29.05.2012

Kommentar

Nichts ist unpolitisch

Von Ulrich Waschki

Der European Song Contest (ESC) in Aserbaidschan ist vorbei. In wenigen Tagen steht das nächste europäische Großereignis an: die Fußballeuropameisterschaft in Polen und der Ukraine. In Aserbaidschan ging es um Musik, in der Ukraine um Fußball. Und in beiden Ländern um die Menschenrechte.
Eigentlich sollten diktatorische Regime wie Aserbaidschan keine Chance haben, an Wettbewerben wie dem ESC teilzunehmen und sich in bestem medialen Licht zu sonnen. Doch Menschenrechtsorganisationen und – zumindest die deutschen – Medien haben den Wettbewerb gut genutzt, um auf das herrschende Unrecht in dem Land hinzuweisen. Wohl noch nie dürften die aserbaidschanischen Oppositionellen so viel Aufmerksamkeit in der freien Welt bekommen haben. Doch das Regime muss sich sehr sicher fühlen: Vor laufenden Kameras werden Demonstranten verprügelt und verhaftet. Deshalb darf nach dem ESC der internationale Druck nicht nachlassen. Sonst werden die Berichte über die Opposition zum Bumerang, der auf die mutigen Kämpfer für Menschenrechte zurückschlägt.
Die Berichterstattung über die politische Lage in Aserbaidschan kann zum Vorbild für die EM in der Ukraine werden. Denn Sport ist genauso wie Kultur nie unpolitisch. Michel Platini, französischer Fußballveteran und Präsident des europäischen Fußballverbands UEFA, liegt falsch, wenn er die politische Dimension der EM zurückweist. Die EM bringt Aufmerksamkeit. Und sie bringt Geld. Zu scharfen Worten griff Platini, als es darum ging, überzogene Hotelpreise zu kritisieren. „Betrüger und Ganoven“ seien am Werk, so Platini. Doch deutliche Worte in Sachen Menschenrechte und Demokratie? Fehlanzeige. „Wenn ich Politik machen wollte, würde ich in die Politik gehen.“ Ein grobes Foul, Monsieur Platini.
Umso beachtenswerter die deutlichen Worte, die der erst 28 Jahre alte deutsche Mannschaftskapitän PhilipP Lahm zur Lage in der Ukraine gefunden hat. Daran können sich Fußballfunktionäre und auch Sponsoren orientieren.  Es wäre ein Erfolg für die gesellschaftspolitische Verantwortung des Sports und für die Menschenrechte, wenn wir in Polen und der Ukraine nicht nur tollen Fußball, sondern auch mutige Statements zur Entwicklung der Demokratie erleben könnten. Vielleicht sollten Spitzenpolitiker aus Deutschland und der EU doch zu den Spielen in die Ukraine reisen, um vor laufenden Kameras nicht nur die sportlichen Darbietungen zu kommentieren. Komikerin Anke Engelke hat beim ESC gezeigt, wie das geht.