23.11.2016

Ein Geschichtsprofessor zeigt, wie modern die Kirche früher einmal war

Zurück in die Zukunft

Er versteht sich als Traditionalist – und führt damit Schubladendenker aufs Glatteis. Professor Hubert Wolf ist Kirchenhistoriker. In seinem Bestseller-Buch „Krypta“ berichtet er von katholischen Traditionen, die manche „Traditionalisten“ lieber in der Schublade lassen würden.

Professor Wolf Foto: Andreas Kühlken/kna
Der gebürtige Schwabe, Priester und Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat ein Buch
über unterdrückte Traditionen der Kirche geschrieben. Die könnten der Kirche
heute von Vorteil sein. Foto: Andreas Kühlken/kna

Frage: Forderungen wie geistliche Ämter für Frauen oder mehr Mitbestimmung durch Laien werden heutzutage heiß diskutiert – meist ohne daran zu denken, dass es diese Traditionen in der Kirche bereits gab. Sind Reformer an der Vergangenheit überhaupt interessiert?

Wolf: Re-form bedeutet schon vom Wort her etwas „zurück-formen“, etwas wiederherzustellen, was deformiert war – nicht, das Rad neu zu erfinden. Um sich zu erneuern, muss die Kirche aber erst einmal zurückblicken, sozusagen den „Tisch der Traditionen“ decken und schauen: Welche Modelle, beispielsweise der Kirchenleitung, gab es in der Vergangenheit? Denn eine Reform gegen die Tradition wird nicht gut funktionieren.

Ich vergleiche die Geschichte der katholischen Kirche gern mit einem breiten Strom, der über die Ufer tritt und sich ein neues Flussbett sucht, wenn er einbetoniert wird. Das Wort „katholisch“ bedeutet „umfassend“ und „dem Ganzen entsprechend“. Dazu gehört eine gewisse Weite und Vielfalt. Alles, was eng ist, ist nicht katholisch.

Es gibt nicht das eine historische Modell, das man eins zu eins übernehmen könnte. Sondern es gibt diesen breiten, dynamischen Strom, der sich entwickelt. Wer sagt „Das war schon immer so“, der irrt.

Welche Resonanz gab es auf Ihr Buch? Haben Sie keinen Ärger bekommen?

Ärger? Überhaupt nicht. Das hat mich positiv überrascht. Das liegt sicher auch am aktuellen Klima der Kirche unter Papst Franziskus, in dem man offen diskutieren kann. Ich habe mehr als hundertmal über die Inhalte dieses Buches gesprochen, zum Beispiel in Kirchengemeinden oder in Diözesan- und Dekanatskonferenzen. Die Zuhörer fanden das Buch super, weil es ihnen Argumente für aktuelle Diskussionen liefert, die aus harten historischen Fakten bestehen.

Es freut mich, dass mein kirchenhistorisches Buch durch diese gute Resonanz quasi zu einem pastoralen Buch geworden ist.

Welche aktuellen Probleme der Kirche könnten mithilfe eines neuen Geschichtsbewusstseins, wie Sie es fordern, angegangen werden?

Was die Weihe von Frauen betrifft, bin ich eher skeptisch – jetzt nach den Äußerungen von Papst Franziskus, der auf dem Rückweg von seiner Reise nach Lund noch einmal bekräftigt hat, dass es keine Priesterweihe für Frauen geben könne.

Aber Frauen hatten in der Kirchengeschichte in rechtlicher Hinsicht durchaus bischöfliche Funktionen inne. Sie haben als Äbtissinnen Diözesen und Kirchengemeinden geleitet – unabhängig von einer Weihe. Erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde alle rechtliche Kompetenz mit einer Weihe verbunden. Es wäre möglich, auf Basis dieser Tradition und über die weiheunabhängige rechtliche Vollmacht Frauen auch ohne Weihe Leitungsaufgaben zu übertragen. So wie etwa auch Mönche und Nonnen in der iroschottischen Kirche allein durch ihre radikale Nachfolge Sünden vergeben haben. Sünden vergeben war eben nicht immer an eine Weihe gebunden.

Kritiker Ihres Buches würden sagen: Durch wiederbelebte Traditionen und veränderte Strukturen löst man das größte Problem der Kirche in Europa nicht, den Mangel an Glauben. Was sagen Sie diesen Kritikern?

