07.04.2014

20 Jahre nach dem Völkermord nähern sich Täter und Opfer in Ruanda an

Vergebung ist der einzige Weg

Der Völkermord in Ruanda liegt 20 Jahre zurück. Bis zu einer Million Menschen wurden innerhalb weniger Wochen getötet, ein Massaker, dessen Wunden noch heute spürbar sind. Aber langsam nähern sich Täter und Opfer an. In Mbyo, einem "Dorf der Vergebung" leben sie gemeinsam.

Ein Foto vom August 1994: Ein junger Tutsi-Flüchtling blickt auf ein Flüchtlingslager. Foto: pa/AP Photos

Die Familie von Jaqueline Mukamana war eine der ersten, die ausgelöscht wurde. Es muss gegen elf Uhr am Vormittag gewesen sein, als Männer über das Dorf herfielen und jeden töteten, der zur Volksgruppe der Tutsi gehörte. Jaqueline Mukamana lebt, weil sie an jenem Tag bei den Kühen vor dem Dorf war. Als sie zurückkam, fand sie alle zwölf Angehörigen ermordet vor.

Genau 20 Jahre ist das nun her. Am 7. April 1994 begann der Völkermord in Ruanda. In den folgenden 100 Tagen töteten Hutus bis zu einer Million Menschen, vor allem Angehörige der Tutsi-Minderheit. Nachbarn wurden zu Feinden. Der Genozid hat die Gesellschaft gespalten und das Land zerstört.

Jacqueline Mukamana floh ins Ausland. Als sie nach dem Völkermord zurückkam, fand sie ein Zuhause in Mbyo, etwa eine Stunde von der Hauptstadt Kigali entfernt. Hier leben Täter und Opfer, die früheren Feinde, Hutus und Tutsis miteinander. Mbyo ist eines von sechs Versöhnungs-Dörfern in Ruanda – ein Vorbild für Vergebung.
 

Die Vergangenheit soll keine Rolle mehr spielen

Jacqueline Mukamana sitzt vor dem Haus und knüpft ein Schälchen aus Bast, das sie verkauft. Mit ihren vier Kindern baut sie sich in Mbyo ein neues Leben auf. Die Vergangenheit soll keine Rolle mehr spielen. "Vergebung ist der einzige Weg", sagt sie. Besonders schwer sei ihr das nach dem Tod ihres Bruders gefallen: Die Männer hätten ihn drei Tage lang gefoltert, bis er starb. Vor einem Jahr seien sie zu ihr gekommen, hätten ihr alles erzählt und um Vergebung gebeten. "Es war nicht leicht, aber ich akzeptiere es."

In vielen Dörfern in Ruanda leben Mörder und Überlebende gemeinsam, meist allerdings nebeneinander her. Das Versöhnungsdorf Mbyo dagegen ist anders: Es gibt eine gemeinsame Tanzgruppe von Tätern und Opfern, sie betreiben gemeinsam Landwirtschaft, ihre Kinder spielen miteinander. Die Dorfbewohner haben Frederic Kazigwemo zum Ortsvorsteher gewählt. Weil er während des Genozids mehrere Menschen ermordete, saß er mehr als neun Jahre im Gefängnis. Im Versöhnungsdorf hat er ein Haus und ein Stück Land bekommen. Der Völkermord hat die Lebensgrundlage von Opfern zerstört, aber auch von Tätern, die aus dem Gefängnis kamen.
 

"Probleme gab es noch nie"

Ruanda braucht Versöhnung, aber der Weg ist noch lang.
Das Foto zeigt eine Gedenkstätte in Nyarubuye. Foto: pa/AP Photo

"Am Anfang wurden 15 Häuser gebaut, um zu sehen, ob wir zusammenleben können", sagt Ortsvorsteher Kazigwemo. "Die Idee hat funktioniert, Probleme gab es noch nie." Heute leben etwa 60 Familien in Mbyo. Unterstützt werden sie von der Organisation "Prison Fellowship Rwanda", die das Konzept der Versöhnungsdörfer angestoßen hat.

Was in Mbyo und den anderen fünf Versöhnungsdörfern passiert, muss überall im Land geschehen: Vergebung und Aussöhnung. Ruanda ist 20 Jahre nach dem Genozid ein relativ stabiles Land, die Wirtschaft wächst stark. Versöhnung aber bleibt ein nationaler Auftrag. Die Regierung hat die Bevölkerung verpflichtet, an der gemeinnützigen "Umuganda"-Aktion teilzunehmen: Am letzten Samstag im Monat arbeitet jeder Bürger ehrenamtlich für die Gemeinschaft. Das soll den Zusammenhalt stärken. Unterschiede soll es nicht mehr geben, die Bezeichnung Hutu und Tutsi gilt heute als politisch unkorrekt.

