15.02.2012

Kommentar

Weg der Erneuerung

Von Roland Juchem

Er war ein Meilenstein: der viertägige Kongress zum Umgang der Kirche mit sexuellem Missbrauch in den eigenen Reihen. Die Chancen stehen gut, dass die Kirche weitergehen wird „auf dem Weg zu Heilung und Erneuerung“, so der Titel des Symposiums. Bereits im Mai endet die Frist, zu der alle Bischofskonferenzen ihre nationalen Richtlinien gegen Missbrauch in Rom vorlegen müssen. Von anderen Großorganisationen sind solche Maßnahmen nicht bekannt.
Die vatikanische Haltung ist inzwischen klar: Kardinal Marc Ouellet, Chef der einflussreichen Bischofskongregation, leitete den Bußgottesdienst für das Versagen der Kirche. Kardinal William Levada, Chef der Glaubenskongregation, räumte ein: Viel von dem, was bisher erreicht worden ist, verdanke sich dem Druck der Medien; künftig müsse die Kirche stärker selbst agieren.
Noch vor zehn Jahren war unklar, ob solche Einsicht an der Spitze der Weltkirche sich durchsetzen werde. Damals kämpften „Reformer“ und „Verdränger“ darum, wie die aus USA und Irland gemeldeten Missbrauchsfälle zu deuten seien. Die Reformen der Reformer, an deren Spitze damals Kardinal Joseph Ratzinger, sind zwar nicht das, was manche Kirchenkritiker und Missbrauchsopfer erwarten, wie Reorganisation der Hierarchie, Abschaffung des Zölibats, Frauenordination, Änderung der Sexualmoral.
Die „Reformen“ – durchgesetzt gegen einzelne notorische Leugner und Kleinredner – sind vielmehr: die Einsicht, dass die Krise nicht herbeigeredet, sondern ein echtes Problem ist. Die Kirche arbeitet mit staatlichen Strafverfolgungsbehörden zusammen. Psychologische Tests gehören zur Ausbildung von Priestern und anderen Mitarbeitern. Es muss vorbeugende Erziehung und Ausbildung geben.
Nach der Tagung hieß es, jetzt wisse jeder in der Kirche, worauf es ankommt. Ob das überall gilt? In Polen etwa hat ein Erzbischof im Jahr 2004 einen wegen Missbrauchs verurteilten Priester wieder in seine Pfarrei eingesetzt.
Immerhin: Von den Philippinen ist zu hören, die Kirche im drittgrößten katholischen Land wolle nicht dieselben Fehler machen wie in Irland. Ähnliches aus Nigeria: Wir müssen die Tatsachen zur Kenntnis nehmen. Dass Katholiken in Asien und Afrika deutlich autoritätshöriger sind, dass dort eher Ordensfrauen als Kinder Opfer werden, macht es nicht einfacher. Ebenso die oft gerechtfertigte Skepsis gegenüber staatlichen Behörden, wenn Fälle gemeldet werden sollen.
Dennoch kann die katholische Kirche Vorkämpferin gegen sexuellen Missbrauch werden. Der „Weg zu Heilung und Erneuerung“ ist noch lange nicht zu Ende.