03.04.2013

Kommentar

Weit weg von Europa

Von Ulrich Waschki

Christen in der Türkei haben es immer noch schwer: Sehr vorsichtig sind etwa Ordensschwes-tern mit dem, was sie westlichen Journalisten in den Block diktieren. Zu viel Offenheit, zu viel Kritik könnte Schwierigkeiten bringen.

Die Türkei möchte Anschluss finden an die westliche Staatenwelt, strebt nach der EU-Mitgliedschaft. Ganz unabhängig von der Diskussion, wie groß die EU werden darf und wo die Grenzen Europas und der EU liegen, ist die Türkei von diesem Ziel aber noch weit entfernt. 

Zwar sind die Angaben über die Lage religiöser Minderheiten in der Türkei nicht immer eindeutig, aber klar ist: Echte Religionsfreiheit sieht anders aus. Einen „begrenzten Fortschritt“ auf diesem Feld bescheinigte die EU-Kommission der Türkei im vergangenen Jahr und listet gleichzeitig viele Kritikpunkte auf: Noch immer ist das orthodoxe Priesterseminar auf der Insel Halki geschlossen. Obwohl die türkische Regierung schon mehrfach angedeutet hatte, die 1971 geschlossene Ausbildungsstätte könnte wieder eröffnet werden, fehlen bislang die Taten. Für das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel ist die Öffnung von Halki aber eine Überlebensfrage, weil bald kein Priester- und Bischofsnachwuchs mehr zur Verfügung steht.

Eine „Kultur der Intoleranz gegenüber Minderheiten“ sieht die EU-Kommission in der Türkei. Das betrifft nicht nur Christen. Und eine Kultur hat auch nicht der Staat allein zu verantworten. Aber er müsste mit gutem Beispiel vorangehen. Etwa indem er nichtmuslimischen Religionsgemeinschaften eine Rechtspersönlichkeit zuweist. So kann ein katholischer Bischof in der Türkei ein Konto auf seinen Namen eröffnen, aber nicht auf seine Diözese. Schwierig auch, wenn der Geheimdienst christliche Missionare unter Generalverdacht stellt. Eine Kultur lässt sich nicht von heute auf morgen ändern. Auch spielen bei Ressentiments gegen Christen historisch gewachsene Ängste eine Rolle. Um Haltungen in der Bevölkerung zu ändern, muss die Regierung aber mit gutem Beispiel vorangehen und rechtliche Benachteiligungen abbauen.

Sanfter Druck aus dem Ausland kann dabei helfen. Wie etwa die entsprechenden Bemerkungen von Bundeskanzlerin Merkel bei ihrer Türkeireise vor wenigen Wochen. Lautstarke Anweisungen mit Verweis auf Freiheitsrechte für Muslime in christlich geprägten Ländern erreichen aber eher das Gegenteil. Dass auch wir nicht immer die richtige Sensibilität walten lassen, zeigt die Platzvergabe im NSU-Prozess.