12.09.2016

Peter Wunsch behandelt Wohnungslose – unterwegs

Zwölf kleine Geschichten von der Straße

Unterwegs in Frankfurt: Mit Krankenpfleger Peter Wunsch von der Elisabeth-Straßenambulanz zu den Wohnungslosen auf der Zeil, an der Konstablerwache, im Bahnhofsviertel. Von Ruth Lehnen.

I. Das dunkelblaue Sweatshirt

Der Mann hat diese merkwürdigen Beulen am Kopf. Ob er bereit sei, sich fotografieren zu lassen, fragt Peter Wunsch. Der Mann gibt seine Unterschrift. Er würde alles unterschreiben, so dringend möchte er im Moment wärmere Kleidung. Im Bus der Elisabeth-Straßenambulanz sucht Krankenpfleger Wunsch eine Weste heraus – etwas Kleidung hat er für solche Fälle immer dabei. Der wohnungslose Mann scheint nicht begeistert zu sein. Etwas Wärmeres?

Etwas zum Anziehen... Peter Wunsch hilft.

Es findet sich ein dunkelblaues dickes Sweatshirt, schön groß. Peter Wunsch hilft beim Überziehen. Der Mann ist so zittrig. Es ergibt sich ein kurzes Gespräch, dass er auf Platte schläft. Sein geheimer Schlafplatz im Freien... Und der Alkohol, der macht das Zittern. Ja. Ob er eine Krankenversicherung hat. Ja. Das ist ein Glück. Denn sehr viele, die Peter Wunsch behandelt, sind gar nicht mehr krankenversichert.
„Entzügig“, erklärt Peter Wunsch, als der Mann den Bus verlassen hat. Wunsch trägt etwas in sein schwarzes Buch ein. Jede Kontaktaufnahme, jede Information ist wichtig.

II. Öffentlichkeitsarbeit

Peter Wunsch hat ein Buch geschrieben: „Auf Augenhöhe. Meine Begegnungen mit Wohnungslosen“ (siehe unten). Darin schildert er auch sein Leben als Krankenpfleger in der Wohnungslosenarbeit und als Christ, der die Stille sucht. Sein Verlag nennt ihn einen Eremiten der Großstadt, einen Seelsorger. Wunsch entspricht nicht ganz dem Bild, das so entsteht. Er ist nicht die Ruhe selbst. Er will viel rüberbringen, die Gelegenheit nutzen für „Öffentlichkeitsarbeit“. Dabei sind ihm Journalisten nicht ganz geheuer.
Seine Erfahrung: Sie suchen bei der Elisabeth-Straßenambulanz den „Großstadtkrimi“ oder auch die „Survival-Story“. Und sie mögen diese Bilder, wenn er sich runterbeugt zu jemandem. Sie wollen diese Zweiteilung zeigen: „den Armen“ und „den Helfer“. Das ist Peter Wunsch zuwider. Denn er sieht sich selbst als arm und bedürftig. Und den Wohnungslosen möchte er als Menschen mit ihrer eigenen Geschichte begegnen.

III. Der wichtigste Patient
 

Erster Halt: Liebfrauen. Hier steht Olav.

Beim Frühstück für Wohnungslose an der Liebfrauenkirche ist es eng. Ehrenamtliche des „Franziskustreffs“ schieben sich durch die Reihen, um die Gäste zu bedienen, die meisten sind Männer. Peter Wunsch misst einem den Blutdruck, der ganz stolz ist, dass es ihm besser geht. Er fahre viel Fahrrad, sagt er, traue sich jetzt einfach. „Die Tabletten, die nehm’ ich! Du erinnerst mich ja immer!“ Ist der Blutdruck in Ordnung, sei man weniger angespannt und weniger aggressiv, hat er festgestellt. Wunsch nickt, wirkt aber nicht ganz bei der Sache.
Seine Augen suchen einen anderen. Zurück auf der Straße erklärt der Krankenpfleger, dass es ihm hier vor allem um einen Mann gegangen sei, der vor kurzem notfallmäßig im Krankenhaus behandelt werden musste. Er hat ihn kurz gesprochen und weiß jetzt, dass es ihm bessergeht, dass er seine Medikamente nimmt und die ärztliche Behandlung fortgesetzt wird. Wunsch wirkt erleichtert. Er hat vor jeder Tour so jemand im Kopf, auf den er besonders achten will. „Der wichtigste Patient.“ Wenn er den nicht trifft, macht ihn das unruhig.

