02.05.2017

Jahresserie 2017: "Skandal egal? – Die Sache mit der Ökumene" Teil 4

In „Reli“ bleibt die Klasse zusammen

„Skandal egal? – Die Sache mit der Ökumene“: So heißt die Jahresserie 2017 in der Kirchenzeitung. In dieser Folge geht es um den Religionsunterricht. Muss er wirklich für die christlichen Konfessionen getrennt stattfinden? (Wann) ist es eher angebracht, christliche Glaubensinhalte über Konfessionsgrenzen hinweg an die kommenden Generationen zu vermitteln? Erfahrungen in einer Gesamtschule in Freigericht. Von Bernhard Perrefort.

Religion spielt an der Kopernikusschule in Freigericht eine bedeutende Rolle. Als es vor einigen Jahren um das Kreuz in Schulen ging, haben Schüler diese Wand im Eingangsbereich der Kopernikusschule in Freigericht gestaltet. Darüber freuen sich Christoph Jöst, Kerstin Mathie, Corinna Häfner und Kerstin Schmeckthal. | Foto: Bernhard Perrefort
Religion spielt an der Kopernikusschule in Freigericht eine
bedeutende Rolle. Als es vor einigen Jahren um das Kreuz in
Schulen ging, haben Schüler diese Wand im Eingangsbereich
der Kopernikusschule in Freigericht gestaltet. Darüber freuen
sich Christoph Jöst, Kerstin Mathie, Corinna Häfner und Kerstin
Schmeckthal. | Foto: Bernhard Perrefort

Es geht ihnen gar nicht so sehr um die Konfessionszugehörigkeit. Wichtiger ist ihnen das soziale Lernen. Die in der Fachschaft Religion an der Kopernikusschule in Freigericht zusammenarbeitenden 26 Lehrerinnen und Lehrer sind sich da einig. Das betonen stellvertretend für sie vier Kollegen im Gespräch mit der Kirchenzeitung.

Es würde aufgrund der wenigen Schülerinnen und Schüler im Hauptschulzweig der kooperativen Gesamtschule keinen Sinn machen, katholische und evangelische Religion getrennt anzubieten. Da ist es einfach besser, „den Klassenverband zusammenzuhalten“, stellt Kerstin Schmeckthal den pädagogischen Aspekt über den rechtlichen. Danach ist „Religionsunterricht einzurichten, wenn mindestens acht Schülerinnen und Schüler teilnehmen und zu einer pädagogisch und schulorganisatorisch vertretbaren Lerngruppe zusammengefasst werden können“.

Christliche Traditionen und Strukturen wahrnehmen und begreifen

Christoph Jöst, Klassenlehrer, verweist auch noch darauf, dass vor allem Hauptschüler „sehr säkularisiert leben“. Ihm als katholischem Religionslehrer geht es entsprechend in erster Linie gar nicht um die Konfessionszugehörigkeit, „sondern um das Begreifen und Wahrnehmen von christlichen Traditionen und Strukturen“. Das bewusst zu machen, gelingt einfacher im Klassenverband als im zweistündigen Religionsunterricht in gemischten Gruppen aus mehreren Klassen.

Aus pädagogischer Sicht eignet sich ein konfessionsübergreifender Religionsunterricht, wie er an der Schule offiziell bezeichnet wird, selbstverständlich auch für den Realschulzweig. Aufgrund größerer Lerngruppen „müssen wir aber einen konfessionsbezogenen anbieten“, bezieht sich Kerstin Mathie auf Erlasse von Schulaufsichtsbehörde sowie Bistum und evangelischer Landeskirche für die Einrichtung konfessionell gemischter Gruppen. „Aber überall, wo das möglich ist, kooperieren wir“, berichtet die evangelische Religionslehrerin, die zum Schulleitungsteam gehört, von einer sehr guten Zusammenarbeit in der Reli-Fachschaft. Beispielhaft nennt sie Gottesdienste, verschiedene Projekte oder die Fachkonferenzen der Religionslehrer, die immer ökumenisch tagen. Und die Kinder erleben während ihrer Hauptschulzeit wechselnde Relilehrer, in einem Schuljahr einen katholischen, im nächsten einen evangelischen.