"Versöhnung betrifft nicht nur Hutus oder Tutsis, sondern alle Ruander", sagt Richard Kananga von der Nationalen Versöhnungskommission in Kigali, die von der Regierung eingesetzt wurde. Versöhnung bedeute 20 Jahre danach, auch andere Bevölkerungsgruppen zusammenzubringen – Jung und Alt, Arm und Reich, Stadt und Land. Kritiker sagen, die Stabilität und relative Ruhe in Ruanda sei eine Folge der harten Hand von Präsident Paul Kagame. Die Opposition wird immer stärker unterdrückt, unterschiedliche Meinungen werden kaum akzeptiert. Versöhnung werde so künstlich geschaffen und bestehe nur an der Oberfläche. Die bestehenden Ängste würden unterdrückt, die Stabilität sei brüchig.

Im Versöhnungsdorf Mbyo leitet Ortsvorsteher Frederic Kazigwemo einen Gesprächskreis. Jeder soll seine Meinung sagen und auch Ängste, Hass und Rachegefühle äußern. Die Menschen fassten inzwischen wieder Vertrauen, sagt Kazigwemo. "Ich kann heute meine Kinder bei einer Tutsi-Familie lassen, ohne Angst zu haben, dass sie sich rächen."

 

Wer war Täter – und warum? Gespräch mit dem Historiker Jean-Paul Kimonyo

Nach Ansicht des Historikers Jean-Paul Kimonyo ist Ruanda noch immer von seiner blutigen Vergangenheit geprägt. Das Land sei nur zu verstehen, wenn man den geschichtlichen Hintergrund bedenke, sagt der ruandische Wissenschaftler. Kimonyo ging in mehreren Büchern über den Genozid der Frage nach, warum 1994 Hunderttausende Menschen zu Mördern wurden.

"Die Täter waren ja nicht unbedingt alles Monster", sagt der Historiker und Politologe. Dass die Propaganda sie seit Jahren zum Morden aufstachelte, sei nicht der einzige Grund für die massenhafte Beteiligung gewesen. "Der wichtigste war die lange währende, extreme Armut der Bevölkerung." Ruanda hat kaum Rohstoffe, und landwirtschaftlich nutzbarer Boden ist knapp. Die Menschen standen laut Kimonyo wirtschaftlich und sozial enorm unter Druck. "Viele haben mitgemacht, um ein Stück Land oder etwas anderes aus dem Besitz der Ermordeten zu bekommen."

Ruanda ist so dicht besiedelt wie kaum ein anderes Land der Welt: Fast 450 Menschen leben auf einem Quadratkilometer, doppelt so viele wie in Deutschland. 90 Prozent der Bevölkerung ernähren sich von der Landwirtschaft. Die Felder sind so klein, dass der Ertrag bestenfalls für die eigene Familie reicht. Um eine Wiederholung des Völkermordes zu verhindern, müsse die Regierung die strukturellen Probleme beseitigen, die ihm zugrunde lagen, sagt Kimonyo.
 

Präsident Paul Kagame führt
das Land mit harter Hand. Foto: pa/AP Photo

Die Entwicklungspläne der Regierung sind tatsächlich ehrgeizig. Das kleine Agrarland will 2020 ein Land mit mittlerem Einkommen sein. Seit Jahren liegt das Wirtschaftswachstum um die acht Prozent. Die Weltbank ernannte Ruanda 2013 zum unternehmerfreundlichsten Staat auf dem afrikanischen Festland. Die Anti-Korruptionsorganisation Transparency International honorierte das Land wegen seines harten Kampfes gegen Korruption. Ruanda ist auf einem guten Weg, die meisten der UN-Millenniumsziele zu erreichen. Gleichzeitig wird die Regierung wegen der Verletzung von Menschenrechten kritisiert und für Morde an Oppositionellen verantwortlich gemacht. Viele sehen die Zeit für mehr Freiheiten gekommen, 20 Jahre nach dem Genozid.

Kimonyo, ein politischer Berater des ruandischen Präsidenten Paul Kagame, erläutert dessen harte politische Linie mit der Erfahrung des Völkermords. "Die damaligen politischen Parteien haben den Massenmord durch ihre Propaganda geschürt", sagt er. "Angesichts der Propaganda und des enormen sozialen Drucks mussten wir nach dem Genozid einen Deckel auf den Topf kriegen."

epd