17.02.2013

Warum nicht mancher Versuchung nachgeben?

Wenn der Preis stimmt...

Nein, natürlich ist Jesus nicht auf den Teufel hereingefallen. Ist ja auch Jesus! Dabei waren die Angebote die Teufels durchaus sinnvoll. Warum also nicht?

Warum nicht lernen, wie man aus Steinen Brot macht? Das  könnte den Hunger in der Welt lindern. Und warum nicht „Herr der Welt“ werden? Jesus würde die „Reiche der Erde“ sicher besser regieren als so manch anderer. Im Vergleich zum Nutzen ist der Preis doch akzeptabel. Oder? Nein, niemals, denken Sie jetzt bestimmt. So wichtig kann doch nichts auf der Welt sein, dass man dafür dem Teufel seine Seele verkauft. Auch die Bewohner von Castle Rock hätten das gesagt.

Castle Rock, eine kleine verschlafene Stadt, irgendwo im US-Staat Maine. Dort ist es schon eine Sensation, wenn auf der Hauptstraße ein neuer Laden öffnet. So wie jetzt. „Needful things“ heißt er: „Nützliche Dinge“. Was soll das sein?, denken die Einwohner. Und was ist das für ein seltsamer Mann, dieser Leland Gaut, dem der Laden gehört und der einen mit seinem Blick einfängt und mit der Berührung seiner Hand abschreckt?

Es ist wirklich ein merkwürdiger Laden: ein Kramladen mit einem kleinen Angebot, aber mit einem Angebot, das trifft. Ganz seltsam: Jeder findet in dem Laden das, wovon er oder sie schon lange träumt, etwas, wonach sein Herz begehrt. Das kann etwas Kleines sein, so wie bei dem elfjährigen Brian, der Baseballkarten sammelt und genau die Karte findet, die er schon lange sucht.

Und der Preis? Naja, der ist ungewöhnlich. Denn Leland Gaunt verlangt nie mehr Geld, als der Kunde bezahlen kann. Aber als Ergänzung zu dieser meist recht kleinen Summe kostet das heiß ersehnte Stück noch einen kleinen „Gefallen“. Gaunt nennt es einen „Streich“, klein und gemein. Brian zum Beispiel soll die frisch gewaschene Wäsche seiner Nachbarin auf der Wäscheleine mit Matsch bewerfen.

Eigentlich macht er so was nicht, er ist ein netter Junge, aber für diese Baseballkarte, die anderswo mehr als hundert Dollar kosten würde? Also für diese Karte ist der Preis durchaus angemessen. Ist ja auch nicht schlimm, wäscht die Nachbarin halt noch mal. Andere Kunden haben andere Herzenswünsche und zahlen andere Preise. Höhere Preise, größere Gemeinheiten, aber alle denken: Diese Sache ist den Preis wert.

Sie ist eigentlich eine anständige Frau

Nein, niemals, denken Sie jetzt bestimmt. So wichtig kann doch keine Sache sein, dass ich dafür meinen Mitmenschen böse Streiche spiele. Auch Polly Chalmers denkt so. Sie führt eine Schneiderei in Castle Rock. Ihr einziges Problem: Obwohl sie noch recht jung ist, quält sie eine grausame Arthritis in den Händen. Es gibt Tage, das rast der Schmerz wie Feuer durch die Gelenke, da kann sie nicht greifen, nähen sowieso nicht und Schmerzmittel bringen auch nichts mehr.

Da gibt ihr Leland Gaunt ein besonderes Medikament mit, zur Probe. Und es hilft. Wirklich! Die Hände sind schmerzfrei. Polly kann ohne Qual arbeiten, schlafen, ein Brot schmieren, ihren Mann streicheln. Wie viel ist Polly, diese durch und durch anständige Frau, bereit, dafür zu zahlen? Welchen Preis würden Sie für angemessen halten in der Währung der kleinen und großen Gemeinheiten?

Oder Sheriff Alan Pangborn, die Gerechtigkeit in Person. Seit seine Frau und sein Sohn bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind, sucht er nach der Wahrheit. Wie konnte das passieren? Am helllichten Tag, auf freier Strecke, ohne technischen Defekt. Alan Pangborn quält diese Frage, nie kommt er zur Ruhe. Leland Gaunt bietet ihm die Rettung an: ein Video, das die letzten Minuten seiner Lieben zeigt. Und den nie gefundenen Unfallverursacher. Was ist ein angemessener Preis für Wahrheit, für Seelenfrieden und für die gerechte Bestrafung eines Unfallflüchtigen?

Stephen King hat den 1991 erschienenen Roman „In einer kleinen Stadt“ geschrieben und schnell wird dem Leser klar: Dieser Leland Gaunt ist der personifizierte Teufel, der Satan, wirklich und nicht nur im übertragenen Sinn. Er führt Brian, Polly und die anderen genauso in Versuchung, wie er Jesus in Versuchung geführt hat. Er kennt die tiefsten Sehnsüchte und Träume der Menschen und nutzt sie aus, gerade, wenn diese Träume und Sehnsüchte nur allzu verständlich sind. Er sät und erntet das Böse, obwohl die Menschen doch nur etwas Gutes wollen.

Stellen Sie sich vor, der Laden von Leland Gaunt öffnet bei Ihnen um die Ecke. Was wären Sie bereit, zu zahlen für ein lebensrettendes Medikament, für ein Mittel, das Ihre kaputte Beziehung heilt, für einen langersehnten Arbeitsplatz oder für was immer Sie sich zutiefst ersehnen? Welche kleinen Gemeinheiten wären angemessen? Eine Bestechung, um auf der Organspendeliste nach oben zu rutschen? Das ungerechtfertigte Anschwärzen eines Kollegen? Welche Mittel heiligt der gute Zweck?

„Die Stimme des Teufels ist lieblich“

„Die Stimme des Teufels hört sich lieblich an“, heißt es in dem Buch. Es finden sich immer Gründe, den Preis zu zahlen, wenn der angebliche Nutzen den Schaden um ein Vielfaches übertrifft. Andererseits: „Es ist Ihre Entscheidung, Norris, meldete sich plötzlich die Stimme von Mr. Gaunt in Norris’ Kopf. Das Recht des freien Willens ist Ihnen von Gott gegeben. Sie haben eine Wahl. Sie haben immer eine Wahl. Aber …“ Aber es ist nicht leicht, standhaft wie Jesus zu sein.

Stephen King, In einer kleinen Stadt, Heyne Verlag, 860 Seiten, 9,99 Euro.

Susanne Haverkamp