01.06.2015

Videoportale werden für klassische TV-Sender immer mehr zur ernsten Konkurrenz

Stirbt das Fernsehen?

Nun ist es passiert. Reed Hastings, Chef von Netflix, hat den Tod des Fernsehens, wie wir es kennen, prophezeit. Und so ganz falsch liegt er damit wohl nicht. Auch in Deutschland schießen Streamingdienste und Videoportale wie Pilze aus dem Boden.

Fernsehen unabhängig vom Raum und Zeit (Foto: Netflix)

Reed Hastings ist kein Prophet; auch wenn seine Worte - vor allem für die ältere Generation - vielleicht so klingen mögen... In einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“ sagte der Chef des Film- und Serien-Streamingdienstes Netflix jüngst, „in einigen Jahren werden wir auf das Fernsehen zurückblicken wie heute auf das Faxgerät.“ Das saß. Und weil er gerade in Fahrt war, haute der 54-Jährige noch einen raus, und weissagte den Tod einer anderen technischen Errungenschaft, die gerade mal vor 139 Jahren das Licht der Welt erblickt hat. „Unsere Kinder werden schon bald nicht mehr wissen, was ein Festnetztelefon ist, weil sie nur noch mobil telefonieren.“ Und weil sich die technische Welt immer schneller dreht, glaubt Hastings fest daran, dass „die meisten Menschen in zehn Jahren nur noch über das Internet fernsehen schauen werden“.

Der Trend ist der "Friend" von Videoportalen und Streamingdiensten

Der Trend jedenfalls scheint dem Mann recht zu geben. Das beweisen allein die stetig steigenden Seitenaufrufe von Portalen wie YouTube, Vimeo oder Clipfish! Mehr noch: Auch das „normale“ Fernsehen wird inzwischen von Anbietern wie der Telekom oder Vodafone immer häufiger über schnelle Daten-, Mobilfunk- und Telefonleitungen verbreitet. Klassische Vertriebsformen wie Kabel, Satellit oder terristrische Signale (etwa DVBT) stagnieren da eher. Auch die Gründe dafür, warum nach dem Tod des analogen Antennenfernsehen bald das sogenannte „lineare Fernsehen“ aussterben könnte, liegen zumindest für Menschen wie mich auf der Hand. Von wenigen Ausnahmen – wichtigen Fußballspielen oder großen Live-Ereignisse wie dem Eurovision Song Contest - einmal abgesehen, mag ich keine festen Programmzeiten.

Der "Tatort" in der ARD-Mediathek (Screenshot)

Damit ich mir „meinen“ Tatort genau dann ungestört anschauen kann, wann es mir passt - und eben nicht der ARD - habe ich mir bereits vor Jahren einen Fernseher mit sogenanntem USB-Recording zugelegt. Aus den gleichen Gründen, und weil man damit die lästige Werbung der Privaten so wunderbar überspulen kann, werden auch immer mehr Digitalreceiver und Festplattenrecorder verkauft. „Warum auch sollte man sich einen Film erst dann ansehen, wenn er ausgestrahlt wird“, fragt Hastings; und spricht mir damit aus dem Herzen; auch wenn ich an dieser Stelle ahne, dass seine Intentionen vielleicht ganz andere sind als meine. Denn Hastings will Geld machen, und nicht wie ich auf immer neue, kostenlose (von den GEZ-Gebühren einmal abgesehen) Mediatheken zugreifen.

Aus den gleichen Gründen – Unabhängigkeit von Raum, Ort und Zeit – feiern derzeit auch Streamingdienste wie Amazon Prime Instant Video, Videoload oder Maxdome (nur um mal ein paar Beispiele zu nennen) fröhliche Urstände bzw. Umsatzrekorde. Wie bei Netflix kann kann man hier die meisten Filme und Serien bereits sehen, lange bevor sie ins Fernsehen kommen. Werbesprüche von der ach so tollen „Free-TV-Premiere“ entlocken daher immer mehr (meist jungen) Menschen bestenfalls noch ein mitleidiges Lächeln. Sie haben irgendwo im Netz fast alles schon gesehen…

Spacey in "House of Cards"
(Foto: Netflix)

Tatsächlich wachsen derzeit nur wenige Unternehmen so rasant wie die genannten Internetfirmen. Mehr als 60 Millionen Menschen weltweit nutzen aktuell den erst 1997 gegründeten TV-Dienst Netflix. In knapp sieben Jahren möchte Hastings in Deutschland – wie zuvor bereits in den USA – etwa einen ein Drittel aller Haushalte mit Breitbandanschluss erobert haben. Dann wäre das Unternehmen sogar größer als Sky, das ja auch schon länger weite Teile seines Programms mobil (über Sky Go) ausstrahlt. Wie groß und finanzstark Netflix schon heute ist, zeigt auch die Tatsache, dass die US-Amerikaner - anders als die meisten anderen Streamingdienste - neuererdings sogar eigene Inhalte produzieren. Die überaus erfolgreiche US-Fernseh-Serie „House Of Cards“ mit Kevin Spacey ist ein Baby von Hastings Medienfirma.

Alles hat seinen Preis

Doch in einem Punkt könnte Hastings seine Rechnung eventuell ohne den „Wirt“ gemacht haben. Angesichts des enormen Datenverkehrs, den die Film-Portale verursachen, wächst bei den großen Breitbandanbietern der Widerstand, deren Produkte weiterhin kostenlos an den Endverbraucher durchzuschleifen. Weil Netflix bereits heute in der Hauptsendezeit am Abend ein Drittel des gesamten Internetverkehrs in den USA verursacht, haben Unternehmen wie die Deutsche Telekom Netflix jetzt aufgefordert, sich an den Netz-Ausbaukosten zu beteiligen. Wie das Tauziehen ausgehen ist zwar noch ungewiss. Nur eines steht bereits fest: Der Tod des (werbefinanzierten) Fernsehens wird uns Verbraucher nteuer zu stehen kommen. Die Kosten für Medien und Kommunikation sind für etliche Haushalte längst zu einer Art zweiten Miete geworden.

Ihr Webreporter Andreas Kaiser