21.03.2014

Wassermangel am Beispiel von Ecuador

Sauberes Wasser – ein hohes Gut

780 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, 2,6 Milliarden Menschen leben ohne Sanitäreinrichtung, die Naturschutzorganisation WWF warnt vor einer Verschärfung der weltweiten Wasserkrise: der Weltwassertag am 22. März soll auf das Problem aufmerksam machen. Servio Curipoma aus Ecuador ist nur ein Beispiel von vielen weltweit.

Servio Curipoma sticht mit seiner Machete in die Erde. Nur wenige Zentimeter tief, und ein schwarz-glänzender Klumpen kommt zum Vorschein: verbranntes Öl, das sich mit Erde vermischt hat. Auf diesem Boden hat Curipoma sein Haus gebaut – ohne zu ahnen, dass er auf einer riesigen Grube voller Erdöl lebt. Nur abgedeckt durch aufgeschüttete Erde. "Das ganze Grundstück ist verseucht", sagt der 46-Jährige und zeigt mit der Machete auf seine ehemalige Kakaoplantage.

"Es ist die größte Umweltkatastrophe im ecuadorianischen Regenwald – verursacht durch Chevron-Texaco", sagt Pablo Fajardo. Er ist Anwalt und vertritt die Betroffenen, rund 30.000 Menschen. Texaco hat von 1964 bis 1990 Öl im Nordosten Ecuadors gefördert, "ohne sich um die Umwelt zu scheren". 2001 wurde Texaco vom Ölmulti Chevron aufgekauft, und dieser wurde stellvertretend zu 9,5 Milliarden Dollar Entschädigung verurteilt.

Rund 450.000 Hektar in den Provinzen Sucumbíos und Orellana gelten nach Angaben der Opferorganisation "Front zur Verteidigung des Amazonas" als hochgradig verschmutzt. Texaco habe die ersten Proben jeder Bohrung und die Ölrückstände einfach im Wald entsorgt, etwa 71 Millionen Liter Erdölrückstände und 64 Millionen Liter Rohöl. Mehr als 800 sogenannter Ölbecken soll es geben, darunter auch versteckte, die Texaco wie auf dem Grundstück von Servio Curipoma einfach mit Erde zugeschüttet hat.
 

Das Trinkwasser ist komplett verschmutzt

Das größte Problem ist aber das Trinkwasser. "Es ist komplett verschmutzt", sagt Curipoma. Zum einen haben sich die Schwermetalle des Öls im Boden abgelagert und sind ins Grundwasser gesickert. Zum anderen habe Texaco, so die "Front zur Verteidigung des Amazonas", Milliarden Liter giftiges Wasser, das zusammen mit dem Öl nach oben gepumpt wird, in nahe liegende Bäche und Flüsse gekippt. Und diese Gewässer nutzen die Menschen zum Kochen, Waschen und Baden – auch heute noch.

Mit Folgen: "Die meisten hier in San Carlos sterben an Krebs", sagt Curipoma. Es gebe keine Familie in der Nachbarschaft, die nicht mindestens einen Angehörigen durch die Krankheit verloren hat. Und tatsächlich, so zeigen Studien, ist die Zahl der Krebserkrankungen deutlich erhöht bei Menschen, die in der Nähe einer Ölplattform leben. Vor allem Magenkrebs und Leukämie sind verbreitet. Chevron bestreitet einen direkten Zusammenhang. Dieser könne medizinisch nicht nachgewiesen werden, erklärt das Unternehmen.

Seit 20 Jahren kämpfen die Betroffenen für eine Entschädigung und haben 1993 die erste Klage eingereicht. Der Fall Chevron-Texaco gilt als einer der größten Umweltprozesse aller Zeiten. 2011 ist Chevron vor Ort in Lago Agrio erstmals verurteilt worden, zu 19 Milliarden Dollar. Der Oberste Gerichtshof Ecuadors hat das Urteil im vergangenen November bestätigt und die Summe auf 9,5 Milliarden Dollar halbiert.
 

Vorerst ein Sieg für die Ölproduzenten

Chevron sieht die ecuadorianische Justiz und die Anwälte der Opfer als korrupt an – und bekam jetzt Recht. Ein Gericht in New York verweigerte Anfang März die Durchsetzung des ecuadorianischen Urteils. Es sei durch Bestechung und Betrug zustande gekommen. "Ein überzeugender Sieg", sagt Chevron-Sprecher James Craig dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Chevron trägt überhaupt keine Verantwortung für die Schäden im ecuadorianischen Regenwald." Die staatliche Ölfirma Petroecuador habe diese Schäden verursacht. Petroecuador bildete zusammen mit Texaco ein Konsortium und hat die Ölplattformen in den 1990er Jahren übernommen. Den Vorwurf weist Petroecuador entschieden zurück.

In den vergangenen Jahren habe sich einiges verbessert, findet Curipoma. Er konnte mit Hilfe eines Regierungsprogramms umsiedeln. Zwar nur wenige hundert Meter weiter, aber auf sauberen Boden. Dank internationaler Hilfe bekam er zwei Regenwassertanks, mit denen er sauberes Wasser nutzen kann. Doch viele andere Familien warten noch auf sauberes Trinkwasser. Dafür wollen sie weiter kämpfen. Die Anwälte haben angekündigt, gegen das New Yorker Urteil Berufung einzulegen.

Von Regine Reibling/epd