19.11.2014

Vor 50 Jahren – erstmals Frauen auf einem Konzil

Vom Engel am Schopf gepackt

Verspätet – aber sie waren schließlich doch eingeladen. Frauen durften das Konzil aus nächster Nähe verfolgen. Selbstverständlich war das nicht. Von Anja Weiffen.

 

Zwei Frauen beim Konzil
Schicksalsgemeinschaft: Dr. Gertrud Ehrle (links) und Schwester
Juliana Thomas (rechts) auf dem Petersplatz. Die KDFB-Aktive
und die Ordensschwester aus dem Westerwald waren zwei
von 23 Frauen, die als Zuhörerinnen ab 1964 am Konzil in Rom
teilnahmen.Foto: Archiv, KDFB, Köln

Herbst 1964: „Die unerwartete Nachricht über das Mutterhaus der Vinzentinerinnen aus Paris, sofort nach Rom zu kommen, erinnerte mich an Habakuk, den ein Engel beim Schopf nahm und … versetzte.“ Schwester Juliana Thomas, die damalige Generalsekretärin der Vereinigung der Ordensoberinnen in Deutschland, ist vom „Ruf des Konzils“ völlig überrascht. Sie fühlt sich in die biblische Figur des Propheten Habakuk versetzt. Als erste Frau aus Deutschland wird sie an einem Konzil teilnehmen: als Zuhörerin.

Regina Heyder schildert diese Szene in einem wissenschaftlichen Artikel. Viel hat die Theologin, die am Fuß der Mainzer Stephanskirche wohnt, über Schwester Juliana und Gertrud Ehrle, „Frauen der ersten Stunde beim Konzil“ herausgefunden. Regina Heyder arbeitet an der Universität Bonn als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Katholikinnen und das Zweite Vatikanische Konzil“. Als Mitglied der Theologischen Kommission des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB) schrieb sie mit am Buch „Die Tür ist geöffnet. Das Zweite Vatikanische Konzil – Leseanleitungen aus Frauenperspektive“.

Die Mainzerin bezeichnet die Berufung von Zuhörerinnen, Auditorinnen, als eine „Last-Minute-Aktion“. 1962, zu Konzilsbeginn, sei das nicht denkbar gewesen, ist sie überzeugt. „Es wurde bald klar, dass Laien ein Thema des Konzils sein würden“, sagt sie. „Viele Äußerungen schon im Vorfeld des Konzils deuteten darauf hin. Aber Laien – das hieß nicht unbedingt Frauen.“ In ihrem Forschungsbeitrag schildert sie eine vielsagende Szene: „Als der Limburger Weihbischof Walter Kampe auf einer Pressekonferenz am Vorabend der Konzilseröffnung die mögliche Berufung von ,auditores‘ in Aussicht stellte, provozierte die Diplom-Theologin Josefa Theresia Münch mit der Frage, ob denn ,auch Frauen‘ zum Konzil eingeladen seien.“ Regina Heyder schreibt dazu: „1962 allerdings war deren Teilnahme definitiv nicht vorgesehen; der deutsche Pressebischof vertröstete die Fragestellerin auf ein mögliches drittes Vatikanisches Konzil.“ Tatsächlich waren im zweiten Konzilsjahr 1963 schon dreizehn Laienauditoren nach Rom eingeladen – alles Männer.

Wie kam es aber zu der überraschenden Wende für die Frauen? Eine Schlüsselfigur dieser Entwicklung ist ein Kardinal. Der belgische Bischof von Mechelen, Kardinal Léon-Joseph Suenens, schlug im Oktober 1963 vor, auch Auditorinnen einzuladen, „da – wenn ich mich nicht irre – Frauen die Hälfte der Menschheit ausmachen“, zitiert Regina Heyder den damals 60-Jährigen.

Dr. Regina Heyder
Dr. Regina Heyder, Mainz
Foto: Bernhard Raspels

Warum beruft sich ein Kardinal auf so eine Binsenweisheit? Regina Heyder weiß mehr: „Ausschlaggebend war sein Kontakt zu Ordensfrauen und seine Beschäftigung mit deren Wirken. Er schrieb kurz zuvor ein Buch über ,Krise und Erneuerung der Frauenorden‘.“ Der Satz von der „Hälfte der Menschheit“ sei dann zum geflügelten Wort geworden, erklärt sie. „Kardinal Suenens hat diese scheinbare Banalität als Argument für die Zulassung von Laienauditorinnen verwendet“.
Die Kommunikationsprozesse beim Konzil entwickelten eine eigene Dynamik. Die Mainzer Theologin spricht von der „Konzilsdynamik“. Immer wieder wiesen Einzelne auf die „Frauenfrage“ hin, hakten nach und provozierten auch mit mancher Aussage. „Wenn eine Idee oft genug vorkommt, muss man dazu irgendwann Stellung beziehen.“

