielle Bindung zulässt. Wir sind nicht die Leute mit einem simplen Freiheitsbegriff, sondern die, die eine polare Spannung aushalten. Wir leben in der Paradoxie von Freiheit und Bindung, und in dieser Bindung an Christus gibt es dann ein gewaltiges Emanzipationspotential.

Knecht: Luther hat ja keinen einfachen Freiheitsbegriff gepredigt, sondern auch die Frage gestellt: Wozu ist jemand frei? Und ich muss Luther hier noch einmal zitieren: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Luther hat dies ja auch vorgemacht. Er hat zu einem hohen Maß an innerer und äußerer Freiheit gefunden, auch zu der Freiheit, Nein zu sagen auf dem Reichstag zu Worms 1521.

Ist Luther für Sie ein Freiheitsheld?

Knecht: Luther war kein Held. Wir feiern unser Reformationsjubiläum nicht als eine Heldenverehrung. Natürlich gibt es eine gewisse Verehrung für Luther und einen hohen Respekt. Aber es gibt auch Fragwürdiges, zum Beispiel, wie er Juden und Türken diffamiert hat.
Es wäre Luther nicht recht gewesen, wie er im 19. Jahrhundert als Held verehrt wurde. Er hatte einen durchaus kritischen Blick auf sich selbst. Es ist eher so wie bei Papst Franziskus heute, der ja die Grundhaltung hat, nichts Besonderes zu sein, von seiner Person abzusehen.

zu Eltz: Der Papst hat ja gerade in dem Interview mit der ZEIT gesagt, dass Idealisierung eine unterschwellige Art der Aggression ist. Wenn man einen Menschen mit dem Glauben der Kirche so sehr in eins setzt, erwächst daraus generell nichts Gutes. Identitäres Denken ist gegen das Zeugnis der Schrift. Heldentum ist eigene Stärke, aber in den Psalmen heißt es: „der Held rettet sich nicht durch eigene Stärke“.

Nein, Luther war kein Freiheitsheld, er war menschlich in seinen Lüsten und Ängsten. Er war aber ein Befreiter, froh in dem, was er Gott verdankt, und ein Geliebter, von Gott Geliebter. Als letztes Wort habe er gesagt: „Wir sind Bettler, das ist wahr.“ Bettler, die ihre hohle Hand nicht vergebens ausstrecken, deren Leere überreich gefüllt wird.