09.06.2016

Wie ein 89-Jähriger die Kinogänger becirct

Rabbi Wolff ist Kult

Kennen Sie einen Rabbiner? Nein? Dann wird es Zeit! Britta Wauers neuer Film stellt Rabbi Wolff vor, Gentleman und Mann Gottes. Gesehen von Ruth Lehnen.

 

Ein 89-Jähriger rockt das Mainzer Capitol. Gleich am Anfang von Britta Wauers neuem Film wird laut gelacht. Rabbi William Wolff ist einfach herrlich. Weil er Humor hat, über sich selbst lachen kann. Weil er exzentrisch ist und Charme hat. Jetzt kam der Rabbi selbst zur Vorführung seines Films ins Capitol nach Mainz.

Glück hat, wer es ergreift. Britta Wauer hat bei ihrem Film "Im Himmel, unter der Erde" über den jüdischen Friedhof Weißensee in Berlin erkannt, dass Rabbi Wolffs Geschichte unbedingt erzählt werden muss. Sie und ihr Kamera- und Ehemann Kaspar Köpke haben den heute 89-Jährigen mehrere Jahre lang begleitet. Sie waren mit ihm in England, wo er zwischen Bücherschluchten wohnt, sie waren mit ihm in Rostock und Schwerin, wo er Landesrabbiner war, sie waren mit ihm in Berlin, wo er geboren wurde, sie waren mit ihm in Amsterdam und in Israel.

Und beim Pferderennen in Ascot, wo der Rabbi jedes Jahr so um die 50 Pfund (rund 64 Euro) verliert. Aber der Spaß sei es ihm wert, erzählt der Mann Gottes, der sich vor dem Pferderennen in Gehrock und Zylinder geworfen hat. Die Zuschauer rücken dem schmalen alten Herrn ganz schön auf den Leib: Nur mit Badehose bekleidet geht er zum Schwimmen im Toten Meer, mit dem schwarzen Rabbinermantel zelebriert er den Gottesdienst, und beim Kopfstand – denn der Rabbi praktiziert Joga – trägt er Jogginghose. "Kopfstand kann ich noch nicht, muss ich noch üben" – das ist so ein typischer Rabbi Wolff-Satz, der den Zuschauern ein Lachen entlockt.

Rabbi Wolff
Selfie mit Rabbi: Willy Wolff ist Kult.          Foto: Ruth Lehnen

Dabei meint William Wolff das durchaus ernst. Er hat in seinem Leben immer wieder Neues lernen müssen. Nach Hitlers Machtergreifung wandert die Familie nach Amsterdam aus, da ist Wilhelm sechs Jahre alt. Als er sich in Amsterdam eingelebt hat, geht es 1939 nach London. Aus Wilhelm wird William. Mit mehr als 50 Jahren nimmt William Wolff einen neuen Anlauf: Aus dem erfolgreichen Journalisten wird ein Rabbi. Und der kehrt mit 75 Jahren nach Deutschland zurück und wird Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern.

Ein Verdienst des Films ist, dass er nicht nur die Exzentrik des alten Herrn humorvoll portätiert, sondern es Britta Wauer auch gelingt, die wehmütig-traurigen Seiten dieses Lebens zu zeigen. Alles sei in seinem Leben so "zerspalten" gewesen, sagt der Rabbi einmal, und deshalb kehre er jedes Jahr nach Amsterdam zurück, damit die Zerspaltenheit vielleicht einmal heile.

Rabbi Wolff hat sehr viel Talent zum Filmstar. Er genießt das Schöne im Leben, und derzeit ist das der Applaus der Fans. Im Film steht er manchmal einfach da: am Meer, an seinem Heimatfluss, der Spree, oder auf einer blühenden Wiese, auf der Pferde grasen. Herrlich, sagt dann der Rabbi: Herrlich.

Zum Weiterlesen: "Rabbi Wolff und die Dinge des Lebens. Erinnerungen und Einsichten, zusammengestellt von Britta Wauer". Hentrich und Hentrich, 12,90 Euro

Foto Teaser: Uli Holz_BritzkaFilm