09.10.2019

Mein Sonntag

Damit der Mensch den Himmel sehen kann

Der Sonntag – für viele Menschen ein ganz besonderer Tag. Wie gestalten Menschen ihren ersten Tag der Woche? Und was bedeutet ihnen dieser Tag, der für die meisten eine Verschnaufpause bietet, die aber nicht von jedem genutzt wird? Wir haben nachgefragt.

Das Zusammensein wollen wir nicht missen

Gertrud Bug (84), Großmutter in Petersberg bei Fulda

Gertrud Bug
Foto: Hans-Joachim
Stoehr

„,Am Sonntag ruh und bete gern, der Sonntag ist der Tag des Herrn.‘ Das hat meine Großmutter väterlicherseits immer gesagt. Ich bin in einer religiösen Familie aufgewachsen. Der sonntägliche Besuch der Messe gehört für mich bis heute ebenso zum Leben wie das Tischgebet. Und auch die Feiern in der Familie sind mir wichtig – die Geburtstage, aber auch die Namenstage. Bei runden Geburtstagen treffen wir uns am liebsten sonntags, weil da die meisten auch kommen können. Mein ältester Sohn arbeitet im Schichtbetrieb. Da schauen wir, wie wir uns dann treffen können, dass er auch dabei sein kann.
Mein Mann Bruno (88) und ich, wir haben drei Kinder und sieben Enkelkinder. Zum Feiern kommen die alle bei uns Großeltern zusammen. Das genießen wir sehr. Dieses Zusammensein wollen wir nicht missen. Auch wenn ich beobachte, dass bei den Treffen Handys Einzug gehalten haben und dadurch weniger miteinander gesprochen wird.
Dass Geschäfte an Sonntagen geöffnet werden, finde ichschlimm. Das muss doch nicht sein. Es gibt doch unter der Woche genug Zeit, einkaufen zu gehen.“

protokolliert von Hans-Joachim Stoehr

 

 

 

Den Tag nicht zum Werktag machen

Pfarrer Klaus Rein (63), St. Michael Einhausen, im Bistum Mainz

Foto: fotograf@thomasneu.de
Foto: fotograf@
thomasneu.de

„Ja, ich muss meinen Dienst tun. Aber der Gottesdienst, den ich mit der Gemeinde feiere, ist für mich noch nie Arbeit gewesen, sondern Freude.
Für mich ist der Sonntag der erste Tag der Woche, der sich unterscheiden soll von den Werktagen: bei der Kleidung, beim liturgischen Gewand, sogar beim Mittagessen.
Ich finde es schade, dass so viele den Sonntag zum Werktag machen. Manchmal sage ich, die werden erst aufwachen, wenn es nur noch Werktage gibt. Klar, auch ich kenne so Drucksituationen, dass noch etwas erledigt werden muss und ich auch am Sonntag noch am PC sitze. Aber oft freue ich mich am Sonntag auf eine Mittagsruhe. Dann liege ich auf dem Sofa und lese einen Krimi. Meine Mitarbeiterin Renate Spieß und ich spielen sonntags abends immer Kniffel, ein Würfelspiel. Als ich ein Kind war, wurde bei uns schon viel gespielt. Langeweile am Sonntag kannte ich deshalb nicht.

Der Sonntag ist der Tag, an dem ich mein schönes grünes Messgewand anziehe, das ich geschenkt bekommen habe und das in meinen Augen kostbar ist. Wenn ich in die Kirche komme, schaue ich mich aufmerksam um: Die meisten kenne ich. Wenn aber jemand da ist, den ich nicht kenne, spreche ich die Leute an. So habe ich schon Mitarbeiter und sogar Freunde gewonnen.

Ein Sonntag ohne Gottesdienst ist für mich nicht denkbar. Wenn ich einmal frei habe am Sonntag, genieße ich es, etwas länger zu schlafen, und fahre dann abends nach Frankfurt Liebfrauen zum Gottesdienst. Da setze ich mich einfach in die Bank.“

protokolliert von Ruth Lehnen

 

In schnelllebiger Zeit zur Ruhe kommen

Mathias Stähler (28), Landwirt mit Milchvieh in Hadamar-Oberzeuzheim:

