10.02.2017

Ein Tee, ein Lächeln, ein Finger

So leben Christen und Muslime im Bistum Limburg zusammen

Einreiseverbot für Muslime? In Deutschland undenkbar. Wie das Zusammenleben von Christen mit Menschen muslimischen Glaubens hier aussieht, zeigen Beispiele aus drei Pfarreien des Bistums Limburg. Von Anken Bonhorst-Vollmer.

Bibel und Koran Foto: fotolia
Islam und Christentum: Das Miteinander funktioniert – wenn auch mit
Einschränkungen. Foto: sa1ph/Fotolia

„In unseren neun Pfarreien des Pastoralen Raumes Hadamar gibt es Kontakte und Zusammenarbeit mit Muslimen unter anderem im Bereich der Kindestagesstätten“, sagt Pfarrer Andreas Fuchs. In den acht Kitas seien „selbstverständlich muslimische Kinder, in einigen Elternbeiräten engagieren sich muslimische Mütter ehrenamtlich“, berichtet der kommissarische Limburger Bezirksdekan.

Die Zusammenarbeit funktioniere auch in der Flüchtlingsarbeit. „Im vergangenen Advent gab es beim lebendigen Adventskalender bewusst einen Abend in einer Flüchtlingsunterkunft, die von Muslimen und Christen bewohnt wird. Alle beteiligten sich an der Ausrichtung“, nennt Fuchs ein Beispiel. Seit Beginn dieses Jahres habe der Pastorale Raum Hadamar den zweiten Bundesfreiwilligen in der Flüchtlingsarbeit angestellt. „Und erstmals wurde diese Stelle an einen muslimischen Bewerber vergeben.“

Die muslimischen Mitbürger lebten mit ihren christlichen Nachbarn und denen anderer Religionen und Konfessionen neben- und miteinander. „Je kleiner der Ort, umso größer die Chance, dass sie in gutem Miteinander leben“, hat der Seelsorger beobachtet. Er hat aber auch festgestellt, dass Muslime, die zu unterschiedlichen Moscheegemeinden gehören, „nicht immer gut aufeinander zu sprechen sind“.

Gute Gespräche, aber auch Spannungen

„Das Miteinander von Christen und Muslimen birgt mit dem Blick auf Flörsheim gewisse Spannungen“, berichtet Pfarrer Sascha Jung. Die Kontakte zum türkisch-islamischen Verein seien gut. Mit den Vertretern der Flörsheimer Muslime gebe es gute Gespräche und einen freundschaftlichen Austausch. „Auch die Ahmadiyya-Gemeinde pflegt regen Kontakt mit uns.“ Die Begegnungen seien von gegenseitigem Respekt und dem Willen zu einer beispielhaft gelebten Integration geprägt, so Jung.

Die Beziehung der beiden muslimischen Glaubensgemeinschaften sei jedoch spannungsreich. „Für die Muslime des türkisch-islamischen Vereins ist die Ahmadiyya-Gemeinde eine Sekte, die nicht als ebengültige Gemeinschaft anerkannt wird“, erläutert er. Die Positionen der Ahmadiyya-Gemeinde seien bisweilen schwierig und ihr „missionarischer Geist“ etwas aufdringlich, „sodass viele Bürgerinnen und Bürger Flörsheims mit kritischem Blick auf diese Gruppe schauen“, berichtet der Seelsorger. Dennoch sei die Begegnung zwischen Christen und Muslimen „ehrlich und unbefangen, frei von Vorurteilen und Ängsten“.

Man wisse um das Konfliktpotential. Muslimische Flüchtlinge, die zum christlichen Glauben konvertieren wollen, spürten den Druck aus den Reihen der Flüchtlinge, seien Spott und auch körperlichen Übergriffen ausgesetzt. „Hier gilt es, mit aller Vorsicht als Kirche zu agieren: den Taufwillen grundsätzlich ernst nehmen, aber die Taufbewerber nicht einer unmittelbaren Gefährdung von Leib und Leben aussetzen“, sagt Pfarrer Jung.

Anfang Januar zog eine muslimische Flüchtlingsfamilie aus Somalia mit zwei Kindern, 13 und ein Jahr alt, in der Pfarrei St. Markus in Frankfurt Nied in eine für sie bereitgestellte Wohnung ein.

Gemeindereferentin Verena Nitzling hat die Familie kennengelernt. „Ich wurde herzlich aufgenommen, bekam einen Tee, ein Lächeln. Die kleine Tochter, Kadhra, hat mir einen Finger gereicht, an dem sie mit mir durch die Wohnung laufen konnte“, berichtet sie.

Über die Einladung gefreut

Der älteren Tochter Hiba hat Verena Nitzling den Kinderbrief der Gemeinde mitgebracht – einen Flyer mit Angeboten für Kinder im Alter zwischen sechs und 14 Jahren. „Sie hat sich sehr über die Einladung zum Mitmachen gefreut, darüber, erste Kontakte mit Kindern in Nied zu schließen und Gemeinschaft zu erfahren.“

Hiba dolmetscht für die Familie. „Es ist bewundernswert, wie schnell sie durch die Intensivklasse in der Schule die deutsche Sprache erlernt hat“, lobt die Gemeindereferentin. Der Caritasverband unterstützt die Familie mit der Abwicklung von Formalitäten und der Begleitung durch Sozialarbeiter. „Aber auch Menschen aus unserer Gemeinde werden der jungen Familie helfen, hier in Frankfurt-Nied anzukommen“, ist sich Verena Nitzling sicher. „Ich freue mich, dass wir eine junge und so herzliche Familie in unserer Gemeinde beherbergen dürfen.“