22.02.2012

Von der spannenden Frage, wie ein „katholischer Lebensstil“ aussehen könnte

Wie geht katholisch heute?


Typisch katholisch ist zum Beispiel: freitags kein Fleisch, sonntags zur Kirche. Namenstag feiern, Rosenkranz beten. Weihwasserbecken und Schutzengelbild im Schlafzimmer. Reliquien- und Herz-Jesu-Verehrung. Aber gibt es tatsächlich noch einen „katholischen Lebensstil“?

 

Wie geht katholisch heute? Die Frage warf dieser Tage Bayerns Katholische Akademie auf. Fürwahr eine spannende Frage. Denn die eine Fraktion sagt: Das Katholische muss wieder sehr viel stärker betont werden. Unbedingte Papsttreue ist nötig, die Kirchengebote und die Vorgaben des Katechismus müssen beachtet werden, es muss wieder mehr gebetet und gebeichtet werden. Manche wollen gar hinter das Zweite Vatikanische Konzil zurück.

Ohne Regeln und Riten
kein Zusammenhalt

Die andere Fraktion findet: das Katholische bloß nicht zu sehr betonen! Denn auf das Christliche kommt es an. In der Kirche muss mehr Freiheit herrschen, mehr Demokratie und Gleichberechtigung. Einengende Normen und Gebote und veraltete Riten sind verzichtbar. Manche wünschen sich ein neues Konzil, um die Kirche von Grund auf zu modernisieren.
Der Großteil der Katholiken, die eine lebendige Beziehung zu ihrer Kirche pflegen, neigt weder der einen noch der anderen Seite eindeutig zu. Viele erinnern sich beispielsweise daran, dass sie nicht nur selbstverständlich sonntags zur Messe mussten, sondern auch zur Teilnahme an diversen Andachten und Prozessionen gezwungen wurden oder dass allzu rigide moralische Vorschriften das Leben schwermachten.

Dass es im Glaubensalltag heute weniger streng und formalistisch zugeht, empfinden sie als Segen – aber das heißt ja noch lange nicht, dass die totale Laxheit Einzug halten darf. Würden Regeln und Riten abgeschafft, ginge schließlich unweigerlich der Zusammenhalt verloren. „Ohne verbindende und verbindliche Formen verliert der Glaube seine Gestaltungskraft“, schreiben Andreas Knapp und Melanie Wolfers in ihrem erfrischenden Buch „Glaube, der nach Freiheit schmeckt“. Und weiter: „Es braucht feste Bräuche, Sprachregelungen, Riten und Feste gegen den Gedächtnisschwund der Geschichte.“
Sicher, Traditionen können mit der Zeit auch verkalken und versteinern. „Um dem zu wehren, erfindet die Kirche im Lauf ihrer Geschichte durch den frischen Wind des Heiligen Geistes ständig neue Traditionen“, betonen Knapp und Wolfers.

Es lohnt sich, nach dem tieferem Sinn zu fragen

Und kein Zweifel: Da hat sich in zwei Jahrtausenden Kirchengeschichte ein großer Schatz angesammelt. Wer einen „katholischen Lebensstil“ anstrebt, kann aus diesem Reichtum schöpfen – er findet Anregungen für ein erfüllendes Glaubensleben in Hülle und Fülle.
Und die Vorschriften? Normen, um ein Jesus-Wort ein wenig abzuwandeln, sind für die Menschen da, nicht die Menschen für die Normen. Wenn also Gebote dazu dienen sollen, bei der Lebensgestaltung zu helfen, ist es ausgesprochen unklug, sie vorschnell und pauschal als überholt oder verstaubt abzutun. Es lohnt sich, ernsthaft nach ihrem tieferen Sinn zu fragen. Dabei kann sich herausstellen, dass sie durchaus tauglich sind für einen „katholischen Lebensstil“.

Von Hubertus Büker