12.12.2014

Kinotipp

Winterschlaf

Hier schwelt etwas, es dampft im Schnee. Der Rauch steigt dem Pilzsammler in die Augen, doch weder er noch wir Zuschauer wissen, was sich hinter diesem eigenartigen Dampf verbirgt. Drei Stunden später, wenn der Abspann rollt, wird man sich abermals die Augen reiben. „Winterschlaf“ heißt dieses Erlebnis von einem Film, für den Nuri Bilge Ceylan in diesem Jahr mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde. Gesehen von Johannes Lehnen.

Aydin (Haluk Bilginer) ist der Besitzer des „Hotel Othello“. Er ist ehemaliger Schauspieler, um die 60 Jahre alt, verheiratet mit einer bildschönen 30-Jährigen. Eine Ehe also, die noch nicht lang geschlossen sein kann – und trotzdem schon in Trümmern zu liegen scheint. Die beiden sehen sich kaum, berühren sich nie. Dabei sind sie fast ganz allein im „Othello“, nur Aydins Schwester ist sonst noch da. Touristen verirren sich im Winter kaum nach Zentralanatolien, so atemberaubend schön die Gegend im Schnee auch sein mag.

Geld und Gesellschaft

Das „Othello“ gleicht einem wundersamen Märchenschloss, bestehend aus verschiedenen Hütten und Höhlen, mitten im Vulkanstein. Aydin bezeichnet es als sein Reich – es sei zwar klein, aber hier sei er der König. Das „Reich“ erstreckt sich bis ins Dorf, wo Aydin mindestens noch ein Haus besitzt. Eines, in dem eine Familie wohnt, die die Miete nicht zahlen kann. Eines, von dem Aydin sagt, er habe gar nicht gewusst, dass es ihm gehöre – bis die Gerichtsvollzieher gekommen seien. Die Wut über die Ungerechtigkeit weiß nur der kleine Sohn der Familie auszudrücken – er wirft einen Stein auf Aydins orangefarbenen SUV. In den Rissen im Glas treten die Machtstrukturen zutage – die Familie muss für den Schaden natürlich aufkommen.

Aydins Frau Nihal (Melisa Sözen) will so eigentlich nicht leben. Sie will sich für die Menschen einsetzen, auch um ihr Gewissen zu beruhigen. Und bekommt zum wiederholten Male von ihrem Mann zu hören, dass der Weg zur Hölle mit gutem Willen gepflastert sei.

Als ihn der auch im Mietshaus wohnhafte Imam aufsucht, nimmt Aydin die schmutzigen Schuhe des Imams zum Anlass, einen wichtigtuerischen Artikel für seine Kolumne bei einer Zeitung zu schreiben. Eine Kolumne fast ohne Reichweite, ohne Relevanz. Und doch für Aydins Selbstwertgefühl unfassbar wichtig.

Worte wie der Schnee

Hier entspinnt sich ein packender, schockierender Dialog zwischen Aydin und seiner Schwester – da geht es auf einmal ums Ganze. Am ehrlichsten in den banalen Fragen, phrasenhaft in den großspurigen. Hier findet der Film mehr und mehr zu einer ganz eigenen Form, die zwar in den Bildern konventionell bleibt, aber auf intellektueller Ebene große Qualitäten entwickelt. Es ist ein Dialog-Rausch, in den Regisseur Ceylan seine Figuren versetzt. Die Gespräche mit wechselnden Partnern werden zum Mittelpunkt des Films, sie sind von hypnotischer Qualität. Dabei diskutiert Aydin anfangs noch sehr leidenschaftlich, irgendwann nur noch formelhaft. Das Drehbuch ist inspiriert von Kurzgeschichten Anton Tschechows und Fjodor Dostojewskis. Da geht es nicht um das „character development“, also um eine Katharsis oder Läuterung, da geht es größtenteils um Ausweglosigkeit. Die Schienen nach Istanbul sind dann auch eingeschneit zum Schluss. Hier führt kein Weg mehr raus.

Bei aller Bedeutung des Gesprochenen setzt die Wirkung erst hinterher ein. Beim Aufwachen, gewissermaßen. Die Worte decken den Kinosaal langsam ein, so wie der Schnee die Landschaft. Die Veränderungen sind enorm – doch anfangs kaum wahrnehmbar.

 

Drama

von Weltkino Filmverleih GmbH

FSK 6, Laufzeit 196 Minuten

 

Schnell-Check (maximal 5 Punkte)

Humor      
Romantik        
Spannung  
Spiritueller Tiefgang U-Boot U-Boot U-Boot U-Boot  
Insgesamt empfehlenswert Sternchen Sternchen