22.12.2011

In Betlehem oder im Krieg: Geburt unter widrigen Umständen

Neues Leben in Zeiten des Todes

„Sie legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ Mit nur einem Satz deutet Lukas an, in welch schwieriger Lage Maria ihr Kind zur Welt brachte. Eine gute Geburt in schlechten Zeiten – so etwas haben viele Menschen erlebt. Zum Beispiel Irmgard Levers.

Gerade hat sie ihren 70. Geburtstag gefeiert, im großen Kreis, mit Familie und Freunden. Auch ihr jüngerer Bruder Ferdi Benning hat mitgefeiert. „Du“, sagte sie zu ihm, „da interessiert sich jemand für die Geschichte von deiner Geburt.“ Er schmunzelt: die Schwester mit ihren Erinnerungen. Es war das Jahr 1945, in den letzten Kriegswochen, als Ferdi in eine Welt geboren wurde, die alles andere als verheißungsvoll aussah.
Die 70-Jährige erzählt von einer Zeit, in der sie selber ein Kleinkind war: „Es mag erstaunlich sein, aber ich habe klare Erinnerungen daran.“ Sie spricht von den letzten Kriegswochen, in denen ihre Mutter Ferdi zur Welt gebracht hat. Vielleicht ist es diese Mischung aus Not, Trauer und Angst, gepaart mit Momenten unglaublichen Glücks, die der Kriegsalltag durchaus bereithalten konnte, und die sich tief ins Gedächtnis gebrannt haben. Szenen, die locker aneinandergereiht, ein Bild dieser Wochen ergeben.

Flucht aufs Land wegen der Fliegerangriffe

„Wir mussten im Frühjahr 1945 aus Südlohn fliehen. Das ist eine kleine Stadt im Landkreis Borken an der niederländischen Grenze. Immer wieder hatten wir uns vor Fliegerangriffen verstecken müssen. Jetzt wollte mein Opa uns alle in Sicherheit bringen, auf einen Bauernhof vier Kilometer von Südlohn entfernt.
Wir, das waren meine Mutter, meine Oma, meine fünf Tanten und meine zwei Geschwister. Meine Mutter war wieder schwanger. So war das damals. Nach jedem Fronturlaub meines Vaters kam ein Kind zur Welt. Die Geburt des vierten Kindes stand unmittelbar bevor. Nur mit dem Nötigsten an der Hand fanden wir auf dem Hof von Bauer Schücker Unterschlupf, obwohl schon viele Flüchtlinge aus dem Ruhrgebiet dort einen Platz gefunden hatten. Es waren freundliche Leute, die Bauersfamilie. Meine Mutter, hochschwanger, sollte es gut haben, deshalb bekam sie die Upkammer, den besseren Raum, neben der großen Küche.
Ein Bett stand in dieser Kammer. Wir Kinder waren froh, bei netten Leuten zu sein und endlich so etwas wie Ruhe zu spüren. Eines Tages hörten wir meine Mutter schrecklich schreien. Meine Schwester und ich wollten zu ihr. Wir waren es gewohnt, in diesen Zeiten schreiende und weinende Erwachsene zu trösten.

Irmgard Levers
Irmgard Levers mit dem Familienalbum

Plötzlich hörten wir die Schreie unserer Mutter

Meine Oma, die Hebamme war, rannte völlig aufgeregt hin und her. Aber man sagte zu uns Kindern: ‚Ihr geht spielen!‘ Plötzlich hörte das Schreien meiner Mutter auf, und dafür begann das beglückende Weinen eines Babys. Mein Bruder Ferdi war geboren. Als wir in die Kammer kamen, lag er in einem geflochtenen Wäschekorb der Bauersfrau. Auf Stroh und Wolle gebettet, umhüllt von weißen Laken und einer warmen Decke. So ein Glück für uns, einen kleinen Bruder zu haben. Am 20. April war das, an Hitlers Geburtstag. Ist das nicht schrecklich?

Früher mussten die Mütter im Wochenbett streng liegen. Deshalb kam der Pfarrer aus dem Nachbarort zu uns, um Ferdi in der Upkammer zu taufen. Wir als Familie durften im Zimmer mit dabei sein, die anderen Flüchtlinge und die Bauersfamilie waren in der Küche. Alle waren da, und alle freuten sich. Jeder hatte etwas dabei, um es meiner Mutter zu schenken. Etwas Wolle oder ein Deckchen.

Plötzlich stand ein Zwei-Meter-Kerl in der Tür

Merkwürdig, ich erinnere mich nicht an die Not, sondern eher an das Glück dieser Tage. Die Bauersfrau hatte für jeden auf dem Hof täglich etwas Warmes gekocht. Meine Mutter, weiß ich, hat viel geweint und sich dann wieder ganz doll gefreut. Sie sagte später, dass es etwas ganz Besonderes war, selber nichts zu haben und gleichzeitig zu erleben, wie viel ihr einfach entgegenkam.
Der Bauernhof war von englischen Soldaten umstellt. Sie lebten in Wohnwagen und man sagte, dass sie ein Munitionslager bewachten. Es gab auch Plünderungen. Auf dem Hof suchten die Soldaten nach Schmuck und Wertgegenständen. Der englische Oberst ging auch in die Kammer meiner Mutter.
Unter ihrer Matratze hatten die Frauen ihren Schmuck versteckt, in der Hoffnung, dass er dort sicher ist. Meine Mutter erzählte später: ‚Doa stonn doa up eenmol so’n Twemeterkerl in de Döre und sütt mi und dat Kind. He frog mi: Du Baby?‘ (Da stand auf eimal ein Zwei-Meter-Kerl in der Tür, sieht mich und das Kind und fragt: Du Baby?) Sie hat genickt. Dann wollte er das Baby auf den Arm nehmen. ‚Aber doa häbb ick em in de Ogen kecken un sehen: Dat is ne godden Kerl.‘ (Da habe ich ihm in die Augen geschaut und gesehen: Das ist ein guter Kerl.)

Geschichten von der starken Oma

Der Offizier nahm Ferdi behutsam in die Arme und begann zu weinen. Er habe in England ein Baby, das er noch nie gesehen habe. Danach gab er den Befehl, alle Wertsachen zurückzugeben. Meine Mutter und ihr Kind wurden von da an verwöhnt mit kostbaren Sachen aus dem englischen Verpflegungswagen wie echtem Bohnenkaffee und Schokolade.“
Irmgard Levers weiß noch viele Geschichten, von ihrer starken Oma, der Hebamme, die selbst in Bombennächten gebärende Frauen nicht alleine gelassen hat. Von ihrer Mutter, die im Krieg alleine ihre vier Kinder über die Runden bringen musste. Sie denkt an ihren Großvater, der eine Holzschuhfabrik in Südlohn hatte und den Kindern ein Fels in den Brandungen des Lebens war. Die Geschichten erzählen von Schrecken und Rettung, von Not und unverhofftem Glück. Irmgard Levers hat ihren 70. Geburtstag gefeiert und mit ihr Ferdi, der kleine Bruder, der in friedlicheren Zeiten aufwachsen konnte.

Ulla Evers