Soziologische Untersuchungen haben gezeigt, dass viele Menschen sich mit dem Glauben schwer tun, weil sie Probleme mit den Strukturen und zum Beispiel negative Erfahrungen mit einem Religionslehrer oder mit einem Pfarrer gemacht haben. Die Kirche leidet nicht zuletzt deshalb unter einem Glaubwürdigkeitsproblem.

Damit die Kirche ihre eigentliche Aufgabe wieder besser erfüllen kann, braucht es Strukturdebatten. Aber Strukturveränderungen sind kein Selbstzweck, denn die Christen sind beauftragt, den Menschen das Evangelium, die „frohe Botschaft“, zu verkünden. Und um das tun zu können, muss die Kirche alle Christen ansprechen.

Vielleicht waren Traditionen, die sich nicht durchgesetzt haben, eben nicht gut? Wie der Apostel Paulus sagt: „Prüft alles und behaltet das Gute“ (Thessalonicher 5,21).

Viele Traditionen wurden durch Machtansprüche bestimmter Personen oder Gruppen unterdrückt. Dadurch sind nicht automatisch bessere Strukturen in der Kirche entstanden.

Welche Traditionen sollten Ihrer Meinung nach unbedingt wiederbelebt werden?

Da könnte ich einen ganzen Strauß von Traditionen benennen. Zwei Beispiele sind besonders wichtig: Wenn wir nicht einen vernünftigen Umgang mit den Laien hinbekommen, dann verlieren wir viele Engagierte, bei denen Enttäuschung und Frustration nach Jahren „Dialog-Prozess“ groß sind. Dasselbe gilt für das Thema Frauen in der Kirche. Wenn sich nicht bei diesen Themen etwas ändert, dann ist es vielleicht für eine Reform bald zu spät.

Der „Fall Limburg“ hätte vielleicht verhindert werden können, wäre eine Tradition mehr geschätzt worden: Wenn das Domkapitel als Kontrollorgan des Bischofs funktioniert hätte, wie es früher in der Kirche einmal vorgesehen war. Haben Sie Hoffnung, dass nach dem Skandal über andere Strukturen nachgedacht wird?

Ein Domkapitel, das den Bischof überstimmen kann, wird es kaum geben. Aber gerade in Limburg gibt es eine starke Synodalität, also eine Struktur, die eine Beratung des Bischofs durch Domkapitel und Räte hätte garantieren sollen. Es kommt aber immer auch auf die Menschen an, ob ein Modell funktioniert. Zu oft wird vergessen, dass es ein alternatives kollegiales Modell überhaupt gibt, das verhindern soll, dass der Bischof wie ein absoluter Monarch regiert.

Sie schreiben auch über das Prinzip der Subsidiarität – also, dass sich erst die nächst höhere Ebene um ein Problem kümmert, wenn die Ebene darunter es nicht lösen kann.

Ja, dieses sehr wichtige Prinzip hat die Kirche quasi erfunden, hält sich aber selbst nicht daran. Seit 1870, seit dem Ersten Vatikanischen Konzil, steht der Papst durch den Jurisdiktionsprimat über den Ortskirchen. Diese zentralistische Entwicklung steht in einer Spannung zum Subsidiaritätsprinzip. Papst Franziskus hat aber klar gesagt, dass er das Subsidiaritätsprinzip ernst nehmen und den Ortskirchen wieder mehr Freiheiten einräumen will. Denn die Situation in Frankfurt ist eine andere als im Westerwald, in Europa eine andere als in Afrika. „Inkulturierte Lösungen“ sind gefragt.

Zum Beispiel wird derzeit in der Brasilianischen Bischofskonferenz darüber diskutiert, für das Amazonas-Gebiet auch verheiratete Männer zum Priesteramt zuzulassen („viri probati“). So eine Änderung würde auf regionaler Ebene subsidiär das Problem des Priestermangels angehen, die Einheit des Glaubens aber nicht aufheben, kein Dogma gefährden. Warum sind wir so ängstlich, solche Schritte zu tun? Vielfalt in der Einheit zeichnet den Katholizismus aus, wenn er katholisch sein will.
Gott ist in Jesus Mensch geworden – und deshalb nimmt Gott die Geschichte und damit auch Veränderungen in der Geschichte ernst.
 

Interview: Anja Weiffen