21.03.2016

Jahresserie: Das Jesus-Team (3) – Hoffnung

Plus und Minus zählt nicht mehr

Worauf dürfen wir hoffen? Was kommt nach dem Tod? Gibt es ein ewiges Leben? Wenn die Kirche darauf keine Antworten gibt, hat sie keine Zukunft. Deshalb braucht das „Jesus-Team“ heute Menschen wie den Krankenhausseelsorger Günter Zang. Er nimmt die Angst vor dem Tod. Von Heike Kaiser.

           „Der Aufstieg in das himmlische Paradies“ (Ausschnitt): Diese Darstellung Sterbender, die im  16. Jahrhundert von Hieronymus Bosch gemalt wurde, spiegelt die Erfahrungen von Menschen wider, die klinisch tot waren und zurückgeholt wurden.  Quelle:  Kunstkopie.de
„Der Aufstieg in das himmlische Paradies“ (Ausschnitt): Diese Darstellung
Sterbender, die im 16. Jahrhundert von Hieronymus Bosch gemalt wurde,
spiegelt die Erfahrungen von Menschen wider, die klinisch tot waren und
zurückgeholt wurden. Quelle: Kunstkopie.de

Das Licht ist immer da. Es passt sich dem Auge an, es blendet nicht. Es ist warm, friedvoll. Es fordert nichts, es verheißt Freiheit und Herzensfreude. Das Leid fällt weg. Diese Erfahrung haben viele der Menschen gemacht, die zu Günter Zang kommen. Sie erzählen ihm davon, wie es war, als sie auf der Schwelle vom Leben zum Tod standen. Sie suchen Verständnis und Begleitung. Beides finden sie bei dem Hadamarer Krankenhausseelsorger, Trauer- und Sterbebegleiter. Er ist seit 30 Jahren für diejenigen da, deren Leben sich dem Ende neigt. Er hilft Sterbenden, Abschied zu nehmen, und begleitet Angehörige.

Zang ist Ansprechpartner für Menschen, die Erfahrungen an der Grenze des Lebens gemacht haben. „Das Licht, das sie erlebt haben“, sagt der Diplom-Theologe, „beschreibt den Zustand der Glückseligkeit, wenn der Mensch sich als bedingungslos geliebt erfährt und sich eins weiß mit dem Göttlichen.“ Diese Glückseligkeit, diese Bewusstseins erweiternde Erfahrung in der Gottesliebe, gelte für jeden, ist er sich sicher.

Tiefes Wissen aus Erfahrung

Naturwissenschaftler beschreiben oft solche Erlebnisse, wie sie Zang geschildert werden, als Halluzinationen, ausgelöst durch Sauerstoffmangel im Gehirn oder durch die Wirkung von Medikamenten. Seelsorger Zang bezeichnet Berichte vom Licht, vom Gefühl der Wärme und des Glücks als „tiefes Wissen aus Erfahrung, als Herzenswissen“. Ob dieses „Wissen“ auch etwas beweisen könne, lässt er bewusst offen. Darauf komme es letztlich nicht an.

Der 62-Jährige ist fest davon überzeugt, dass es dieses Licht gibt, das für Liebe steht, für Barmherzigkeit, für einen Gott, der alles vergibt. „Deshalb hat uns Jesus die Zusage gegeben: ,Ihr seid das Licht der Welt, und wer an mich glaubt, hat ewiges Leben. In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. Ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten‘ (Johannes 14,2-4)“, sagt Zang. „Selbst Paulus, der ,Verstandesmensch‘, ist überzeugt: ,Unsere Heimat ist der Himmel‘ (Philipper 3,20).“

Er selbst, räumt der Theologe ein, habe viele Jahre gebraucht, um das Bild des strafenden und belohnenden Gottes zu überwinden, das so vielen seiner Generation anerzogen wurde und tief eingeprägt ist. „Viele haben Angst vor dem Jenseits, weil sie fürchten, mit Plus und Minus bewertet zu werden, danach, was sie im Leben geleistet haben. Eine Angst, die niemand zu haben braucht“, versichert der Krankenhausseelsorger. „Denn wir sind durch und durch geliebt von der unendlichen Barmherzigkeit Gottes.“

Günter Zang Foto: privat
Einfühlsamer Gesprächspartner:
Seelsorger Günter Zang
Foto: Heike Kaiser