IV. „Schreiben Sie das auf!“

Frauen sind „in der Szene“, wie Wunsch das nennt, in der Minderzahl. Eine von ihnen, man könnte sie sich als Kioskbesitzerin vorstellen, hat Sorge um eine andere und möchte, dass Wunsch sich kümmert. Als sie die Journalistin bemerkt, gibt sie zu Protokoll: „Der Herr Wunsch hat mir schon viel geholfen. Ein Segen Gottes, dass es solche Menschen gibt.“ Peter Wunsch ruft: „Schreiben Sie das gleich auf!“ und lacht.  Ein anderer Frühstücksgast ist sauer: „Segen Gottes, das sind doch Wahnvorstellungen!“, murmelt er.

V. „Kennen Sie Frankfurt?“

Wenn er losgeht auf die Straße, schlägt der Krankenpfleger einen sehr schnellen Schritt an. Ob ich Frankfurt kenne, hat er mich gefragt. O ja. Aber es ist ein anderes Frankfurt, das ich heute sehe. Als wenn ich eine andere Brille trüge, sehe ich jetzt die vielen Menschen, die ich sonst nicht zu bemerken versuche. Es sind viele, zum Beispiel auf der Zeil. Wunsch ist stolz auf Frankfurt, weil die Stadt die Wohnungslosen dort toleriert und nicht vertreibt.

VI. Der Handkuss

Vier Männer begrüßt Wunsch in der Nähe der Hauptwache. Einer erhebt sich etwas schwankend, um mir die Hand zu küssen. Wunsch schaut sich eine Wunde an, die einer von den vieren am Kopf hat, und dringt darauf, dass die in der Ambulanz versorgt werden muss. Morgen kommen, ja? Ja, morgen. Ein anderer aus der Runde wird auf Läuse kontrolliert. Oft an diesem Morgen hebt Peter Wunsch Kapuzen und Mützen an, Kopfbedeckungen, die Schutz sind auch vor Blicken. Er schaut genau hin. Die Leute lassen ihn gewähren. Einer erzählt, er brauche eine Frau. Frauen seien teuer, scherzt Wunsch, und rät ab. Es wird gelacht.

VII. Scham

Wir begegnen einem Mann, der so schwer alkoholkrank ist, dass er immer wieder mal eingekotet aufgefunden wird. Dann wird er im Bus in die Elisabeth-Straßenambulanz gefahren. Klingerstaße 8, eine Einrichtung des Caritasverbands. Hier stehen eine Krankenschwester und eine Ehrenamtliche bereit, um beim Duschen zu helfen. Das ist das, was man für ihn tun kann. Mehr geht nicht.
In seiner Begleitung ist einer, der in seiner Heimat Bauingenieur war. Seine Frau ist an MS erkrankt. Ob er deswegen abgestürzt ist, wer weiß das. Seit vielen Jahren ist der Bauingenieur in Deutschland: „sozusagen obdachlos“. Peter Wunsch korrigiert: „praktisch obdachlos.“ Dieser Mann hat einen Sohn in Bulgarien. Seit Monaten quält er sich mit der Frage: Soll er den Sohn anrufen? Dem es angeblich gut geht? Sein Elend eingestehen? Er schämt sich. „Ich habe nichts, wofür ich mich schämen sollte“, sagt er. Dann wiederholt er, was ihm wichtig ist: „Never give up.“ Wunsch schaut ihm in die Augen und wiederholt das: „Never give up.“ – Niemals aufgeben.

VIII. Dankbarkeit
 

"Ich finde es schön, dass man Hilfe bekommt."

Im Bahnhofsviertel begegnen wir dem Mann, dem ein Zweig ins Auge gekommen ist. Das ist ein stolzer, schöner Mann, ursprünglich aus Marokko, der ungern wartet, weil gerade ein anderer auf Peter Wunsch einredet. Als Wunsch sich im Ambulanzbus sein Auge angeschaut hat, ihm Salbe gegeben und ihm einen Augenarzt für alle Fälle genannt hat, sieht der Mann ganz anders aus. Gelöst, fast glücklich. Beruhigt. Er bedankt sich bei Peter Wunsch und sogar bei mir. Bei mir!