Keine „seelenlose Sache“, kein „bloßes Werkzeug“

Zur Stellung von Frauen in der Gesellschaft hatte sich bereits Papst Johannes XXIII. geäußert. Der schrieb im April 1963 in seiner Enzyklika „Pacem in terris“: „Die Frau, die sich ihrer Menschenwürde heutzutage immer mehr bewusst wird, ist weit davon entfernt, sich als seelenlose Sache oder als bloßes Werkzeug einschätzen zu lassen.“ Sie nehme vielmehr sowohl im häuslichen Leben wie im Staat jene Rechte und Pflichten in Anspruch, die der Würde der menschlichen Person entsprechen. „,Pacem in terris‘ bezog sich jedoch auf Gesellschaft und Politik“, sagt Heyder. Die Bedeutung von Frauen in der Kirche verstärkt anzuerkennen, das wurde erst im Verlauf des Konzils zum Thema.

Engagierte Konzilsväter und beharrliche (Ordens)frauen erreichten, dass Papst Paul VI. im Herbst 1964 die Teilnahme von Frauen am Konzil ankündigte. 15 Zuhörerinnen nahmen an der dritten Sitzungsperiode teil. Darunter Schwester Juliana Thomas von den Armen Dienstmägden Jesu Christi, die ihre Postulatszeit in Dernbach im Westerwald verbrachte, als einzige Deutsche. Im letzten Konzilsjahr 1965 war unter den 23 Laienauditorinnen eine Vertreterin des deutschen Laienkatholizismus: Dr. Gertrud Ehrle, KDFB-Präsidiumsmitglied. Auffallend findet es Regina Heyder, dass keine Theologin zur Auditorin berufen wurde.

Hintergrundgespräche während der Busfahrten

Die Zuhörerinnen stellten einen Antrag, um beim Konzil sprechen zu dürfen, erzählt Regina Heyder. „Dieser Antrag wurde jedoch abgelehnt.“ Den Zuhörerinnen bot sich dennoch die Chance, sich bei den Konzilsvätern Gehör zu verschaffen. „Dabei war die Infrastrukur, die die Frauen in Rom vorfanden, sehr wichtig“, sagt Heyder. Sie recherchierte zum Beispiel, dass Schwester Juliana während der Konzilszeit in der Chirurgischen Klinik der „Grauen Schwestern“ wohnte. Dort hatte sie ein Telefon auf dem Zimmer, wodurch sie schnell Verabredungen treffen konnte. Auch auf den Busfahrten zu den Sitzungen ergaben sich für die Auditorinnen Gespräche mit den Konzilsvätern. „Hintergrundgespräche, die nicht zu vernachlässigen sind.“

Die Forschungen zu „Frauen beim Konzil“ gehen weiter. Mehr Archivmaterial steht inzwischen zur Verfügung, berichtet Regina Heyder. Was bewirkten Frauen beim Konzil? Textvorschläge der Auditorinnen seien in Konzilsdokumente eingeflossen, antwortet die Theologin. Auch holten Konzilsväter nicht selten die Meinung der Frauen ein, fand sie heraus. Frauen seien, zitiert sie den Konzilsteilnehmer Weihbischof Augustinus Frotz, „allein durch ihre Gegenwart den Konzilsvätern eine ständige Mahnung, bei ihrer Arbeit an die Frauen der ganzen Welt zu denken“. Schwester Juliana erkannte in den Auditorinnen und Auditoren die „Vertreter des Volkes Gottes“ und ein „Symbol der Kirche, wie das Konzil selbst sie definiert hat“.

 

 

Zur Sache: Wanderausstellung in der Katholischen Hochschulgemeinde in Mainz

„Viele Rückmeldungen hat der Frauenverband zu dem Buch ,Die Tür ist geöffnet‘ erhalten, erklärt die Mitautorin Dr. Regina Heyder. Als Echo darauf entstand die Ausstellung „Katholikinnen und Konzil“. Der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) bietet sie als Wanderausstellung interessierten Einrichtungen an. Demnächst ist die Ausstellung in Mainz zu sehen als gemeinsames Projekt des KDFB, der Katholischen Hochschule Mainz und der Katholischen Hochschulgemeinde St. Albertus Mainz. Studierende der praktischen Theologie beteiligen sich an der Ausstellung mit Projekten am Rahmenprogramm. So bietet eine Studentin Gruppenführungen für Erwachsene und Schulklassen ab dem 10. Schuljahr an. Zudem gibt es „Impressionen“ der Ausstellung in der Karmeliterkirche in Mainz zu sehen.

Vom 10. Dezember 2014 bis zum 9. Januar 2015 ist die Ausstellung in der Kirche der Katholischen Hochschulgemeinde Mainz zu sehen.
Infos und Anmeldung für Gruppenführungen bei
Hildegard Sickinger, E-Mail: sickinger.kdfb@googlemail.com
Die Wanderausstellung kann entliehen werden beim KDFB, Cornelia Voßloh,
E-Mail: bundesverband@frauenbund.de,
Telefon: 02 21 / 86 09 20,
Internet: www.frauenbund.de