Foto: privat

„Der Sonntag bedeutet für mich, meine Akkus wieder aufzuladen, mich zurückziehen zu können, etwas mit der Familie zu unternehmen. Mir ist es wichtig, den Sonntag in Ehren zu halten. Der Sonntag muss Sonntag bleiben. Natürlich geht das in unserem Beruf nicht immer. Wir arbeiten das ganze Jahr auf die Ernte hin. Wenn Erntezeit ist und das Wetter umschlägt, kann die Arbeit nicht liegenbleiben. Wenn wir Mähdrescher oder andere große Maschinen ausleihen – die Termine sind ziemlich gefragt –, arbeiten wir auch sonntags. Jeden Tag füttern wir morgens und abends die Kühe, morgens zwischen 6 und 6.30 Uhr und abends zwischen 17 und 18 Uhr. Wir arbeiten mit Robotern, gleichen morgens die Daten ab und schauen, ob alle Tiere gesund sind. Durch die Roboter sind wir flexibler und können sonntags den Tag eine Stunde später beginnen. An Sonntagen lassen wir alles etwas langsamer angehen, vor allem im Winter. Der Sonntag hat für mich den Charakter eines Feiertags. In unserer schnelllebigen Zeit kann man sonntags, wenn auch die Geschäfte geschlossen sind, zur Ruhe kommen.“

protokolliert von Anja Weiffen

 

 

 

Was ich tue, ist auch Gottesdienst

Katharina Neufurth (31) ist Krankenpflegerin im St. Josefs-Hospital Wiesbaden; stellvertretende Stationsleitung

Foto: privat

„Mein Sonntag hat sich sehr verändert, seit ich in der Pflege arbeite. Ich bin stellvertretende Stationsleitung im Joho auf der Station 45 mit 77 Betten und arbeite im Schichtdienst. Früher habe ich in den Mainzer Domchören gesungen und habe Gesang studiert. Da habe ich sehr häufig in den Gottesdiensten gesungen. Heute kann ich leider sonntags nicht mehr singen und auch oft nicht in den Gottesdienst gehen, das schaffe ich nicht mehr. Am Anfang in der Pflege war das in meinem Kopf: Ich kann doch jetzt sonntags nicht arbeiten! Da hat mir der Krankenhauspfarrer gesagt, dass das, was ich für die Patienten tue, auch Gottesdienst ist, nur eben anders. Seitdem habe ich das für mich umformuliert: Ich frage mich, was die Patienten brauchen, und ich bin für sie da. Das ist mein Gottesdienst.

Wie mein Traum von einem Sonntag aussieht? Ich würde gerade gar nichts ändern. Ich habe ja dafür in der Woche frei, da versuche ich, zur Ruhe zu kommen, und ich bete für mich. Auf Station wird sonntags ein Gottesdienst per Fernseher in die Zimmer übertragen, und wer das wünscht, kann die Kommunion empfangen, auch wir Pflegekräfte. Aber wir haben meist gar keine Zeit dazu. Wenn das Ende des Dienstes gekommen ist, fällt einem manchmal erst ein: Ach, heute ist ja Sonntag! Nach dem Dienst drehe ich eine Runde mit meinem Hund Henri, einem Golden Retriever. Und ab 2020 singe ich wieder mit meinem Chor Claritas vocalis in Frankfurt.“

protokolliert von Ruth Lehnen

 

Zeit für Rückschau und Dankbarkeit

Kerstin Aufenanger (40) ist Referentin für Kinder- und Familienliturgie im Bistum Mainz. Sie wohnt in Mainz, ist verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von sechs und zehn Jahren.

Kerstin Aufenanger
Foto: privat

„Der Sonntag ist ein Tag, an dem das Frühstück bei uns einen hohen Stellenwert hat. An anderen Tagen ist die Zeit morgens oft knapp, wenn die Kinder in Schule und Kindergarten müssen. Sonntags können wir gemütlich als Familie frühstücken. Wir haben Zeit, uns dabei zu unterhalten und das ein bisschen auszudehnen. Das ist total schön.
Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg in den Gottesdienst. Wir gehen entweder alle zusammen, oder wir teilen uns auf, je nachdem, ob ich beruflich irgendwo eingebunden bin. Unser älterer Sohn Theo ist Messdiener, und deshalb auch in der Gemeinde aktiv.

Wir nutzen den Sonntag als Familie, entweder, um zusammen einen Ausflug zu machen, oder, um uns einfach so einen schönen Tag zu machen. Da ist es gut, dass sonst nicht so viel los ist, also keine Hobbys mit festgelegten Uhrzeiten oder Einkäufe, die zu erledigen wären. Es ist schön, dass wir den Sonntag haben, weil wir dann alle mehr Zeit füreinander haben.

