21.05.2013

Kommentar

"Normal" gibt es nicht

Von Ulrich Waschki

Schon bei manchem körperlichen Leiden tun sich Mediziner schwer, es zu diagnostizieren. Was aber, wenn die Seele krank ist? Keine Blutwerte, die das zeigen, keine sichtbaren Veränderungen im Röntgenbild oder auf dem CT. Psychische Krankheiten sind schwerer zu fassen. Und überhaupt: Wann ist ein Mensch noch gesund, wann ist er schon krank? Ein neues Standardbuch für psychische Krankheiten befeuert die Diskussion um diese Frage. 

Bei vielen sicher sinnvollen Ergänzungen und Veränderungen, die die Fachleute hervorheben, schießt das „Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen“ (DSM) doch auch über das Ziel hinaus. Wenn schon zwei Wochen nach einem Trauerfall Ärzte eine Depression bescheinigen können. 1980 hielt eine Vorgängerauflage des DSM eine Trauerphase von einem Jahr noch für normal, bei der bis jetzt aktuellen Ausgabe waren es immerhin noch zwei Monate. 

Die Diskussion um das DSM zeigt eine gefährliche Tendenz unserer Zeit auf: Der Mensch muss funktionieren. Wer nicht einer Norm entspricht, muss krank sein. Und daran kann man etwas ändern. Notfalls mit Medikamenten.

Welches abweichende Verhalten kann und will unsere Gesellschaft ertragen? Trauer und Leid gehören zum Leben. Ich kann nicht immer perfekt funktionieren, immer gut gelaunt und unbelastet durchs Leben gehen. Es gibt Schicksalsschläge, Herausforderungen und auch Stimmungsschwankungen. Es ist eine Versuchung, vor allem die Tiefen des menschlichen Lebens allzu schnell in den Bereich der Krankheit abzuschieben. Überhaupt – Wer ist eigentlich wirklich gesund? Nur der, der sich nicht gründlich genug hat untersuchen lassen.    

Natürlich: Manche Patienten sind froh, wenn ihnen ein Arzt endlich bescheinigt, dass hinter ihrem Leid eine Krankheit steckt und hoffentlich auch gleich die richtigen Pillen dazu hat. Doch die Grenzen zwischen sinnvoller Hilfe bei psychischen Leiden und übertriebener Diagnose scheinen fließend. Ein Problem ist sicher auch, dass Werke wie das DSM versuchen müssen, menschliches Leben zu standardisieren. Am Ende wird es immer viele Fälle geben, die eben nicht in dieses Standardmuster hineinpassen. Und deshalb ist es umso wichtiger, dass die Praktiker im Umgang mit ihren Patienten verantwortungsvoll damit umgehen. Es ist wie so oft im Leben: Zu einer guten fachlichen Bildung gehören eben auch Lebenserfahrung und Herz, um dem Menschen wirklich gerecht zu werden.