06.05.2014

Was bedeutet der Name "Schiloach"?

Im Johannesevangelium sagt Jesus zu einem Blinden: „Geh und wasche dich im Teich Schiloach.“ Der Evangelist setzt erläuternd hinzu: „Schiloach heißt übersetzt: der Gesandte.“ In einer kurzen Erläuterung Ihrer Zeitung heißt es aber, der Name Schiloach bedeute schlicht „Wasserleitung“. Was ist denn nun richtig? H. W., Bischofswerda

Der Name „Schiloach“ kommt vom hebräischen Verb „schalach“ (deutsch: senden, schicken, leiten) und meint tatsächlich schlicht „Kanal, Wasserleitung“. Das Wasser des Schiloach stammte aus der Gihonquelle und wurde durch einen unterirdischen Kanal (erbaut im Jahr 701 v.Chr. unter König Hiskija) in das Becken des Teiches geleitet. Das befand sich südlich des Südosthügels von Jerusalem. Reste eines Kanals und zweier Teiche sind heute noch zu sehen.

Zur Zeit Jesu galt das fließende Wasser des Schiloach als wundertätig. Es konnte rein machen und war daher wichtig für Heilung und Sündenvergebung, die als eng zusammenhängend galten. Deswegen auch wurde das Wasser des Schiloach beim Laubhüttenfest in einer Prozession zum Brandopferaltar des Tempels gebracht.

Die Gihonquelle ist „intermittierend“; sie fließt also mal stärker, mal schwächer. Wenn nun mehr Wasser floss, schwoll der Schiloach-Teich an. Das – so glaubten die Menschen damals – war der Moment, in dem Gott mit dem Wasser seine heilende und reinigende Kraft zu den Menschen sandte.
An diese Assoziationen knüpft der Evangelist Johannes an – mehr mit einer Übertragung denn mit einer Übersetzung: Im Schiloach sendet Gott seine Kraft ins heilende Wasser und in Jesus sendet Gott seinen rettenden Sohn – beide sind auf ihre Art „Gesandte“.

Diese Assoziation funktioniert ungefähr wie beim deutschen Wort „Kanal“ oder dem englischen „channel“. Die bezeichnen zunächst eine Rinne, in der etwas weitergeleitet wird. Im übertragenen Sinne bezeichnen „Kanal“ und „channel“ später aber auch das komplette Programm eines Radio- oder Fernsehsenders – mit „Infokanal“ oder „Schmuddelkanal“ ist dann auch alles gemeint, was darin gesendet wird.

Von Roland Juchem