08.11.2012

Eine Leserreise der Kirchenzeitung nach Venedig

Wasserstadt im Rosenlicht

In Venedig hat der Heilige Geist seine eigene Haltestelle. Sie heißt „Spirito Santo“, nach einer Kirche. Dem Venedig-Besucher leuchtet unmittelbar ein, dass in dieser italienischen Stadt der Heilige Geist selber Halt macht. Von Ruth Lehnen.

Kanal in Venedig
Szene an der Frari-Kirche. „Wer die Schönheit angeschaut
mit Augen...“ dichtete einst August von Platen,
und es wundert nicht, dass er dem Zauber Venedigs
verfiel und über die Stadt sehnsuchtsvolle Sonette schrieb.
Venedig, überlaufen, geschmäht, im Verfallen begriffen,
ist immer noch schön. Fotos: Ruth Lehnen

Er muss es sein, der dieses zauberhafte Licht ausgießt, rosenfarben, über dem Wasser, und über die dem Wasser abgetrotzte Schönheit der Paläste und Kirchen. Er muss es sein, der die Künstler dieser Stadt inspiriert hat, so dass an jeder Ecke Phänomenales zu sehen ist, Bilder und Architektur. Er schwebt über den Wassern, die Venedig fl uten, so dass in der Vorhalle des Markusdoms die Touristen auf Stegen stehen und verwundert die Fußbodenmosaike durch Wasserschleier betrachten.

Draußen regeln Polizisten in Anglerstiefeln den Verkehr auf den Stegen über dem Hochwasser, rufen „Avanti! Avanti!“. Die Touristen können nicht glauben, was sie sehen, und die Einheimischen sind gelassen. Wenn morgens die Sirene heult und das Hochwasser ankündigt, nimmt die Venezianerin statt der schicken Lederschuhe die Gummistiefel aus dem Schrank, es gibt sie farblich passend zum Mantel, es gibt sie blau, glänzend wie von Lack, es gibt sie mit Absätzen.

In Venedig ist Schönheit der Normalzustand: der Blick auf die Boote, die Eleganz der Gondeln, die Alterswürde der kleinen Plätze mit ihren Brunnen, die Kunstwerke überall, die einem den Mund offenstehen lassen. – In Venedig ist es voll, alles nur noch Fassade, die Menschen ziehen weg, Ausländer kaufen alles auf, überall bröckelt der Putz. Auch daran ist etwas Wahres.

Bei der Leserreise der Kirchenzeitung müssen wir uns nicht schnell eine Meinung bilden. Wir sind fünf Tage in der Stadt, fünf Nächte, sehen auch die menschenleeren Plätze, genießen die nächtliche Ruhe und morgens strömt der Duft frischer Hörnchen durchs Hotel. Schnell zum Kanal, einen Blick werfen. Träum ich oder wach ich: Da fährt ja ein Hochhaus vorbei! Ach so, es ist ein Kreuzfahrtschiff.

Den ganzen Tag sind wir brückauf brückab auf Entdeckungstour, kommen uns vor wie in ein Poesiealbum geraten: Rialto, Lido, Seufzerbrücke; Gondeln, Tizian und Tintoretto. Am späten Nachmittag landen wir an der Kirche Maria dei Miracoli, einem marmornen Schatzkästlein. Den ganzen Tag strömen hier die Touristen. Und dann dieser Anblick: Eine alte Dame, ganz in Schwarz, erscheint einen Moment lang hinter einem der Fenster direkt am Wasser, ihre weiße Hand mit den perlmutterfarbenen Nägeln zieht die Fensterläden zu. Für sie ist es Zeit. Sie hat genug gesehen, genug gehört. Und unter ihr gleitet die Gondel vorbei. Venedig ist auch das Gefühl, in einen Film oder Traum geraten zu sein.

So einen Traum hat der heilige Markus gehabt. Im Schlaf wurde dem Evangelisten verkündet, dass er die letzte Ruhe in Venedig finden würde: „Pax tibi Marce evangelista meus.“ Die Gebeine des Markus wurden in Alexandria geraubt und im Markusdom zur Ruhe gebettet.

Silhouette von Venedig
Silhouette mit Kran – die Zollstelle Dogana da Mar, heute ein Museum für
moderne Kunst, und die Kirche Santa Maria della Salute. Venedig ist nicht
nur auf und am Wasser gebaut, sondern auch vom Licht verwöhnt, besonders
abends.

Das Zeichen des Markus, der geflügelte Löwe, ist überall. Er steht auf der Säule an der Piazetta, in Bronze, er grüßt in Stein gehauen, als Goldmosaik, er reißt das Maul als Türknauf auf, gemalt wirkt er mal mächtig, mal müde. Der Löwe ist überall los, und steht nicht mehr nur für Markus, sondern für die ganze Stadt am Meer. Napoleon ist seinerzeit auf Löwenjagd gegangen, als er der Seerepublik den Garaus machte, er wollte den Löwen nirgends mehr sehen, das Inbild von Kraft und Stärke.

Die Reisegruppe der Kirchenzeitung besucht Markus in seinem Dom, wir dürfen an der Menge vorbei ganz allein in die Krypta hinabsteigen. Hier sind wir „unter Wasser“, die Krypta ist seit einer Renovierung durch ein Becken gegen das Wasser gesichert, wie unser Reiseleiter Andreas Albert weiß. Hier hören wir vom Leben und Schreiben des Markus. Und wir sind einfach nur dankbar, das alles erleben zu dürfen und noch nicht sterben zu müssen.