01.02.2017

Jahresserie zum Thema Ökumene. Teil 1: Ökumenische Gottesdienste

Ökumenische Sonntagsgottesdienste – zählt das?

„Skandal egal? – Die Sache mit der Ökumene“: So heißt die Jahresserie 2017 in der Kirchenzeitung. Anders gefragt: Wann endlich überwinden die christlichen Kirchen ihre Spaltung? Schließlich betonen Kirchenleitungen doch stets, es gebe „mehr, was uns verbindet, als uns trennt“. Wie ist die Lage? Beim ökumenischen Gottesdienst am Sonntag zum Beispiel? Erlaubt? Oder warum nicht? Eine Dokumentenschau mit Praxisbezug. Von Johannes Becher.

Kardinal Marx und Bischof Heinrich Bedford Strohm spenden Segen. Foto: kna-bild
Gemeinsamer Segen im Zeichen des Kreuzes Foto: kna

„Getrennt durch unsere Schuld!“ In den Wortgottesdiensten während der gerade zu Ende gegangenen „Gebetswoche für die Einheit der Christen“ klingt dieser Satz durch den Kirchenraum. Eine Mauer symbolisiert die Trennung. Wir sind schuld. Erst nach diesem Bekenntnis
kann das Trennende abgebaut werden. Die Blöcke werden umgeformt zum Kreuz: Christus rückt ins Zentrum. Das Reformationsgedenken ist in vollem Gange.

„Wir leben immer noch in getrennten Kirchen. Diese Tatsache schmerzt, widerspricht sie doch zutiefst dem Willen Christi, der um die Einheit der Seinen gebetet hat: ,Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast‘ (Johannes 17,21).“ Das ist letztlich der tiefste Grund  aller Anstrengungen in der Ökumene. Kardinal Reinhard Marx beschreibt sie so in einem Grußwort zum Reformations-Gedenkjahr.

Kirchen zwischen gelebter Einheit und historisch gewachsener Vielfalt

Aber wie ist das im Alltag der Menschen? Wer interessiert sich denn noch für den „Skandal“ der getrennten Kirchen? Die hier zum Beispiel:

„Als Christen im Land der Reformation stehen wir in der besonderen Verantwortung, Zeichen zu setzen und dazu beizutragen, den gemeinsamen Glauben auch in einer gemeinsamen Kirche zu leben.“ So endet der Aufruf „Ökumene jetzt“, den vor fünf Jahren zahlreiche Christen unterschrieben haben. Zu den Erstunterzeichnern gehörten zum Beispiel Professor Andreas Barner (siehe Artikel links), Wolfgang Thierse, Richard von Weizsäcker, Annette Schavan, Andreas Felger und Thomas Bach. Zentral ist für die Unterzeichner – es sind rund 10 000 ökumenisch Interessierte – der Begriff „gelebte Einheit“. Dabei steht auch stets die Frage im Raum, wie diese Einheit denn nun mit einer „historisch gewachsenen Vielfalt“ der Kirchen in Einklang zu bringen ist.

Bischöfe und Theologinnen, Kirchenleitungen und Professoren haben in den vergangenen 50 Jahren seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil viele Denkleistungen in verbindende und verbindliche Dokumente gegossen. Stets der Aufforderung folgend, die das Konzil im Dekret über den Ökumenismus (Unitatis Redintegratio) formuliert hat: „Christus der Herr hat eine einige und einzige Kirche gegründet, und doch erheben mehrere christliche Gemeinschaften vor den Menschen den Anspruch, das wahre Erbe Jesu Christi darzustellen; sie alle bekennen sich als Jünger des Herrn, aber sie weichen in ihrem Denken voneinander ab und gehen verschiedene Wege, als ob Christus selber geteilt wäre. Eine solche Spaltung widerspricht aber ganz offenbar dem Willen Christi, sie ist ein Ärgernis für die Welt und ein Schaden für die Verkündigung des Evangeliums.“

Wir sind schuld. Schadensbegrenzung als Motor der Ökumene. Und die Pflicht, mit dem „Erbe Jesu Christi“ verantwortungsvoll umzugehen. Dazu braucht es Geist.

Bereits Anfang des Jahrtausends – 2001 – haben die christlichen Kirchen in Europa in der „Charta Oecumenica“ auf diese geistliche Dimension hingewiesen. Wörtlich heißt es dort: „Die Ökumene lebt davon, dass wir Gottes Wort gemeinsam hören und den Heiligen Geist in uns und durch uns wirken lassen. Kraft der dadurch empfangenen Gnade gibt es heute vielfältige Bestrebungen, durch Gebete und Gottesdienste die geistliche Gemeinschaft zwischen den Kirchen zu vertiefen und für die sichtbare Einheit der Kirche Christi zu beten.“ Kurz: Glaube will gelebt sein – im Hören auf Jesu Wort und im Gedenken an seinen Tod und seine Auferstehung. Eben vor allem im Gottesdienst.

