10.01.2017

Diskussion zwischen zwei Lehrern von der Sonder- und Regelschule

Wo lernen Kinder mit Behinderung besser?

Er unterrichtet an der Förderschule. Sie unterrichtet an der Regelschule. Beide wollen die Inklusion in Deutschland voranbringen. Den Weg dahin sehen sie verschieden. Von Sara Mierzwa.

Falk Schüll ist Lehrer an der Ernst-Elias-Niebergall-Schule in Darmstadt, der größten Förderschule im südhessischen Raum. Monika Kultschak unterrichtet an der Martinus-Schule in Mainz, einer katholischen Grund- und Realschule in Trägerschaft des Bistums Mainz. Sie ist Vorsitzende des Vereins „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen“.

Wie definieren Sie persönlich Inklusion?

Kultschak: Du bist willkommen und lass uns schauen, was du brauchst, damit  es dir gut geht. Inklusion bedeutet Teilhabe ohne Barrieren im Kopf und in Gebäuden.

Schüll: Für mich ist Inklusion ein gemeinsames Ganzes aller Menschen. Das setzt Toleranz und Offenheit gegenüber Neuem und Unbekanntem voraus.

Falk Schüll Foto: Sara Mierzwa
Falk Schüll           Foto : Sara Mierzwa

Würde die Inklusion schneller erreicht werden, wenn wir ab nächstem Schuljahr die Förderschulen in Deutschland abschaffen?

Schüll:Grundsätzlich anzunehmen, dass Inklusion ohne Förderschulen besser läuft, halte ich für einen Trugschluss. Schulen sind nur ein Ort, an dem Inklusion stattfindet. Man muss das ganze System berücksichtigen.

Kultschak: Das Beibehalten der zwei Systeme finde ich tatsächlich ungünstig. Es sollte ein Zeitrahmen geschaffen werden, in dem Regelschulen und Förderschulen verschmelzen. Sechs Jahre kann ich mir vorstellen. Die Kompetenzen der Förderschulen sollten in die Regelschulen mit übernommen werden. Ich erwarte Lehrerteams, die gemeinsam die Schüler begleiten.

Schüll: In diesen sechs Jahren müssten sich aber die Bedingungen stark verändern. Genug Lehrer und  geeignete Räume an Regelschulen wären zum Beispiel wichtig. Für viele Eltern ist es im Moment nicht attraktiv, ihr behindertes Kind auf die Regelschule zu schicken, weil es dort nicht genug gefördert wird.

Kultschak: Da widerspreche ich: Man sollte aufhören, die Ängste bei den Eltern zu schüren. Inklusiver Unterricht ist auch gut an der Regelschule möglich. Ich hatte in einer Realschulklasse drei Kinder mit Down-Syndrom und es hat funktioniert. Das A und O von gemeinsamem Unterricht ist die pädagogische Vorbereitung. Offene und flexible Konzepte sind wichtig, dann können alle Schüler im inklusiven Unterricht profitieren.

Manche Eltern sehen das aber anders. Wie gehen Sie mit den Sorgen und Vorbehalten gegenüber inklusivem Unterricht an Regelschulen um?

Monika Kultschak Foto: Sara Mierzwa
Monika Kultschak     Foto: Sara Mierzwa

Kultschak: Ich habe einen Elternaustausch bei uns an der Regel-Schule initiiert. Eltern, deren Kinder in eine inklusive Klasse gehen, erzählen von den Vorteilen für alle Schüler. Starke Schüler können beispielsweise den lernschwächeren Schülern den Unterrichtsstoff erklären. Soziales Lernen wird dadurch stark gefördert. Davon profitieren beide Seiten. Und ich lade Eltern zu dem Unterricht ein.

 

Starke Schüler fallen also nicht hinten runter?

Kultschak: Dieses Argument stimmt nicht. Das haben viele Studien gezeigt. Durch gemeinsamen Unterricht werden intelligente Kinder nicht blöder.

Schüll: Zu uns kommen Eltern, die unzufrieden sind mit dem inklusiven Unterricht an Regelschulen. Die Kinder werden oft auch von den Mitschülern gemobbt oder ein autistisches Kind schreit und stört die anderen Kinder. Kinder mit massiven Verhaltensauffälligkeiten fühlen sich in unseren kleinen Gruppen oft wohler und können besser betreut werden.

 

Sind das bei Ihnen keine Probleme, Frau Kultschak?

Kultschak: Ich gebe zu, dass die Schüler einer kirchlichen Schule nicht so stark aus sozialen Brennpunkten kommen. An unserer Schule sind meistens Kinder aus Familien mit genug Geld. Das Ziel der Inklusion sollte aber sein, dass auch die „schwierigen“ Kinder mitgenommen werden. Ich finde, Außenseiter werden von Lehrern und Eltern oft erst dazu gemacht. Es sind nicht die Kinder, die hänseln und stänkern. Lehrer und Eltern müssen mit gutem Beispiel vorangehen.

