15.02.2017

Gedichtsworkshop für Jugendliche und Senioren

Elfchen in Bürstadt gehört

Im Alten- und Pflegeheim St. Elisabeth schreiben Senioren und Schüler gemeinsam Gedichte. Bei dem Workshop erzählen alte und junge Menschen einander aus ihrem Leben und sind am Ende „per du“. Von Sara Mierzwa.

Drei Schüler und zwei Seniorinnen sitzen im Alten- und Pflegeheim St. Elisabeth in Bürstadt am Tisch und schreiben „Elfchen“. Die Jugendlichen wissen aus der Schul-AG „Kreatives Schreiben“ schon, dass das Gedichte mit elf Wörtern sind. Eine ältere Dame wedelt mit den Armen und lacht. Für sie waren Elfen bis zum heutigen Tag Märchenwesen.
In dem Workshop der Veranstaltungsreihe „Slam für das WIR“ von youngcaritas und dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) lernen zwei Generationen an diesem Vormittag, wie man Gedichte schreibt und auf die Bühne bringt. 19 Schülerinnen und Schüler der Erich-Kästner-Schule in Bürstadt und 15 Seniorinnen und Senioren sprechen über ihre Hobbys, Zukunftsträume und den Krieg. Ken Yamamoto, der Workshopleiter, möchte an diesem Tag „über Sprache einen Begegnungsraum schaffen, um Erfahrungen und Erinnerungen auszutauschen“.
 

Sprache verändert sich mit der Zeit

Jugendliche und Senioren sitzen an einem Tisch. Foto: DiCV Mainz
Gespräche über "Jung und Alt".               Foto: DiCV Mainz

„Was sind Wörter aus der Jugendsprache?“, fragt Yamamoto die Teilnehmer. „Digger“, sagt einer der Schüler. Die anderen raten, was das bedeuten könnte. „Ein Mensch, der dick ist“, schlägt eine ältere Frau vor. Die Lösung des Rätsels: „Digger“ ist ein modernes Wort für Kumpel. Für Ken Yamamoto ist dieser Nachmittag ebenso ein Experiment wie für die Schüler und Senioren. Er findet es spannend, Gedichte in Gruppen mit unterschiedlichen Menschen zu schreiben. "Poetry Slam bringt verschiedene Generationen auf eine neue, kreative Weise zusammen und ins Gespräch", sagt Julia Gaschik von der Caritas. Bevor die ersten Gedichte geschrieben werden, kommen die altersgemischten Gruppen miteinander ins Gespräch. Das Thema: „Jung und Alt“. Die Schüler aus der achten Klasse stellen sich zuerst vor: Ihre Hobbys sind Freunde treffen, bei der Feuerwehr mithelfen und Sport machen wie Leichtathletik oder Fußball. „Wir haben keine Hobbys gehabt, sondern schaffen müssen“, sagt Annemarie Ludwig. Die 80-jährige trägt einen grauen Paillettenpullover und erzählt davon, wie sie für die Soldaten im Krieg Brennnesseln, Schafgarbe und Gänseblümchen gesammelt hat. Nach der Schule musste sie Kartoffelkäfer sammeln und bei der Rübenernte helfen.

Eine andere Frau erinnert sich an Spiele auf der Straße: Kreisel, Murmeln und Pfeilspiele. „Über Kirche und Vergangenheit kann man gut mit älteren Menschen sprechen“, findet die 13-jährige Simone Metzler, die eine Jeans und pinke Turnschuhe trägt, „und über Technik sprechen ist eher schwierig“. Lukas Spindler versucht es trotzdem und erklärt den zwei älteren Frauen sein Smartphone. Die meisten Schüler haben im Alltag nur wenig Kontakt mit älteren Menschen. Nur fünf der 19 Schülerinnen und Schüler unterhalten sich regelmäßig mit ihren Großeltern. „Ich fand es total schön, mich mit den Jungen zu unterhalten. Das Gespräch ist richtig gesprudelt“, sagt Annemarie Ludwig am Ende des Workshops. „Ich kann jetzt du zu dir sagen, oder?“, fragt sie ihre jüngere Sitznachbarin.
 

Gemeinsame Themen in den Gedichten

Ken Yamamoto erklärt, wie man "Elfchen" schreibt. Foto: DiCV Mainz
Ken Yamamoto erklärt, wie man Gedichte schreibt.
Foto: DiVC Mainz

In der Pause legen sich manche Senioren für ein Mittagsschläfchen hin. Die Jugendlichen arbeiten weiter und schreiben Gedichte, die mit dem Satz: „Ich bin du aus der Zukunft...“, beginnen. Genug Geld, eine Familie und Spaß wünschen sich die Jugendlichen. „In den Gedichten kommt zum Vorschein, was Menschen unabhängig vom Alter bewegt“, sagt der Heimleiter Günter Schwering, der begeistert den Gedichten zuhört und auch selbst eines schreibt. „Junge Menschen können von der Lebenserfahrung Älterer lernen. Umgekehrt können ältere Menschen sehen, dass die Jüngeren auch Werte haben und nicht gleichgültig sind“, sagt er. Gesten an diesem Nachmittag sind Beweise dafür: geteilte Cola und Hilfe beim Aufstehen. Das Einzige, was den Dialog manchmal unterbricht, ist die Bitte vieler Senioren: „Ich höre nicht mehr so gut. Kannst du bitte lauter sprechen?“ Bei der Abschlusspräsentation tragen Schüler und zwei Senioren einige der Gedichte vor. Geschichten der Senioren und Gefühle der Jungen vermischen sich. Ein Elfchen-Gedicht heißt: Arbeiten als Kind für die Armee. Ich finde das blöd. Spielen.

 

Youngcaritas hat mit dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) im Bistum Mainz vier Poetry-Slam-Workshops (Dichterschlachten) organisiert. Jugendliche und junge Erwachsene treffen mit jungen Flüchtlingen, Senioren und wohnungslosen Menschen zusammen, um gemeinsam zu dichten. Ken Yamamoto hält die Workshops der Veranstaltungsreihe „Slam für das WIR“. Die nächsten Termine mit den Themen Flucht/Heimat, Sucht und Wohnungslosigkeit sind am 8. März in Worms, am 10. März in Kelsterbach und am 12. Mai in Mainz. Beim Familienfest der Caritas am 14. Mai 2017 auf dem Mainzer Markt werden einige der Jugendlichen ihre Gedichte dann noch mal auf der Bühne vortragen. Weitere Informationen: www.caritas-bistum-mainz.de/100Jahre