28.06.2017

Jahresserie 2017: "Skandal egal? – Die Sache mit der Ökumene" Teil 6

„Die Unterschiede nicht übertünchen“

Wann endlich dürfen Katholiken und Protestanten gemeinsam zum Tisch der Herrn gehen? „Keine Seite überfordert die andere“, erinnert Weihbischof Thomas Löhr an ein ungeschriebenes Gesetz in der Ökumene. Löhr ist Bischofsvikar dafür im Bistum Limburg. Im Interview sagt er auch, warum er auf den Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt hofft.

Warum darf ein Katholik nicht am Abendmahl der Protestanten teilnehmen?

 Jesus lädt ein: „Tut dies zu meinem Gedächntnis.“ Doch wann werden katholische und evangelische Christen gemeinsam zur Kommunion und zum Abendmahl gehen? | Foto: dpa
Jesus lädt ein: „Tut dies zu meinem Gedächntnis.“ Doch wann werden katholische und evangelische Christen gemeinsam zur Kommunion und zum Abendmahl gehen? | Foto: dpa

Die Frage, wer etwas darf und wer nicht, trägt in sich den Keim der Verletzung und oft die Spur erlittener Verletzungen in der Vergangenheit. Für die gespaltene Chris-tenheit ist die Trennung am Tisch des Herrn die tiefste Wunde und der größte Schmerz. Es geht um etwas, das den Glaubenden heilig ist: um den Leib Christi, um Christus selbst. Gemeinsam ist uns allen, dass wir das Mahl des Herrn als ein kostbares Geschenk betrachten. Aber das Verständnis ist verschieden; schon die Begriffe zeigen das: „Abendmahl“ in der evangelischen Kirche, „Kommunion“ in der katholischen Kirche und ähnlich bei den orthodoxen.

Die Frage nach der gemeinsamen Eucharistie ist durch das Reformationsgedenken besonders drängend. Ich will vor allem einen Aspekt aufgreifen, der mir Mut macht: Innerhalb der evangelischen Kirche in Deutschland gibt es erst seit der Leuenberger Konkordie von 1973 eine Abendmahlsgemeinschaft. Das unterschiedliche Verständnis gipfelte schon 1529 im Abendmahlsstreit, den Luther und Zwingli nicht beilegen konnten und der später auch Calvin und die Reformierten erfasste. Es dauerte fast 450 Jahre bis zur Verständigung. Gemeinsam war über die Jahrhunderte die evangelische Ablehnung der katholischen Messe, die Luther als vermaledeite Abgötterei und größtes und schrecklichstes Gräuel bezeichnet hatte. Es ist ein Beweis für die großen Fortschritte der Ökumene, dass dies heute nie mehr so formuliert würde.

Wenn also ein Katholik nicht zum protestantischen Abendmahl geht, ist dies ein Beleg dafür, dass wir noch nicht am Ziel des ökumenischen Weges sind. Ich habe schon oft an einer evangelischen Abendmahlsfeier teilgenommen, aber bewusst nicht das Abendmahl empfangen und dies mit den ökumenischen Partnern vorher besprochen, wofür ich auch Respekt fand. Es ging mir darum, die Unterschiede nicht zu überspielen.

Warum kann ein nicht-katholischer Christ nur in Ausnahmefällen die Kommunion empfangen?

„Leib Christi“ ist nach den Worten des Apostels Paulus auch die Gemeinschaft der Gläubigen, die Kirche. Deshalb sehen die katholische und die orthodoxe Theologie die Zugehörigkeit zur Kirche als notwendig für die Eucharistiegemeinschaft an. Wenn aber ein nicht-katholischer Christ von sich aus und aus einem geistlichen Bedürfnis heraus, zumal in einer Notlage, um die Kommunion bittet und den Glauben an die wahre Gegenwart Christi im Sakrament teilt, kann in Einzelfällen die Zulassung ausgesprochen werden.
In vielen Gemeinden ist eine aus Skandinavien stammende Praxis eingeführt worden. Ausdrücklich werden alle eingeladen, beim Kommunionempfang nach vorn zu kommen. Wer nicht die Kommunion empfangen kann, macht durch die gekreuzten Arme deutlich, dass er um den Segen bittet. Für mich ist das wie eine mahnende Erinnerung, dass hier noch eine Wunde offen ist und eine Klärung aussteht.

