19.03.2014

Kommentar

Stärke allein reicht nicht

Von Ulrich Waschki

Mit Kardinal Reinhard Marx haben sich die deutschen Bischöfe für den starken Mann an der Spitze der Bischofskonferenz entschieden. Dahinter stand wohl der Wunsch, im medialen und politischen Dauerfeuer endlich jemanden zu haben, der kraftvoll und durchsetzungsstark die katholische Kirche nach außen vertreten kann. Der noch dazu hervorragende Drähte nach Rom hat.

Das kann in der Tat helfen, Vertrauen zwischen der deutschen Kirche und der Zentrale in Rom aufzubauen und so endlich den immer wieder aufkommenden Verdacht loszuwerden, die Deutschen seien unsichere Kantonisten. Und vielleicht hoffen viele, die Marx gewählt haben, dass dieser starke Mann auch die Deutsche Bischofskonferenz wieder zu neuer Einheit führen kann.

Denn hinter den Kulissen scheinen die Gräben und Unterschiede zwischen den deutschen Bischöfen groß. Da herrscht Uneinigkeit über die Rolle der Bischofskonferenz – der ehemalige Vorsitzende der Konferenz, Erzbischof Zollitsch, widersprach Eindrücken, er habe die Autonomie der einzelnen Bischöfe infrage stellen oder einen Moloch Bischofskonferenz schaffen wollen. Es gibt deutliche Meinungsverschiedenheiten in bestimmten Fragen – aktuell etwa bei der Familienpastoral. Und nicht zuletzt scheinen viele auch Angst vor einer offenen und (selbst-)kritischen Debatte zu haben.

Vielsagend ist auch die Diskussion um eine Verlagerung des Sekretariates der Bischofskonferenz von Bonn nach Berlin. Einige Bischöfe instrumentalisieren die wichtige Frage der angemessenen katholischen Präsenz in Berlin, um unter dem Stichwort „Entweltlichung“ eine Schwächung der Bischofskonferenz als Institution zu erreichen.

Die Bischofskonferenz ist auf Selbstsuche. Der starke Mann an der Spitze ist noch keine ausreichende Lösung. Eine Neubesinnung, ein Mentalitätswandel in der Kirche ist nötig. Der Schwung von Papst Franziskus zeigt: Es geht darum, die Botschaft glaubwürdig vorzuleben (Das gilt übrigens für alle Christen, nicht nur für Bischöfe). Das betrifft Stilfragen – im persönlichen Leben, in der Liturgie, in der Zusammenarbeit mit anderen –, aber auch Inhalte.

Erzbischof Zollitsch hatte einmal das Ideal einer „pilgernden, hörenden und dienenden Kirche“ gezeichnet. Keine unbewegliche, allwissende und herrschende Kirche. Ein erster Lackmustest dafür ist die aktuelle Diskussion um die Familienpastoral. Eine erste Herausforderung auch für den starken Mann an der Spitze der Bischofskonferenz.