02.08.2014

Kommentar

Sinnloses Wahlgeschenk

Von Ulrich Waschki

Da ist es wieder, das Betreuungsgeld. Ein Jahr nach seiner Einführung am 1. August 2013 ist es wieder in der Diskussion. Weil Wissenschaftler in einer bislang unveröffentlichten, aber einigen Medien vorliegenden Studie genau das nachgewiesen haben, was Kritiker schon vorab befürchtet haben: Das Betreuungsgeld ist ein Anreiz für Familien aus schwächeren sozialen Gruppen, auf die Betreuung in der Kindertagesstätte zu verzichten und stattdessen bislang 100 und künftig 150 Euro monatlich einzustreichen.

Man musste kein Prophet sein, um genau das vorherzusehen. Das CSU-Wahlgeschenk führt also nicht wie versprochen dazu, dass Eltern endlich Wahlfreiheit bekommen. Nein, es setzt einen Anreiz, dass genau die Familien auf Unterstützung und Förderung verzichten, die sie gut gebrauchen könnten.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Betreuung in Kinderkrippe, Kindergarten, Hort und Schule ist kein Allheilmittel. Familien sollen selbst entscheiden können, wie sie ihre Kinder erziehen und ihr Leben gestalten. Die meisten Familien machen das sehr pragmatisch und mischen die eigene Betreuungszeit mit der Zeit in Einrichtungen.

Fatal sind Tendenzen, die zu einem immer stärkeren Zwang führen, sein Kind in Kita oder Schule betreuen zu lassen. Weil man eben meint, mit einem Ganztagszwang die kritischen Familien besser erreichen zu können oder weil es für die Organisation einfacher ist. Während vor einigen Jahren kaum Kindergärten eine Betreuung über den Mittag hinaus anboten, müssen mittlerweile Eltern schon fast suchen, wenn sie ihr Kind nur zwischen 9 und 12 Uhr betreuen lassen wollen.

An manchen Schulen, für manche Politiker scheint die Traumvorstellung zu sein, dass die gesamte Schulgemeinschaft sich mittags in der Schulmensa zum Essen versammelt. Wenn das freiwillig geschieht, weil Eltern eine Wahl hatten – gut. Wenn nicht, ist das das andere Extrem, das vermieden werden muss. Es gibt nach wie vor genügend Familien, die mit der Erziehung ihrer Kinder nicht überfordert sind und das Ausmaß der Fremdbetreuung gerne selbst bestimmen.

Das Betreuungsgeld hilft ihnen dabei aber nicht. Wenn es überhaupt helfen soll, müsste es in ein erweitertes Elterngeld umgewandelt werden. Einkommensabhängig, ohne Vorschriften zur Art der Kinderbetreuung. Wenn alle CSU-Versprechen so „sinnvoll wirken“, kann man vor der Autobahngebühr jetzt schon Angst bekommen ...