07.06.2012

Diskussion um die richtige Form der Kinderbetreuung

Stoppt den Kulturkampf!

Endspurt in der Debatte um die richtige Kinderbetreuung:  Das Betreuungsgeld ist auf dem Weg. Ein Zehn-Punkte-Programm soll den Kita-Ausbau voranbringen. Doch die Diskussion ähnelt noch immer einem Kulturkampf. 

 

Wenn Arbeitgeber mehr staatliche Kinderbetreuung fordern, weil Frauen auf dem Arbeitsmarkt gebraucht würden, ist das ein Skandal und die von Kritikern befürchtete Ökonomisierung der Familien. Dabei müsste nicht das Wohl von Unternehmen, sondern das der Kinder und Familien im Mittelpunkt stehen. Und das erfordert keinen Kulturkampf. Denn der verunsichert Familien, weil sie sich wahlweise als Rabeneltern oder als fast reaktionär-konservativ eingeordnet sehen. Fachleute sind sich einig: So bunt wie die Familien, so bunt sind die nötigen Modelle der Kinderbetreuung.

Jedes Kind ist anders. Und jede Familie. Für das eine Kind kann es gut sein, mit zwei Jahren täglich in einer Krippe betreut zu werden. Für ein anderes kann das eine seelische Katastrophe sein. Und für die eine Mutter – meist sind es immer noch die Mütter – ist es die Erfüllung, für die Kinder zumindest für einige Jahre auf den eigenen Beruf zu verzichten. Für die andere wiederum ist das aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich oder sie braucht für die eigene Zufriedenheit die Abwechslung zwischen dem Leben als Mutter und Arbeitnehmerin.

Eine Gemeinsamkeit gibt es für alle Kinder: In den ersten Lebensjahren müssen sie Wurzeln schlagen, eine feste Verbindung knüpfen, die ihnen Sicherheit gibt, um die Welt zu entdecken. Bindung ist das Schlüsselwort: „Für die Entwicklung des kindlichen Sicherheitsgefühls, für die Entfaltung seiner Persönlichkeit und für die seelische Gesundheit ist eine verlässliche Beziehung zu den Eltern am förderlichsten“, schreibt die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung.

Die Krippenbetreuung hat Grenzen. Säuglinge gehören nach Hause. Der Familienbund der Katholiken verweist auf Forscher, die eine außerhäusliche Betreuung ab eineinhalb Jahren für unproblematisch halten. Wenn die Qualität stimmt und wenn sie in einem für das Kind vernünftigen Zeitrahmen bleibt.
Grenzen entdecken Familien auch bei der Betreuung zu Hause: Vielleicht fehlen die Geschwister, um das Miteinander mit anderen zu lernen. Vielleicht brauchen die Eltern Entlastung. Um von häufig beschworenen Problemfamilien, die dringend Hilfe von außen brauchen, gar nicht anzufangen.

Die Hälfte der zweijährigen Kinder wird schon heute in Kinderkrippen oder von Tagesmüttern betreut. Weitere Eltern warten. Der Großteil will die Betreuung außer Haus nur für wenige Stunden am Tag. Das zeigt: In den meisten Fällen geht es nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch. Pragmatisch und individuell. Ohne Kulturkampf.

Ulrich Waschki