Manche Menschen erzählen ihm, dass sie nach ihrem „Licht-Erlebnis“ während eines Unfalls oder bei einer Operation nicht mehr ins physische Leben zurückgeholt werden wollten, weil sie in diesem Frieden und dieser vollkommenen Geborgenheit bleiben wollten. „Einige kommen nach solch einem Erlebnis mit ihrer Krankheit besser klar“, erzählt Günter Zang. „Doch die Sehnsucht nach dem Licht, nach dem bedingungslosem Geliebtsein bleibt.“

Wie kann er ihnen helfen? „Ich sage ihnen, dass in jedem Menschen dieses Licht vorhanden ist und jeder Mensch als Kind und Erbe Gottes diese ,göttliche Genetik‘ in sich trägt“, erläutert der Seelsorger. Er verweist auf eine der zentralen Aussagen Jesu: „Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (Johannes 8,12).

Die Menschen, die er begleitet, sind froh, sind erleichtert, in Günter Zang einen Gesprächspartner gefunden zu haben, der nicht nur hinhört, sondern der auch versteht. Einen, der ihre Erfahrungen nachempfinden kann und der ihnen glaubt. „Das hat oft einen heilsamen und tröstenden Effekt“, weiß der Seelsorger. Doch es gibt auch diejenigen, die ihn fragen: „Was soll ich hier noch auf der Erde mit meinen Ängsten und Einschränkungen? Das Licht war so schön, da will ich wieder hin!“, berichtet Zang und betont: „Dann wird es kritisch.“ Ihnen versucht er, zu vermitteln, dass das, was sie erlebt haben, einen Sinn für ihr eigenes Leben hat. „Zum Beispiel, die Lebensführung zu verändern, sich um andere zu kümmern oder Liebesfähigkeit zu entfalten.“

Wie steht er jemanden bei, der Angst vor dem Sterben hat? „Ich erfrage zunächst behutsam die eigenen Vorstellungen von Gott, arbeite mit dem Betreffenden an dessen individuellem Bild und vermittle: Mit Gottes Liebe, Güte, Barmherzigkeit, Vergebung und Trost ist jeder persönlich gemeint. Diese Güte und Liebe gilt für jede und jeden und für alle Zeit, sogar für die ,Bösen‘ (Lukas 6,35), die sich der Liebe Gottes nicht für würdig erachten.“

In einem zweiten Schritt lässt sich der Seelsorger die Lebensgeschichte erzählen, versucht, herauszufinden, was Ängste auslöst. „Oft sind das Verlusterlebnisse aus nicht verarbeiteter Trauer“, stellt er fest. „Oder es werden Ängste vor dem Sterben übernommen, zum Beispiel von den Eltern, wenn dem Kind gedroht wurde ,Du kommst nicht in den Himmel, weil Du nicht brav warst‘.“ .

Schlüssel zum inneren Frieden

Der Angst vor dem Tod kann Zangs Erfahrung nach begegnet werden, „indem man bewusst verinnerlicht: Ich bin geliebt von Gott, so, wie ich bin und war; dass mein Leben, was immer auch geschehen ist, einen Sinn hatte; dass ich Dankbarkeit für mein Leben entfalte und meine Beziehungen zu meinen Mitmenschen in den Frieden bringe durch Vergeben“, so der Seelsorger.

„Vergebung“, betont er, „halte ich persönlich für den Schlüssel zum inneren Frieden.“ Hilfreich sei auch die Überlegung: Was möchte ich in meinem Leben noch regeln, erleben, was kann ich noch planen – bis hin zur eigenen Beerdigung. „Wer das schafft, ist erleichtert“, hat Günter Zang oft erlebt.

Was ist mit der Hölle, mit dem Fegefeuer? „Gottes Güte und Barmherzigkeit gilt für jeden Menschen zu jeder Zeit“, unterstreicht Zang. „Manchmal verlieren wir den Blick für diese Wahrheit, fühlen uns in einem schmerzhaften Erleben gefangen und von Gott und den Menschen verlassen. Gott lässt jedoch keinen Menschen in der Verzweiflung. Deswegen sind Bilder wie die Hölle überflüssig“, antwortet der Seelsorger.

Hat er Angst vor dem Jenseits? „Nein“, sagt er bestimmt. „Ich kann mich sogar darauf freuen. Ich treffe liebe Menschen, die mir vorausgegangen sind, und finde meine Wohnung, die mir Jesus bereitet hat.“