Sich immer wieder neu in die Gemeinschaft mit dem Herrn rufen lassen

Zum Reformationsgedenken 2017 hat eine „lutherisch / römisch-katholische Kommission für die Einheit“ gerade einen Bericht verfasst. Titel: „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“. Darin heißt es: „Das Gedenken an die Anfänge der Reformation ist dann angemessen, wenn Lutheraner und Katholiken gemeinsam das Evangelium von Jesus Christus hören und wenn sie sich immer wieder neu in die Gemeinschaft mit dem Herrn rufen lassen.“

Die Kommission, die auch unter Vorsitz des Fuldaer Weihbischofs Karlheinz Diez tagte, gibt den Christen fünf ökumenische „Imperative“ mit. Der zweite lautet: „Lutheraner und Katholiken müssen sich selbst ständig durch die Begegnung mit dem Anderen und durch das gegenseitige Zeugnis des Glaubens verändern lassen.“

Und wie sieht sie nun aus, diese Veränderungsbereitschaft? Wo und wie ist die „gelebte Einheit“, die im Aufruf „Ökumene jetzt“ gefordert wird? Wie machen das Katholiken, dass sie die Eucharistie als „Quelle und Höhepunkt“ ihres Glaubens feiern und zugleich ökumenisch bereit sind?

Das Bewusstsein stärken, dass wir uns nicht mehr auseinanderdividieren

Wie geht das zum Beispiel in der katholischen Innenstadtpfarrei in Fulda? Seit zwei Jahren ist dort Stefan Buß als Stadtpfarrer. Seitdem gibt es regelmäßig ökumenische Gottesdienste. Auch am Sonntag. „Um 11.30 Uhr“, wie der Pfarrer sagt. Das sei „die im Bistum vereinbarte Zeit“.

Was sich Pfarrer Buß von den Gottesdiensten erhofft? „Sie sollen das Verbindende herausstellen. Ein Bewusstsein stärken, dass wir uns nicht mehr auseinanderdividieren dürfen, sondern uns als Christen gemeinsam den Herausforderungen der Zeit stellen müssen. Trotzdem Unterschiede in den Traditionen wahrnehmen und aus der Tradition des jeweils anderen den eignen Glauben bereichern.“

Die Regeln für einen ökumenischen Gottesdienst sind von katholischer Seite klar formuliert. Was ist erlaubt? Das haben die deutschen Bischöfe 1994 in einer Erklärung festgehalten. Dort heißt es: „Da die sonntägliche Eucharistiefeier für das christliche Leben und den Aufbau der christlichen Gemeinde einen unverzichtbaren Wert hat, können ökumenische Gottesdienste sie nicht ersetzen. Diese haben deshalb stets einen Ausnahmecharakter. Ökumenische Gottesdienste dürfen nicht dahin führen, dass in einer Gemeinde an einem Sonntag keine heilige Messe gefeiert werden kann. Die katholischen Christen dürfen durch die Teilnahme an einem ökumenischen Gottesdienst nicht in einen Konflikt mit dem Sonntagsgebot gebracht werden.“

Zugleich stellen die Bischöfe aber auch fest: Ökumenische Wortgottesdienste sollten nach Möglichkeit fester Bestandteil des liturgischen Lebens jeder Gemeinde sein. Gleichwohl nicht um jeden Preis: „Jedem ökumenischen Gottesdienst sollte ein echtes spirituelles Bedürfnis zugrundeliegen.“

Inzwischen gibt es – bedingt durch den Priestermangel – an zahlreichen Orten gar nicht mehr an jedem Sonntag eine Eucharis-tiefeier. Mit einer Wortgottesfeier – orientiert an der katholischen Leseordnung – erfüllen dann betroffene Katholiken dort auch die Sonntagspflicht. Warum können solche Gottesdienste nicht dann und wann ökumenisch gefeiert werden? Weil sie „als von der Situation erzwungene Ausnahmen angesehen werden“ müssen.

Und wie halten es Katholiken mit der Sonntagspflicht, wenn am selben Tag auch ein ökumenischer Gottesdienst im Ort gefeiert wird? Pfarrer Buß: „Wir machen die Erfahrung, dass viele Katholiken vorher auch eine Eucharistiefeier besuchen und trotzdem zum ökumenischen Gottesdienste kommen.“

Und die ökumenischen Gottesdienste auf den Stadtfesten sprechen auch Menschen an, die sonst nicht kommen. Noch einmal der Fuldaer Stadtpfarrer: „Da machen wir die Erfahrung, dass wir eine ganz andere Klientel erreichen, nämlich teilweise Leute, die keine Besucher der normalen sonntäglichen Gottesdienste sind, sondern auch andere von der Gemeinde Distanziertere.“

Ab wann ist nun ein Christ „distanzierter“? Wenn er nur an Weihnachten, zu Familienfesten und bei Beerdigungen am Gottesdienst teilnimmt? Wenn er lediglich einmal im Monat mitfeiert? Fakt ist: Solche Christen, die nicht zur allsonntäglichen Kerngemeinde zählen, orientieren sich nicht an theologischen Begründungen oder Kirchengesetzen. Sie fragen sich: Was bringt mir das, ein Gottesdienst? Und wenn ja, um welche Zeit? Vielleicht ist es Zeit, aus der „Sonntagspflicht“ wieder mehr eine Sonntagsfreude zu machen.