IX. Komplett platt

Gegen Mittag hat Peter Wunsch 13 Patienten behandelt, 5,3 Kilometer mit dem Bus zurückgelegt, die „klassische Tour“: Franziskustreff an der Liebfrauenkirche, Zeil Hauptwache, Tagestreff Weißfrauen im Bahnhofsviertel. Er hat Wunden versorgt, Blutdruck gemessen, nach Läusen gesucht, er hat Tipps gegeben, Kleidung gegeben, seine Hand gegeben, sein Ohr gegeben. Er hat sehr viele Sprachen gehört, Italienisch, Bulgarisch, Polnisch, Englisch, hat geradebrecht und sich mit den Händen verständigt. Er ist x-mal in die Knie gegangen. Er hat ziemlich viel gelacht. Er hat immer noch Energie, setzt sich in der Ambulanz gleich an den Computer. Ich bin komplett platt. Ich setze mich ins Wartezimmer. Was tu ich da? Gar nichts. Ich warte und weiß nicht, worauf.

X. Im Wartezimmer

Dort sitzen um diese Zeit noch vier Menschen. Es ist wie überall beim Arzt. Der eine wartet stoisch, der andere sorgenvoll. Der Dritte kann das Warten kaum ertragen und redet vor sich hin. Um seine Nerven zu beruhigen, isst er in atemberaubender Geschwindigkeit zwei Marsriegel. Eine sehr junge Frau in rosa Joggingklamotten wartet, nimmt dann ihr glänzendes Handy aus einer schmutzigen Tasche und geht vor die Tür, um zu telefonieren. Jetzt sieht man ihren Babybauch. Aber nicht sie wartet auf einen Termin, es ist ihr Partner, der mit sorgenvoller Miene aus dem Arztzimmer kommt. Ein anderer kommt von der Ärztin und fragt einen der Wartenden: „Worauf wartest Du denn hier?“ „Auf den Heiligen Geist.“ „Du musst reingehen, dann kriegst Du Deine Medikamente, wie es sich gehört.“

XI. Hin und Her

Krankenpfleger Peter Wunsch

Peter Wunsch ist 54 Jahre alt, Diplomtheologe, er war eine Zeitlang Trappist, hat dann in einer christlichen Gemeinschaft zusammen mit psychisch Kranken gelebt. Sein Leben sei ein ziemliches Hin und Her gewesen, findet er, aber jetzt werde er bald volljährig in seinem Job in der Elisabeth-Straßenambulanz: Seit 1999 ist er hier und immer noch am richtigen Platz. Er hat eine Halbtagsstelle. Jeden Morgen fährt er raus mit dem Ambulanzbus, und mittwochs hat er frei. Die Arbeit ist nicht leicht: „Manchmal färbt das alles auf mich ab, und ich bin ein bisschen durcheinander“, sagt er.
Die Armut ist sein Thema. Schon früh wollte er „bei den Armen sein“. Und seit sehr vielen Jahren bemüht er sich um einen einfachen Lebensstil, ohne Auto, ohne Fernreisen, ohne Waschmaschine. Aber er unterscheidet klar: „Meine Armut ist eine gebastelte, spielerische. Wir nennen es auch Askese. Es ist nur so viel Armut, wie ich möchte.“ Das sei grundlegend anders als bei den Leuten auf der Straße.

XII. Bettler, Bürger, Gott

Manchmal hat Peter Wunsch es satt, dass überhaupt von Wohnungslosen gesprochen wird. Hat er die Kategorien satt. Gottes Ebenbildlichkeit bedeute, dass Gottes Liebe nicht nur den schönen und reichen Menschen gilt, sondern auch den armen und unangenehmen Menschen, „auch wenn sie stinken oder spinnen“. Darum geht es ihm. Darum hat er sein Buch geschrieben, um mehr Begegnungen zwischen Bettlern und Bürgern zu ermöglichen. Zwischen unten und oben. Und um diese Grenzen ins Wanken zu bringen. Ist Gott ein Wohnungsloser? Ja, sagt Wunsch, ohne jedes Zögern: Ja.

 

Zur Von Angesicht zu Angesicht. Buch von Peter Wunsch Foto: Vier-Türme-VerlagSache

Peter Wunsch hat  ein Buch geschrieben: „Von Angesicht zu Angesicht. Meine Begegnungen mit Wohnungslosen“. Darin erfährt man auch viel über sein Leben als Krankenpfleger, bewusst eheloser Mann und Christ. Am 24. Oktober liest er um 17 Uhr aus seinem Buch in der Avetorstubb, Affentorplatz 2, 60 59 4 Frankfurt am Main

Peter Wunsch: „Von Angesicht zu Angesicht. Meine Begegnungen mit Wohnungslosen“, Vier-Türme-Verlag, 17,99 Euro
 

 

Hintergrund: Bildergalerie

In der Bildergalerie „Auf Frankfurts Straßen" nimmt Ruth Lehnen Sie mit auf einen Rundgang zu den Menschen der Stadt, die in ihrem Text vorkommen.

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