14.05.2014

Kommentar

Spaltpilze gibt es genug

Von Roland Juchem

Am Donnerstag beginnen die Wahlen zum Europaparlament – je nach EU-Land gehen sie bis zum 25. Mai, wenn in den meis-ten Ländern gewählt wird, auch bei uns. Alle wahlberechtigten EU-Bürger – ob sie von ihrem Recht nun Gebrauch machen oder nicht – entscheiden wesentlich mit über unseren Kontinent.

Zunächst einmal zeigen sie, wie wichtig ihnen unser Europa überhaupt ist, der derzeit wohlhabendste, sicherste und kulturell abwechslungsreichste Lebensraum der Welt. Eine Region, von der Menschen weltweit träumen, sich inspirieren lassen möchten – und die uns daher genau beobachten: Sind die Europäer inzwischen so satt, dass sie sich desinteressiert und apathisch nationalen Streitigkeiten und individualistischem, billigem Konsum hingeben? Oder bauen sie weiter an jenem Traum von Frieden, Sicherheit und Solidarität, mit dem es einst begonnen hat? Nicht nur Leute wie Wladimir Putin schauen sich an, wie viel Solidarität, Leidenschaft und Stärke in unserer europäischen Gemeinschaft noch stecken. Auch unsere Kinder und Enkel wollen das wissen.

Denn unsere „Insel der Seligen“ hat längst Risse. Vor allem die Finanz- und Wirtschaftskrise hat in etlichen Regionen schwere Probleme sowohl offengelegt wie auch verursacht: schlechte Staatsführung, soziale Ungerechtigkeit und große Armut. Das komplexe, vielseitige und mit nationalen Traditionen versehene Gebilde Europa ist nichts für einen zentralen Einheitsstaat; in Form zerstrittener Kleinstaaten – und das wären dann auch Deutschland, Frankreich, Polen oder Großbritannien – hat es aber erst recht keine Zukunft.

Unser Parlament in Straßburg hat heute viel Einfluss. Die meisten der 751 Abgeordneten – ob die 96 aus Deutschland oder die jeweils sechs aus Estland, Luxemburg, Malta und Zypern – arbeiten hart an der Balance zwischen regionalen Interessen und dem Gemeinwohl der ganzen Union. Zwei Dinge sind daher wichtig:

1. Überhaupt wählen zu gehen – auch damit Abgeordnete, die viele Wählerstimmen hinter sich wissen, selbstbewusster sein können gegenüber Lobbyisten.

2. Kandidaten wählen, die sich um zentrale Probleme kümmern: um Jugendarbeitslosigkeit, um Solidarität, menschenwürdigen Umgang mit Migranten, Umwelt- und Klimaschutz, Pflege alter Menschen, Lebensschutz und Familien.

Und jenen die Stimme verweigern, die fraglos vorhandene Probleme mit dem Rückgriff auf nationale oder ethnische Klischees bewältigen wollen und so Europa spalten. Spaltpilze gibt es derzeit genug.