Ökumenische Lehrbücher für die Schule gibt es bis heute nicht

Es gibt schulinterne Curricula (Lehrpläne/Lehrprogramme), deren Inhalte schulformübergreifend aufeinander abgestimmt sind. Darin aufgelistet sind auch die katholischen und evangelischen Lehrbücher, die sich, so die einhellige Meinung der an diesem Gespräch beteilig-ten vier Reli-Lehrer, zusammen mit Büchern aus anderen Verlagen hervorragend ergänzen. Ökumenische Schulbücher gibt es nicht, da die Schulbuchverlage diesbezüglich auf Zustimmung des Kultusministeriums angewiesen sind. An der Kopernikusschule gibt es außerdem gemeinsam angelegte Ordner zu unterschiedlichen Themen, auf die die Lehrer zurückgreifen können.

Wobei im gemeinsamen Unterricht weder typisch katholische, noch typisch evangelische Themen ausgespart werden. „Im Gegenteil“, meint Corinna Häfner. So hat sie in einem siebten Hauptschuljahrgang die Sakramente behandelt, von denen es bei den Protestanten nur zwei gibt (Taufe und Abendmahl). „Die Schüler haben Unterschiede und Gemeinsamkeiten wahrgenommen“, erzählt die evangelische Lehrerin. Nicht nur das: Sie selbst lernt viel daraus, sie reflektiert ihr eigenes Gottesbild.

Dazu kommt der Austausch innerhalb der Fachschaft bei der Vorbereitung auf gemeinsame Unterrichtseinheiten. Über die Kollegialität innerhalb der Fachschaft freut sich Corinna Häfner. Eine katholische beziehungsweise eine evangelische Fraktion, nein, die gebe es nicht.  „Wir können letztendlich nur voneinander lernen“, pflichtet ihr katholischer Kollege Jöst ihr bei.

Und doch hätten sich Kerstin Schmeckthal und einige evangelische Kollegen speziell im Lutherjahr „einen großen Schwerpunkt auf den Reformator“ mit einer längeren Unterrichtseinheit vorstellen können. Während es im Realschul- und Gymnasialzweig dafür ein eigenes Zeitfenster gibt, sind für die Hauptschule in diesem Zusammenhang aber „in der curricularen Arbeit ganz viele gemeinsame Themen“ aufgenommen worden. So werden zum Beispiel zum Thema Reformation katholische und evangelische Pfarrer eingeladen. Wie überhaupt „die spezifische Glaubenserfahrung in den Gemeinden zu leisten ist. Wir legen ein religiöses Fundament mit dem Kennenlernen von verschiedenen Inhalten“, sieht Kerstin Mathie auch die Pfarreien in der Pflicht. Die Aufgabe der Schule sieht sie eher in einer anbietenden Art, aktiv zu werden, weniger in einer missionierenden.

Die religiöse Erziehung zuhause ist in den Hintergrund gerückt

Kritik am konfessionsübergreifenden Unterricht an der Schule in Freigericht hat es in all den Jahren noch nicht gegeben – weder von den Eltern, den Schülerinnen und Schülern, die während ihrer Hauptschulzeit sowohl katholische als auch evangelische Religionslehrer erleben, noch von den Pfarrgemeinden. Christoph Jöst ist schon manchmal ein bisschen schockiert darüber, wie wenig religiöses christliches Grundwissen die jungen Menschen heute haben. Daher ist es ja so wichtig, beide Ansätze im Unterricht zu erleben – durch den Besuch von Gotteshäusern oder durch Gebetsformen. Zuhause rücke religiöse Erziehung ja stark in den Hintergrund, ergänzt Kerstin Schmeckthal. Trotzdem seien Schüler für Religion empfänglich – unabhängig von der Unterrichtsform.

An der einen oder anderen Stelle hätten sich die vier Relilehrer während ihres Studiums mehr gemeinsame Ausbildung gewünscht, um die jeweils andere Konfession besser zu verstehen. Grundsätzlich plädieren sie aber vehement für eine konfessionsgebundene Ausrichtung. „Weil dies ja auch etwas mit der eigenen Haltung zu tun hat“, betont Mathie.

Das Christliche kennen lernen, um sich später entscheiden zu können

Zweifel am Reliunterricht hegt in dieser Runde niemand. Jungen Menschen sollte ein Angebot gemacht werden, damit sie überhaupt kennenlernen, wovon gesprochen wird, wenn vom christlichen Abendland oder christlicher Wertehaltung die Rede ist. Erst dann können sie später entscheiden, ob sie es annehmen oder nicht. Außerdem wird auf eine Begleitung der Schüler im Reliuntericht, auf einen Schonraum, auf persönliche Nischen, hingewiesen, die das Fach im Vergleich zu anderen Fächern noch hat. Und die es zu nutzen gelte.