18.06.2014

Kommentar

Religion als Drogenzutat

Von Roland Juchem

Ein Militärbündnis zwischen dem Iran und den USA kommt nicht zustande. Dennoch muss es einen außergewöhnlichen Grund geben, dass Teheran und Washington sich zu einer Interessenkoalition zusammenschließen: die zuletzt so brutal erfolgreichen Kämpfer der ISIS (Islamischer Staat in Irak und Großsyrien).

Meldungen über islamistische Terrorgruppen sind oft verworren, ihr Hintergrund komplex. Auch die sunnitische ISIS wurde von intriganten Machthabern aufgepäppelt: von den Saudis gegen den mit dem schiitischen Iran verbündeten syrischen Diktator Assad. Perfiderweise hat wohl auch Assad selbst im Geheimen die blutigen Kämpfer zur Abschreckung genutzt: So schlimm sind meine Gegner.

Internationale Studien bestätigen: Hinter islamistischem Terror – ob in Nigeria, Kenia, Irak, Syrien oder Pakistan – stecken vor allem Geld und Machtinter-essen. Zum anderen machen Extremisten sich die Verzweiflung über Korruption und Ungerechtigkeit zunutze. Um aber einen Kampf richtig zu schüren, braucht es eine offizielle Ideologie – eine Idee, die den hohen Preis an Leben, Material, Geld und Schmerz angeblich wert ist.

Das war in Europas Geschichte die eigene Nation – etwa genau vor 100 Jahren; weltweit vor einigen Jahrzehnten die Sozialistische Internationale. Vor 800 Jahren wurde das Christentum missbraucht, um das Raubrittertum der Kreuzfahrer zu verbrämen. Auch aus heiligen Schriften über einen barmherzigen oder liebenden Gott lassen sich Versatzstücke klauben, um Gewalt, Unterdrückung und Tod zu rechtfertigen. Derzeit rühren Despoten, Intriganten, Fanatiker und Frustrierte aus islamischen Zutaten ein Ideologiegebräu.

Das wirkt nicht wie einschläferndes „Opium des Volkes“, sondern wie „Crystal Meth“, eine Droge, die aufputscht, aggressiv macht und den Bezug zur Realität zerstört. Ihr verfallen sogar einzelne bislang unreligiöse Westeuropäer.

Natürlich müssen in solchen Fällen religiöse Führer, Theologen und andere Gläubige gegen-steuern – viele tun das auch. Aber religiöse Vernunft hat es schwer. Zudem entdecken derzeit viele Muslime weltweit den Islam als wichtigen Teil eigener Identität.

Da ist Kritik an Religion – und sei es Kritik an Auswüchsen – nicht sofort willkommen. Zumal dann nicht, wenn die restliche Welt bei religiös verbrämten Untaten sich schnell empört – mit Recht, bei Gewalt und Unrecht politischer Despoten aber seltsam stumm bleibt, ja denen auch noch Geld und Waffen zukommen lässt.