Gerade in Zeiten, in denen Kinder schon durch schulische Anforderungen ganze Arbeitstage haben, von montags bis freitags, ist es wertvoll, dass es einen Tag zum Ausruhen gibt. Denn wie sollen sie sonst lernen, dass es auch Zeiten der Ruhe braucht?
Für uns als christlich lebende Familie ist es der Tag, an dem Gott geruht hat. Er hat sich angeschaut, was er vollbracht hat, und gesehen, dass es gut ist. Das kann auch für uns ein Vorbild sein, ab und an zur Ruhe zu kommen, und zu schauen, was gewesen ist. Es gibt uns die Möglichkeit, dankbar zu sein, dass es in den meisten Fällen gut läuft in unserer Familie.“

protokolliert von Julia Hoffmann

 

Zur Sache: Wie sich die Sonntagsruhe entwickelt hat

Alte Kirche
(bis zum 3. Jahrhundert)
:
Der Sonntag ist der Tag der Auferstehung, die jede Woche neu gefeiert wird. Mindestens seit dem 2. Jahrhundert (bezeugt durch Justin den Märtyrer, um 150 nach Christus) ist der Sonntag der Tag der Gemeindeversammlung, um der Auferstehung Jesu zu gedenken, aus den Schriften der Apostel zu lesen und Eucharistie mit den mitgebrachten Gaben zu feiern. Dies sind erste Vorformen der heutigen Sonntagsmesse.

Römisches Reich
(ab dem 4. Jahrhundert)
:
Kaiser Konstantin erhebt das Christentum zur Staatsreligion des römischen Reiches und verfügt im Jahr 321 nach Christus ein reichsweites Ruhegebot für den Sonntag, das hauptsächlich der Gewerbetätigkeit in den Städten gilt. Die Landwirtschaft ist ausgenommen.

Brotbrechen: Seit den Zeiten der alten Kirche ist die sonntägliche
Versammlung der Gemeinde bezeugt.

Konzil von Orleans
(538 nach Christus)
:
Die Sonntagsruhe wird auf die Landwirtschaft ausgedehnt. Die Kirche veröffentlicht folgendes Gesetz: „Wir beschließen, dass man am Sonntag die Landarbeit unterlassen solle, nämlich das Pflügen, das Arbeiten im Weinberg oder das Aufrichten eines Zaunes damit man leichter zur Kirche kommen und sich der Gnade des Gebetes widmen kann.“

Mittelalter:
Die Kirche prangert mehrfach die mangelnde Beachtung der Sonntagsruhe an und fordert die Unterlassung jeglicher Arbeiten am Sonntag unter Androhung von göttlichen und weltlichen Strafen. Arbeit am Sonntag und Missachtung des Gottesdienstgebots wird als „Sonntagsfrevel“ bezeichnet, der das Seelenheil gefährdet.

Reformation / 16. Jahrhundert:
Martin Luther forderte keine Gottesdienstpflicht, gleichwohl aber einen arbeitsfreien Sonntag, um sich von der Arbeit zu erholen und den Menschen überhaupt Gelegenheit zu geben, freiwillig am Gottesdienst teilzunehmen.

18. Jahrhundert:
Ein arbeitsfreier Sonntag gilt als Luxus, den sich nur gutsituierte Bürger und Kleriker leisten können. Die Masse der Bevölkerung muss auch am Sonntag arbeiten, allein, um den Lebensunterhalt zu sichern. Arbeitstage mit mehr als zwölf Stunden sind üblich und so wird es schon als Geschenk angesehen, sonntags nur acht Stunden zu arbeiten.
Charles Irénée Castel Abbé de Saint-Pierre (1734): „Es ist also eine große Barmherzigkeit (…), den armen Familien das Mittel zu geben, ihre Bedürfnisse und die ihrer Kinder zu befriedigen durch sieben oder acht Stunden Arbeit (am Sonntag), und die Mittel, sich und ihre Kinder in der Kirche zu bilden während drei oder vier Stunden am Morgen.“

19. Jahrhundert:
Im Zuge der industriellen Revolution ab der Mitte des 19. Jahrhunderts steigern die Fabrikbesitzer die Produktivität auf Kosten der Arbeiter immer weiter durch Ausdehnen der Arbeitszeiten. Nacht- und Sonntagsarbeit wird zum Regelfall.
1891 veröffentlicht Papst Leo XIII. die erste Sozialenzyklika überhaupt („Rerum Novarum“), die die Sonntagsruhe fordert: „Die religiös geweihte Ruhe enthebt den Menschen den Geschäften des täglichen Lebens, der Last gewohnter Arbeit, um ihn aufzurufen zu Gedanken an die Güter des Jenseits und zu den Pflichten der Gottesverehrung. Das ist die Natur, das die Ursache der Sonntagsruhe.“
In den 1890er Jahren gibt es in Deutschland die ersten gesetzlichen Regelungen (zunächst in der Gewerbeordnung) zum Sonntagsschutz, um gröbste Auswüchse zu begrenzen. Die Regeln lassen jedoch noch viele Ausnahmen zu.

Von Klaus Altenbach