22.02.2012

Kommentar

Sehnsucht nach Moral

Von Ulrich Waschki

Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende: Irgendwie ist es schon erleichternd, dass Christian Wulff mit seinem Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten die quälenden Diskussionen und die Jagd nach immer neuen Schlagzeilen beendet hat. Um es klar zu sagen: Die Verantwortung, dass es zu diesem Rücktritt gekommen ist, trägt der Zurückgetretene selbst. Seltsame Freundschaftsdienste, sonderbare Erklärungen dafür und nur stückchenweise Aufklärung – das hat niemand anders als Christian Wulff selbst zu verantworten.

Doch Selbstkritik ist auch für Medien und Journalisten angesagt. Sie haben bei der Jagd auf Wulff Fehler gemacht, sich oft scheinheilig verhalten und von der Lust am Skandal treiben lassen. Und so schwingt neben der Erleichterung auch ein Hauch von Tragik mit: Lange hat Wulff gekämpft, sich gerechtfertigt und am Ende doch verloren. Tragische Momente sicher auch für die Familie des ehemals ersten Mannes im Staat. Nun lasst ihm doch wenigstens seinen Ehrensold, will man manchem immer noch nachtretenden und allzu selbstherrlich auftretenden Jura-Professor zurufen. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles zeigt Größe – sie hat sich für den Ehrensold für Wulff ausgesprochen.

Eine positive Erkenntnis bleibt nach der „Affäre Wulff“: Der Rechtsstaat in Deutschland funktioniert. Eine Staatsanwaltschaft, die sich traut, gegen den Bundespräsidenten ein Ermittlungsverfahren einzuleiten, das gibt es nicht überall auf der Welt. Darauf können wir stolz sein.
Die Diskussion um Wulff und dessen Nachfolge zeigt, dass es in unserem Land eine Sehnsucht nach Vorbildern, nach moralischer Integrität gibt. Schade, dass davon im Alltag manchmal so wenig zu spüren ist. Am Ende der – übrigens doch sehr kurzen – Kandidatensuche sollen mit Joachim Gauck und Altbischof Wolfgang Huber nur noch zwei evangelische Theologen im Rennen gewesen sein. Was sagt uns das? Nur noch Menschen, die das sozusagen beruflich machen, sind integer und glaubwürdig? Hoffentlich nicht. Moralisch handeln kann jeder, jeden Tag.

Die kleine Ungenauigkeit bei der Schadensmeldung für die Versicherung, die Reparatur ohne Rechnung, die nicht beim Finanzamt angemeldete Zusatzeinnahme – auf Deutsch: Versicherungsbetrug, Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung. Das alles haben wir längst zu lässlichen Sünden erklärt. Kein Problem, die Hüter der Moral im Staat sind ja nicht wir Bürger selbst. Dafür haben wir „die da oben“. Zeit zum Umdenken.