14.11.2012

Die Fantasie spendet sterbenden Kindern oft Kraft für den letzten Weg

Unterwegs zum goldenen Vogel

Es ist ein Abschied auf Raten, den Trauerbegleiter Hans Stolp immer wieder erlebt hat. Wenn Menschen sterben, fühlen sowohl Hinterbliebene als auch Seelsorger häufig eine Mischung aus Mitgefühl, Traurigkeit, Hoffnung und Erlöst-heit in sich aufsteigen. Wohl zu den größten Herausforderungen im Leben gehört es, Kinder in den Tod zu entlassen.

Wenn Viktor dasitzt, hat Johan keine Schmerzen. Von seinem Bett aus schwebt er zu ihm hin-über. Viktor, ein blauer Vogel und Konstrukt seiner Fantasie, hilft dem Jungen durch die letzten Wochen seines Lebens. Wie im Traum taucht er plötzlich auf der Fensterbank auf und macht dem Jungen Mut. Bald werde der goldene Vogel ihn holen, teilt Viktor ihm mit.

 

Seit fünf Monaten liegt Johan im Krankenhaus; jeder weiß, dass er sterben wird. „In mir geht es so heftig zu, als wäre ein Aufstand ausgebrochen“, sagt er. Und fühlt sich wie in einem Gefängnis; er träumt davon, endlich aufzubrechen in die Freiheit. „In dir wachsen Knospen, und es dauert nicht mehr lange, dann springen sie auf“, teilt der Vogel  dem kranken Jungen mit. „Die Geburt eines neuen Lebens tut weh, manchmal sehr weh“, sagt er. „Doch jeder Schmerz bringt die Blüte näher.“ In seinem Buch „Bleib, mein goldener Vogel“ beschreibt Hans Stolp auf sehr sensible Weise die Geschichte eines Jungen, der sich bereits zwischen den Welten befindet: Während der goldene Vogel auf Johan wartet, weiß der Zwölfjährige, dass er bald am Ende seiner Reise angekommen sein wird: „Neben meinem Bett strahlt plötzlich ein Lichtfleck auf. Er wächst, wird zu einer Gestalt, die hell glänzt“, erzählt er im Buch. „Die Gestalt sieht aus wie Gott auf dem Bild von der Jakobsleiter.“ In diesem Moment verschwinden Johans Schmerzen.

„Das letzte Stückchen ist nicht mehr schwer“

„Heute Nacht hat er mich besucht“, berichtet Johan daraufhin seiner Mutter. „Ich glaube, es war Gott. Jetzt habe ich keine Angst mehr.“ Sein Vater, der schon seit einigen Jahren tot ist, begleitet Johan auf seinem Weg zum goldenen Vogel – davon ist er überzeugt: In der Vorstellung des Jungen kommt dies einer Tour zweier Bergsteiger gleich, die nicht mehr weit vom Gipfel entfernt sind. „Das letzte Stückchen ist nicht mehr schwer“, verrät ihm Viktor, der ihn ein letztes Mal im Krankenhaus besucht. „Du fühlst die Weite der Welt auf dem Berggipfel schon um dich herum, und die gewöhnliche Welt liegt weit unter dir.“ So weit, dass es kaum noch schmerzt, sie zu verlassen. Als Johan stirbt, steht der Kirschbaum vor dem Klinikfenster in voller Blüte.

Hans Stolp hat Johan – ebenso wie viele andere Kinder – während der letzten Monate seines Lebens begleitet. Für den holländischen Pfarrer und Autor, der auch Vorträge und Seminare zum Thema Tod und Sterben hält, gehört es mit zu den schwersten Stunden und größten Herausforderungen des Lebens, so für Kinder da zu sein, wie sie es beim Abschiednehmen brauchen: Da geht es insbesondere um Dasein, Zuhören, trösten, so der Theologe. „Vor dem Tod braucht man keine Angst zu haben“, findet der 69-Jährige, „er ist keine Bedrohung.“ Doch: „Man sollte ihm mit Ehrfurcht begegnen.“ In seiner jahrelangen Erfahrung als Sterbebegleiter hat der Lehrer oft erlebt, dass Kinder sich besser mit dem Danach auseinandersetzen können als Erwachsene.

 

„Vielleicht können sie das Geheimnis des Todes eher begreifen als wir“, sagt Stolp. Den Tod zum Thema, ihn zum Gegenstand einer klaren Botschaft machen – für den Theologen ist dies ein Lebensauftrag. „Wenn Menschen sehr krank sind“, sagt er, „gibt es keine Mauer mehr. Sie kehren ihr Herz nach außen.“ Einen sich derart öffnenden Menschen begleiten zu dürfen, ist für den Pfarrer ein großes Geschenk.

Die „Echtheit“ der Kinder fasziniert den Seelsorger

Besonders die „Echtheit“ der Kinder fasziniert ihn: einmal habe ein sterbendes Kind lange in seinen Armen geweint. „Nachdem es sich ausgeweint hatte“, erzählt Stolp, „wollte es, dass ich ihm einen Witz nach dem anderen erzähle – und wir haben zusammen gelacht, herzhaft gelacht.“ Noch heute zaubert ihm dieses Erlebnis ein Lächeln aufs Gesicht.

„Bleib, mein goldener Vogel“ ist eine Zusammenfassung von dem, was er über viele Jahre erlebt hat: „Ich musste einfach aufschreiben, was mich beschäftigt“, sagt er. „Das war meine Art der Verarbeitung.“ Als das Buch fertig war, habe er sich befreit gefühlt, denn es sei schwierig, Menschen vom Sterben zu erzählen. Auch damit tun Kinder sich oftmals leichter, weiß der Autor: „Sie vermeiden Wörter wie ‚Tod‘ und ‚Sterben‘ und sprechen stattdessen in Bildern“, sagt Stolp. Er rät dazu, nicht zu sehr nach deren Bedeutung zu fragen. „Wir sollten die Schönheit dieser Bilder im Herzen aufleben lassen und weniger unseren Verstand gebrauchen.“

Wenn der Seelsorger an seinen eigenen Tod denkt, wird ihm warm ums Herz. „Ich freue mich darauf“, sagt er mit festem Blick. „Denn ich spüre, wie mein Leben auf dem besten Wege ist, immer noch schöner zu werden.“ In diesem Vertrauen und aus seinen zahlreichen Erfahrungen am Totenbett heraus blickt Hans Stolp positiv in die Zukunft: „Nur in der Dunkelheit“, ist er sich sicher, „kann man das hellste Licht überhaupt erblicken.“

Stolp, Hans: „Bleib, mein goldener Vogel. Ein sterbendes Kind erzählt“,
Crotona Verlag, 96 S., 12,95 Euro.

Von Ulrike Schwerdtfeger