Wird sich das ändern?

Weihbischof Thomas Löhr Foto: Bistum Limburg
Weihbischof Thomas Löhr
Foto: Bistum Limburg

Es wird sich ändern, denn es muss sich ändern. Davon bin ich fest überzeugt. Vieles ist schon erreicht. In der Frage der wirklichen Gegenwart Christi gibt es im aktuellen, auf 2017 hin geführten lutherisch-katholischen Dialog ein einheitliches Verständnis. Inwieweit dies auch von den reformierten Kirchen geteilt wird, ist derzeit noch nicht klar ausgesagt. Auch für die Begriffe Opfer, Sakrament, Erinnerung haben Lutheraner und Katholiken formuliert, dass hier weitgehende Übereinstimmung
existiert. Dies wäre noch vor wenigen Jahren kaum für möglich gehalten worden.

Mir ist wichtig festzuhalten, dass hier nicht einfach Unterschiede übertüncht wurden. Das wäre keine tragfähige Basis für eine Einheit. Vielmehr haben sich alle jeweils zu einem tieferen Verständnis weiter entwickelt und sind heute dafür dankbar. Ohne Ökumene wäre es dazu nicht gekommen! Ich möchte es aber nicht nur den Theologen überlassen. Es ist die Aufgabe aller Gemeinden und Gläubigen, sich gegenseitig näher kennenzulernen.

Die Frage des Laienkelchs, die Jahrhunderte als trennend galt, ist heute kein Problem. Auch in katholischen Gottesdiensten gibt es bei vielen Gelegenheiten ganz selbstverständlich Kelchkommunion für alle; und auch Evangelische betonen, dass im Brot und im Wein jeweils der ganze Christus gegenwärtig ist.

Für Katholiken ist eine wichtige Frage, wie mit nach dem Abendmahl übrig gebliebenem Brot umgegangen wird, ebenso mit dem Kelch.

Eine weitere positive Erfahrung: Für die Fronleichnamsprozession stellen heute vielfach evangelische Gemeinden einen Platz für den Altar zur Verfügung oder tragen Lesungen und Gebete bei. Das war früher undenkbar.

Eine falsche Interpretation beruht nicht selten auf Vorurteilen und Verletzungen. Heute gibt es im ökumenischen Gespräch echte Sympathie und den festen Willen, sich endlich anzunähern.

Beim Ökumenischen Kirchentag in München gab es nach der orthodoxen Vesper die „artoklasia“. Brot und Wein (nicht „Leib und Blut Christi“) werden gesegnet und an die Gläubigen verteilt. Im ökumenischen Miteinander gibt es das ungeschriebene Gesetz, dass keine Seite die andere überfordert. Dies schließt nicht aus, dass man sich und den anderen etwas zumutet. Aber es darf nicht um der gesuchten Einheit willen zu neuen Spaltungen kommen.
Die Frage nach dem Wann lässt sich leider nicht durch ein Datum beantworten. Aber wäre der Ökumenische Kirchentag 2021 nicht ein ganz dringender Ansporn für wesentliche Fortschritte?

Sind konfessionsverbindende Paare schon ein Anfang?

In jedem Fall können sie Vorbild sein, und zwar gerade dann, wenn in der Familie Glaube und Gottesdienst nicht ausgeklammert werden. Die Bischofskonferenz hat deshalb einen ersten Vorschlag gemacht, wie evangelische Partner oder Kinder an der Kommunion teilnehmen können. Dieser wird bald weiter konkretisiert und auch mit der Weltkirche abgestimmt sein. Bei seinem Besuch in der lutherischen Kirche in Rom hat Papst Franziskus deutlich gemacht, wie sehr er selbst eine Lösung anstrebt.

Interview: Heike Kaiser