05.09.2012

Kommentar

Zerstrittene Nation

Von Roland Juchem

O Amerika! Zunehmend kopfschüttelnd schauen Europäer über den Großen Teich, wenn es in USA auf Präsidentschaftswahlen zugeht. Einzelne Kommentatoren sprechen inzwischen gar von den „Disunited States of America“, den Uneinigen Staaten von Amerika. Selten sei das Land in den vergangenen 100 Jahren so gespalten und zerrissen gewesen wie jetzt.
Die USA stritten über Präsident Roosevelts „New Deal“ ebenso wie über den Vietnamkrieg. Doch solch grundlegend verschiedene Kulturen, wie sie sich dort inzwischen etabliert haben, gab es anscheinend noch nicht: Neoliberalster Kapitalismus und Occupy-Wall-Street, christlicher Fundamentalismus und aggressiver Atheismus, schreiende Armut und gigantischer Reichtum. Und nun gerät diese Mischung in den Sog der Finanzkrise und ernsthafter internationaler Konkurrenz.

Von den (überzogenen) Hoffnungen, die vor vier Jahren in den „Messias“ Barack Obama gesetzt wurden, ist kaum etwas übrig. Auch nicht im Ausland. In einer globalisierten und vernetzten Welt ist selbst der Einfluss des mächtigsten Mannes der Welt recht begrenzt. Seine Konkurrenz bei der Republikanischen Partei macht jedoch mehr durch lautstarke Extrempositionen und Polarisierungen von sich reden als durch ernsthafte Alternativen. In ihrer Skurrilität werden einzelne dort geäußerte Ideen hierzulande allenfalls am rechten Rand der CSU oder – unter entgegengesetzten politischen Vorzeichen – am linken Rand der Linken erreicht.

In dieser Situation profiliert sich Kardinal Timothy Dolan, der Vorsitzende der US-Bischofskonferenz und Erzbischof von New York, zum Sprecher der politisch zunehmend einflussreichen katholischen Kirche. Dass er auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner – und kurzfristig auch auf dem der Demokraten – spricht, verleiht ihm landesweit große Bedeutung. So etwas konnte früher allenfalls Billy Graham, protestantischer Prediger und maßgebliche christliche Stimme US-Amerikas.
Ob Dolan im zerstrittenen Land für mehr Einigkeit werben kann, ist unsicher. Die gegensätzlichen Einstellungen zu Lebensschutz, Sozial-, Wirtschafts- und Friedenspolitik, die das Land teilen, finden sich auch unter Katholiken. Insgesamt aber sollten weder Europa noch Asien die amerikanische Mischung aus nüchtern-realistischem Pragmatismus und visionär-zupackendem Engagement unterschätzen. Die „one nation under God“, wie sie sich nennt, ist immer noch für positive Überraschungen gut.