08.02.2017

Taten, nicht Worte

Der Kinderarzt August Ermert glaubt, dass der „liebe Gott“ nur in Kindergebeten vorkommt. Und dass das, was Menschen verletzt, nicht christlich sein kann. Ein weiter Weg vom Messdiener bis zum Großvater, der Enkeln antworten muss. Von Ruth Lehnen.

August Ermert Foto: Ruth Lehnen
Kinderarzt Dr. August Ermert. Was sein Leben prägt und geprägt hat, sehen
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„Immer brennen, nimmer raus“. So tickt die Uhr der Hölle. Das lernte der Köln-Merheimer Junge im Religionsunterricht. Die Drohung mit der Hölle und ein „Fürchtegott“ herrschten in August Ermerts Kindheit am Rhein. Er ist 1934 geboren und hat die Bombennächte noch miterlebt, das brennende Köln. Er war Messdiener im Kölner Dom, seine Tanten beteten darum, dass er Priester wird. Daraus wurde nichts. Er ist seit 52 Jahren mit seiner Frau Marlis verheiratet, sie haben fünf Kinder und acht Enkel.
„Meine Eltern haben unter dem Katholischsein gelitten“, sagt August Ermert. „Ein Auge ist, das alles sieht, was in finsterer Nacht geschieht“: Ein solches Gottesbild sei „Terror“. Er erinnert sich, dass seine Mutter, wenn sie besonders schöne Musik hörte, eine Kantate etwa, zu weinen anfing: „Da fallen mir alle meine Sünden ein“, sagte sie.

Fahnenträger August Ermert Foto: Archiv
August Ermert als Fahnenträger
in Köln Merheim Foto: privat

Von dieser Art Religionsauffassung hat sich der 82-Jährige ganz und gar losgesagt. Vom Kölner Dom, vom Dreikönigsschrein und der Madonna im Rosenhag aber nicht. Sie schmücken als Plakate sein Mainzer Arbeitszimmer. Vor einiger Zeit hat sich August Ermert eine schwere schwarze Bibel auf Latein angeschafft, antiquarisch. Darin liest er jetzt öfter, angeblich nur, um das Lateinische nicht zu vergessen. Und betet er? Es gebe da so ein Abendritual, erzählt er, bei dem er die Familie durchgeht. An alle denkt, besonders an die, denen es nicht gutgeht. Das sei wohl so etwas Ähnliches wie beten.

Sein erster Beruf war „grafischer Zeichner“, dann kam das Abendgymnasium. Und nun stand August Ermert in einer langen Schlange, um sich fürs Studium einzuschreiben. Er wollte Berufsschullehrer werden. Aber er hatte die falsche Schlange erwischt und war auf einmal bei der Medizin. Und schrieb sich ein!

Die Medizin, warum war er nicht früher darauf gekommen? „Da stehst du an einer falschen Theke: Das war meine Berufung!“ Ein ungeheures Gefühl der Befreiung setzte ein, die Erkenntnis, dass hier ein riesiges Betätigungsfeld auf ihn wartete. Erlösung, Freude: Jetzt schien er den Schlüssel in der Hand zu haben, um den Menschen zu durchschauen, um das Ganze zu erfassen.

Als Arzt sprach er nicht mehr vom lieben Gott: „Der ,liebe Gott‘ kommt nur in Kindergebeten vor.“ Aber was er als Junge gelernt hatte – „Ich diene“ war das Motto der Pfadfinder gewesen – das konnte er jetzt brauchen. Ermert wurde als Kinderarzt zum Spezialisten für Spina bifida, den „offenen Rücken“. Es handelt sich um eine angeborene Querschnittslähmung, die je nach Ausmaß der Lähmung zu unterschiedlichen Beeinträchtigungen führt. Kinder mit diesem Krankheitsbild wurden noch bis in die 1960er Jahre in Deutschland abgeschoben, unterversorgt. Fast tot fand er sie vor: „Das Elend dieser Kinder, wie die eingehen, wie die kaputtgehen“, das ließ ihn nicht los.

Etwa 1000 von diesen Kindern hat er in seinem Arztleben behandelt. Seine Auffassung vom Glauben war jetzt, dass es auf Taten ankommt, nicht auf Worte. Sein „Kernsatz“ lautet heute noch: „Was unmenschlich ist, was die Menschen verletzt, das kann nicht christlich sein.“

Mit seinen Schützlingen hat der Kinderarzt bis heute Kontakt. In Bad Kreuznach in der Teestube der Diakonie trifft August Ermert viele wieder, die er seit ihrer Kindheit kennt. Er schüttelt Hände, wird umarmt. Etwa 15 Rollstuhlfahrer sind gekommen: „Von jedem hier habe ich mindestens anderthalb Kilo Akten“, sagt er später.

Der Doktor hat eine PowerPoint-Präsentation mitgebracht mit „Fotos von früher“. Alle, die hier sind, gehören zur „Pioniergeneration“. Sie haben erlebt, wie die medizinische Versorgung immer besser wurde. Ermert und die Patienten selbst haben über Jahrzehnte einen Kampf geführt und manche Erfolge errungen. Der Arzt sieht das Positive: „Ich find’ das so toll, dass Sie hier sitzen und sich des Lebens freuen.“

Claudia Gänßler wird in diesem Jahr 50. Die Rollstuhlfahrerin sagt: „Wenn man sich das überlegt, dass wir gar nicht leben würden, und ich bin immer noch da …“ An Dr. Ermert findet sie gut, „dass er uns immer alles erklärt hat. Auch als wir Kinder waren, hat er es uns alles so erklärt, dass wir verstanden haben, was gemacht wird.“ Carola Weinz sagt, der Arzt sei „ein lieber netter Mensch und ein guter Facharzt“.

Bei der Rückfahrt nach Mainz spricht August Ermert über seine Enkel. An ihnen macht er manches gut, was er an seinen Kindern versäumt hat – jetzt hat er endlich Zeit. Vor kurzem, auch im Auto, hat ihn ein Enkel gefragt, ob er an Gott glaubt.

„Du stellst aber Fragen!“, hat er überrascht gesagt. Festgelegt hat er sich nicht? Doch. Seine Antwort war: „Na klar.“

 

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Zur Sache: Hilfe für andere

Für diese Ziele und Organisationen engagiert sich August Ermert:

  • ARQUE – Selbsthilfeverein von und für Menschen mit Spina bifida und deren Angehörige: www.arque.de
  • ASBH-Stiftung – Stiftung der Arbeitsgemeinschaft Spina bifida und Hydrozephalus: www.asbh-stiftung.de
  • Pater-Stens-Stiftung Thusanang – Gegenseitige Hilfe von und für junge Menschen im südlichen Afrika: www.thusanang.com