15.06.2012

Vor dem Weltgipfel in Rio

Sie müssen die Welt retten

Vor 20 Jahren schickten sich Staats- und Regierungschefs auf dem Weltgipfel von Rio de Janeiro an, unseren Planeten zu retten. In wenigen Tagen treffen sich erneut rund 100 Staats- und Regierungschefs in Rio zum Nachfolgegipfel „Rio+20“. Viel weiter als vor 20 Jahren ist die Welt heute nicht.

Die Probleme, die vor 20 Jahren beschrieben wurden, sind immer noch nicht gelöst: Noch immer blasen wir zu viel CO2 in die Atmosphäre, so dass es auf der Erde immer wärmer wird – mit üblen ökologischen und sozialen Folgen. Noch immer verbrauchen wir so viele natürliche Ressourcen, dass sich die Erde davon nicht erholen kann. Langsam aber sicher verbrauchen wir unsere Erde.

Das war schon vor 20 Jahren klar. Damals wurde in Rio ein Umdenken vereinbart. „Nachhaltige Entwicklung“ war das Stichwort. Eine Anleihe aus der Forstwirtschaft: Nachhaltig bedeutet, dass ein Waldbesitzer immer nur so viel Holz schlägt, wie auch nachwachsen kann. Der Wald wird nicht ausgebeutet, sondern bleibt langfristig erhalten. Doch von dieser Nachhaltigkeit sind wir weit entfernt: Eineinhalb Jahre bräuchte die Erde, um sich vom tatsächlichen weltweiten Ressourcenverbrauch eines Jahres zu erholen.

Natürlich ist in Sachen Umweltschutz viel passiert in den vergangenen 20 Jahren. Doch vielfach geschieht das aus Eigennutz, nicht aus globaler Verantwortung. Manche Industriestaaten wie Deutschland sind bereit, in einigen Bereichen Einschnitte hinzunehmen, um als Vorbilder voranzugehen.

Umweltschutz nur aus Eigennutz

Dennoch: Weltweit sieht die Lage nach wie vor bedrohlich aus. Und mittlerweile ist klar: Der Verbrauch der Umwelt hat soziale Konsequenzen. Umweltschutz und Gerechtigkeit gehören zusammen, postulieren Entwicklungshilfeorganisationen. Umweltkatastrophen verursachen Armut, Hunger und Migrationsbewegungen. Ein großes Problem: Die Verursacher dieser Katastrophen sind meist nicht die Leidtragenden. Der reiche Norden und die Schwellenländer heizen die Atmosphäre auf. Unter dem Treibhauseffekt leiden aber erst einmal die ganz armen Länder, etwa untergehende Inselstaaten Ozeaniens.

Verursacherstaaten ist deshalb die eigene wirtschaftliche Entwicklung wichtiger als der globale Klimaschutz. 20 Jahre nach dem Weltgipfel in Rio soll nun ein weiterer neuen Schwung bringen. Eine „Chance, die es nur einmal in einer Generation gibt“ nennt UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon die Konferenz. Er ist zuversichtlich, dass die Staatenlenker in Rio ihre Verantwortung für den Planeten wahrnehmen. Anders sehen das Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Sie befürchten, dass in Rio keine entscheidenden Fortschritte gemacht werden. Die Befürchtung ist berechtigt: So hat das UN-Umweltprogramm jetzt eine ernüchternde Bilanz bisheriger Abkommen gezogen. Nur in vier von 500 global vereinbarten Umweltschutzzielen haben die UN-Experten entscheidende Fortschritte festgestellt: etwa beim Verbot von Schadstoffen, die die Ozonschicht schädigen oder beim Zugang zu sauberem Trinkwasser.

Gut zu leben, heißt nicht, viel zu haben

In Rio will die UN das Prinzip der „Grünen Wirtschaft“ etablieren: Durch Fortschritte im Umweltschutz soll Wirtschaftswachstum erzeugt werden. Unsinn, kritisieren NGOs: Um die Welt zu retten, ist ein anderer Lebensstil notwendig. Höher, schneller, weiter nur mit grünem Anstrich funktioniert nicht. Wir müssen Verzicht üben, uns bescheiden. Christen können dabei Vorbilder sein: „Unser Glaube hilft uns, ‚gut leben‘ und ‚viel haben‘ zu unterscheiden“, schreiben die katholische und evangelische Kirche in Deutschland in einer Stellungnahme zur Rio-Konferenz.

Ulrich Waschki