Schüll: Ich finde es oft ärgerlich, wenn eine Persönlichkeit nicht als einzigartig wahrgenommen wird. So einen positiven Blick auf Schüler vermisse ich oft. Wir haben etwas sehr Defizitorientiertes in den Köpfen. Stattdessen sollten wir auf die Kompetenzen schauen.

 

Warum haben Sie sich trotz dieser vielen Schwierigkeiten für Ihren Beruf entschieden?

Kultschak: Ich hatte die Förderschule gar nicht im Blickfeld bei der Berufswahl. Ich habe mich für Hauptschullehramt entschieden, weil ich gerne mit Kindern arbeite. Ich habe selbst ein geistig beeinträchtigtes Kind und bin deshalb in die Inklusionsschiene eingestiegen.

Schüll: Mich hat mein Zivildienst mit der Betreuung mehrfach behinderter Menschen an die Förderschule gebracht. Ich finde es spannend, dass die Kinder dort so verschieden sind. Bei acht Kindern in der Klasse kann ich sehr individuell auf die Schüler schauen und versuchen, mir das Verhalten jedes Einzelnen zu erklären.

 

Viele Lehrer fühlen sich offensichtlich mit der Umsetzung von Inklusion an Regelschulen überfordert. Was könnte da eine Lösung sein?

Kultschak: Lehrer sollen sich fortbilden. Unsicherheit und Angst mit der neuen Situation erlebe ich viel bei meinen Kollegen. Aber man sollte nicht in diesem Stadium stehen bleiben, sondern Lösungen für seine Ängste und Überforderung suchen. Wir haben die Pflicht, mit den Kindern zu arbeiten, so wie sie sind – auch wenn sie in der Nase popeln, ein Bein nachziehen oder laut sind. Lehrer, die sich nicht umstellen wollen, haben eine unakzeptable Arbeitshaltung. Diese Ablehnung macht mich wütend. Das geht in anderen Berufsfeldern auch nicht, sich vor Veränderungen zu verschließen.

Schüll: Das sehe ich auch bei der Beratung, dass viele Lehrer überfordert sind. Da ist mehr Offenheit bei den Regelschullehrern gefragt, und man muss ihnen Zeit für die Umstellung geben. Förderschullehrer können Regelschullehrern auch nicht immer erklären, wie es gut funktioniert. Man muss es gemeinsam entwickeln. Für uns ist es oft frustrierend, dass wir nicht genug Zeit haben, sondern wir nur als Beratungslehrer zwischen den Schulen rumhüpfen. Das mache ich neben meiner Arbeit als Klassenlehrer. Wir brauchen gemeinsame Kollegien.

Kultschak: Auch die Ausbildung für Lehrer an den Universitäten muss sich grundlegend verändern, damit Inklusion von Anfang an präsenter ist.

 

Bei der Jobsuche haben es die Schüler von Förderschulen schwer. Die meisten finden keine Arbeit auf dem regulären Arbeitsmarkt. Scheitert die Förderschule da an ihrer Aufgabe?

Schüll: Das ist eine Herausforderung für Schulen, generell eine bessere Berufsvorbereitung zu leisten. Orientierung wird auch an Gymnasien zu wenig gegeben.

Kultschak: Aber an Förderschulen tendiert die Quote gegen Null. Gymnasiasten finden mit sehr viel höherer Wahrscheinlichkeit einen Job.

Schüll: Ich denke, da werden wir von der Politik zu wenig unterstützt. Wir hatten ein Modell-Projekt mit vielen schulbegleitenden Praktika. Das hat prima funktioniert. Dadurch sind auch einige in den Arbeitsmarkt reingekommen.

Kultschak: Für mich gibt es eine Einbahnstraße bei den Förderschulen mit anschließenden Werkstätten. Bei meinem Sohn haben wir das anders gemacht. Er hat eine Qualifizierungsmaßnahme als Altenbegleiter gemacht. Das funktionierte gut, aber die Gesetze hinken nach.

 

Also liegt es nur an den Politikern, dass die Inklusion so schleppend verläuft?

Kultschak: Ich glaube, Ministerien und Eltern sind sich einig, dass die UN-Richtlinie in Deutschland gut umgesetzt werden soll. Aber die Verwaltungsebene stoppt oft die Umsetzung. Es wäre leichter, wenn die Politiker das, was sie ratifiziert haben, auch in die Köpfe der Menschen bekommen würden.

Schüll: Ich sehe auch unser wirtschaftliches System als Problem: Dort herrscht der Leistungsgedanke vor, und immer mehr Arbeitsabläufe werden automatisiert. Die Arbeitgeber suchen sich die Kandidaten aus, die am meisten leisten und selten zum Arzt müssen. Und sogar ein Burger-Brater bei McDonald's braucht heute eine mittlere Reife. Das war früher einfacher. Jetzt gibt es diese Jobs nicht mehr für unsere Kinder, weil vieles automatisiert wurde. Das Problem können wir als Schulen nicht lösen. Da müsste die Politik einschreiten. Die bisherigen Quoten für Behinderte funktionieren nicht, solange die Unternehmen sich davon freikaufen können.

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