25.09.2014

Jahresserie Ü 50 – mittendrin! (9) - Freizeit und Bildung

Renn-Tier statt Rentner

In der Mensa ist Stoßzeit. Die Tabletts füllen sich mit Nervennahrung. Pommes werden zwischen die Vortragsbesprechung geschoben. Der Altersdurchschnitt liegt bei Anfang 20. Dietmar Wilde hat graue Haare. Er ist ein entspannter Student, denn er ist in Rente. Von Marie Eickhoff.

Dietmar Wilde Foto:Marie Eickhoff
Nicht nur bei Sonnenschein ist Dietmar Wilde gerne an der Goethe-Universität in Frankfurt. Das Studieren erfrischt ihn.    Fotos (2): Marie Eickhoff

Wasserflasche, Block und Stift. Viel mehr braucht er nicht in seinem grünen Rucksack. Das mit der Wasserflasche hat er sich bei den Jüngeren abgeguckt. Die bringen immer ihre eigenen Getränke mit in die Vorlesung. Jünger ist hier fast jeder. Dietmar Wilde studiert Theologie mit Nebenfach Geschichte an der Frankfurter Goethe-Universität – mit 66 Jahren.

„Studieren ist Freizeit“

Die Universität zu finden, ist einfach. „An der richtigen Haltestelle aussteigen und dann dem Strom der jungen Leute folgen“, erklärt Dietmar Wilde. Diesem Weg folgt er seit acht Semestern. Als seine Rente näher rückte, entschied er: Jetzt studiere ich. Gleich am ersten Tag nach seinem Abschied vom Arbeitsplatz schrieb er sich ein. Er möchte kein Rentner sein und nur die Ruhe des Ruhestands genießen. „Lieber ein ‚Renn-Tier‘, das gefällt mir besser.“

Aktuell schreibt er seine 14. Hausarbeit. Thema: Kirche und Medien. Das liegt Dietmar Wilde, der Pressesprecher bei der LBS-Bausparkasse war. Im Schreiben ist er geübt. Doch die erste Prüfung in Geschichte: mangelhaft. Schreiben allein reicht nicht. Dietmar Wilde lernt, wieder zu lernen. Er rauft sich zusammen, lernt Latein und Griechisch und sein Durchschnitt klettert auf 1,5.

Geld verdient er nicht mehr. „Aber schnell habe ich ein Umdenken erlebt, in dem, was ich als Gewinn sehe“, sagt der Rentner. Er möchte gefordert werden. Das ist für ihn Genugtuung.
„Studieren ist Freizeit, die ich nicht kostbarer verbringen könnte.“

Aktentasche war angesagt, vor 30 Jahren bei seinem ersten Studium in Würzburg. „Damals war das Lehrpersonal distanzierter“, weiß Volkswirt Dietmar Wilde noch. Die Autoritäten hat er als unnahbar empfunden. Das ist heute anders. Beim öffentlichen Fußballgucken mischen sich Professoren und Studenten.

Eine schwarze hölzerne Wand. Von unten sieht es aus, als würden die Stühle im Hörsaal in die Decke wachsen. „Am Anfang hatte ich Sorge wegen des mündlichen Auftritts“, erinnert sich Wilde. Im vollen Saal ein Referat zu präsentieren, das war ihm nicht geheuer. „Jetzt ist es ein Genuss.“ Er hat verstanden: Es kommt nicht auf das Wissen an, das man im Kopf hat, sondern wie man mit Fragestellungen umgeht. „Es war wichtig, dass ich da elastisch wurde.“

Wieder in der „richtigen Spur“ sein

Natürlich fällt er auf. Melierte Locken und Lesebrille. Das ist nicht typisch Student. Aber Dietmar Wilde fällt positiv auf. „Mein  Name war bei den Professoren schnell gängig.“ Zudem hat er zwei Söhne und einen guten Draht zur jüngeren Generation. Sie profitiert von seiner Erfahrung, er von ihrer Unbefangenheit. „Niemand hat einen Vorteil.“ Gemeinsam büffeln sie und gehen als Kommilitonen ins Theater. Seit er studiert, ist er gelassener. Der Senior erlebt sein zweites Studium intensiver: „Es dringt tiefer.“

Über diesen Flur sind schon viele gegangen. „Hier ist immer Gewusel. Der Lebendigkeit einer Großstadt entsprechend.“ Die Blicke suchen vertraute Gesichter. Der Betrieb gibt Dietmar Wilde ein „Familiengefühl“. Er fühlt sich wohl in der theologischen Fakultät. Als er 20 Jahre alt war, hat er sich von der Kirche abgesetzt. Nun möchte er wieder „in der richtigen Spur“ sein. Ihm ist bewusst, dass das Leben endlich ist. „Deshalb möchte ich mich nochmal systematisch mit dem Glauben beschäftigen.“ Ein geschlossenes Bild vom Glauben wünscht er sich und möchte dessen Geheimnissen näher kommen. Riskant, denn er könnte unerwartete Antworten auf Glaubens- und Lebensfragen bekommen. „Deshalb bete ich, dass ich meine kindlichen Überzeugung nicht verliere.“

„Studieren ist wie eine Zeitreise“

Per Paternoster geht es in die nächste Etage. Dort steht etwas, ähnlich einem Kaugummiautomaten. „Da sind Ohropax drin“, erklärt Dietmar Wilde. Wer studiert, braucht Ruhe. Deshalb gibt es vor der Bibliothek Ohrenschützer gegen Störgeräusche. Dietmar Wilde mag jedoch vor allem die Begegnung. Er kommt gerne ins Gespräch mit jungen Studenten. „Das weitet die Wahrnehmung.“

Im nächsten Jahr könnte es vorbei sein. Dann steht die Bachelorarbeit an, für die er schon Ideen sammelt. Dietmar Wilde denkt mit „Wehmut“ an seinen Abschluss und verzögert ihn absichtlich etwas. Wenn er sich fit fühlt, macht er noch den Master.

Hellblau, praktisches Visitenkarten-Format: Die „Goethe-Card“ beweist den Studenten-Status von Dietmar Wilde. Der Studentenausweis ist seine Eintrittskarte in die „geschlossene Welt“ des Frankfurter Campus, sein „Vorsprung gegenüber Mitsenioren“. Er genießt dieses Lebensgefühl. Studieren sei erfrischend. Wie eine Zeitreise in seine Jugend. „Ich fühle mich noch mittendrin.“

 

Zur Sache: Schnupperstudium

DIemtar Wilde. Foto: Marie Eickhoff
Studieren „weitet die Wahrnehmung“,
sagt Dietmar Wilde.

Wer Uniluft schnuppern möchte, muss kein Vollstudium machen. Augesuchte Vorlesungen können auch ohne Abitur besucht werden. Drei Beispiele für Studienprogramme für Ältere:

  • Goethe-Universität Frankfurt: Universität des dritten Lebensalters (110 Euro pro Semester)
    Telefon: 069 / 79 82 88 61; E-Mail: u3l@em.uni-frankfurt.de
  • Gutenberg-Universität Mainz: Studieren 50 plus (max. 130 Euro pro Seminar)
    Telefon: 06131 / 39 22 13 3 E-Mail: studieren-50plus@zww.uni-mainz.de
  • Hochschule Fulda: Gasthörer (100 Euro pro Semester)
    Telefon: 0661 / 96 40 14 06;  gaby.boch@hs-fulda.de