15.06.2022

Bruder Norbert Lammers und #outinchurch

Das Versteckspiel ist vorbei

Er wird 60 Jahre alt. Dass er schwul ist, weiß er seit langem. Er hat nie öffentlich darüber gesprochen. Bis jetzt. Was hat ihn dazu bewogen, was hat sich verändert, und: Was hat das mit Gott zu tun? Ruth Lehnen hat den Exerzitienleiter Bruder Norbert Lammers in Hofheim besucht. Und nachgefragt.


Bruder Norbert Lammers ist Priester und Exerzitienleiter. Er ist schwul. Was über Jahrzehnte keiner wissen sollte, ist jetzt heraus. Er ist froh darüber.


Es war „diese Angst, ich könnte abgeschrieben werden“. Diese Angst hat Bruder Norbert Lammers über Jahrzehnte zum Schweigen gebracht. Bis zum Januar dieses Jahres. Als der Film „Wie Gott uns schuf“ in der ARD lief. In dem Film sitzt er in seiner Franziskanerkutte vor orangenem Hintergrund und sagt: „Ich bin schwul.“

Da war es vorbei mit dem Schweigen und erstmal auch mit der Ruhe

Da war es vorbei mit dem Schweigen und erstmal auch mit der Ruhe. So viele Reaktionen haben ihn erreicht. Es wurden Telefonate fällig. Und Gespräche. Und Pressetermine. Mittlerweile ist die erste Aufregung etwas abgeklungen. Bruder Norbert sitzt in einem Gesprächszimmer im Keller des großen Exerzitienhauses in Hofheim, das seit zwölf Jahren das Zuhause des Franziskaners und Exerzitienleiters ist. Seit vielen Jahren begleitet er Menschen bei der Frage, wer sie sind und was Gott von ihnen will. Und er hat jetzt auf die Frage, wer er selbst ist, eine Antwort, die auch öffentlich werden darf. „Ich bin schwul“: Diese drei Worte sind ja nicht die ganze Geschichte.
Zur ganzen Geschichte gehören Angst und Zögern, verpasste Gelegenheiten, etwas von sich preiszugeben – auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite eine Kirche, die noch vor ganz kurzer Zeit gegen die Segnungen schwuler und lesbischer Paare scharfen Widerspruch einlegte, und ein Papst Benedikt, der der Meinung war, schwule Männer dürften nicht zu Priestern geweiht werden. Zur ganzen Geschichte gehört das Versteckspiel, das sehr viele bis vor sehr kurzer Zeit gespielt haben – ja, auch Journalisten. Als Bruder Norbert beschloss, sich nicht an die Anweisungen zu halten und schwule und lesbische Paare sowie auch andere zu segnen, wäre keiner auf die Idee gekommen, ihn zu fragen: „Sind Sie denn selber schwul?“ Fast alle lebten ganz gut mit der Haltung: Viel darf sein, aber nicht öffentlich.
Norbert Lammers ist seit 38 Jahren Franziskaner, er wird 60 Jahre alt. Mit seinen betagten Eltern hatte er nie über seine sexuelle Identität gesprochen, bis jetzt. Am Tag nach der Ausstrahlung des Films rief er sie an. Sie hatten viele Fragen.

Ein Schlüsselmoment in den Exerzitien

Seit sich der Ordenspriester zum Sprechen über seine Homosexualität entschlossen hat, hat er sehr gute Erfahrungen gemacht: „Alle aus meiner Familie stehen voll und ganz hinter mir.“ Er werde als Sohn, Bruder und Onkel weiterhin voll akzeptiert. Das muss eine unglaubliche Erleichterung sein.
Der Exerzitienleiter ist kein Mann, der viel von seinen Emotionen sehen lässt. Dazu sei er zu sehr Emsländer, sagt er. Er weiß, dass er meist „nüchtern wirkt, manchmal auch kühl“. Hinter der Ruhe und äußeren Entspannt-
heit verbirgt er die Unsicherheit, die auch ein Teil von ihm ist.
Respekt hat ihm Cornelius Bohl gezollt, bis vor wenigen Tagen Provinzialminister der Deutschen Franziskanerprovinz. Er sprach sich zugleich dagegen aus, „dass jeder Bruder in der Gemeinschaft alles von sich preisgeben muss“. Und er wies auf die evangelischen Räte hin, die jeder Franziskaner verspricht: Armut, Keuschheit und Gehorsam. Die gelten auch für Bruder Norbert, und er nimmt sie ernst. Gleichzeitig gilt für jeden Ordensmann, dass er seine Sexualität nicht an der Klosterpforte abgibt. Und ja, auch Bruder Norbert hat einen engen Freund. So wie enge Freunde für das Leben eines jeden Menschen nötig sind, sagt er.
Und was hat Gott mit seiner öffentlichen Erklärung, schwul zu sein, zu tun? Viel? Gar nichts? Für den Exerzitienleiter ist klar, dass Gott die Menschen so liebt, wie sie sind, sie ganz annimmt. Tausendmal gehört, aber dann auf einmal in einer Zeit persönlicher Exerzitien begriffen: Das meint ja mich! Das meint ja, dass auch ich, ganz und gar, wie ich bin, gewollt bin! Da habe er Gott in einer neuen Weite erfahren. Da habe sich etwas gelöst in ihm, und der coole Norddeutsche hat in diesen Exerzitien „geheult wie ein Schlosshund“.

Den aufrechten Gang neu lernen

Es war ihm aufgegangen, dass Gott jemand ist, der Wandlung bewirkt, der Weite schafft, der befreit. Und ihn auch in seiner sexuellen Identität gewollt hat. Als bibelfester Mann dachte Norbert Lammers an die Befreiung der Israeliten aus dem Sklavenhaus, an die Heilung der gekrümmten Frau – an den Willen Gottes, dass die Menschen aufrecht gehen und frei sind. An die Stelle der Angst, abgeschrieben zu werden, tritt bei Bruder Norbert – vorsichtig – die Freude, gewollt und berufen zu sein.

Von Ruth Lehnen

Zur Sache: #outinchurch

#outinchurch, etwa: „heraus damit in der Kirche“ oder auch „Outing in der Kirche“, ist ein Schlagwort, mit dem schwule, lesbische und Menschen anderer sexueller Identitäten fordern, dass sie sich in der katholischen Kirche nicht mehr verstecken müssen.
Zu Beginn der Kampagne stand im Januar 2022 der Film „Wie Gott uns schuf“ in der ARD, in dem auch Bruder Norbert Lammers öffentlich sagte, er sei schwul. Die Beteiligten haben Forderungen aufgestellt „für eine Kirche ohne Angst“, die sich vor allem gegen Diskriminierung und auf die Erneuerung des kirchlichen Arbeitsrechts richten. Im Mai erschien das Buch zur Kampagne im Verlag Herder: „#outinchurch. Für eine Kirche ohne Angst“, es kostet 22 Euro. (nen)

https://outinchurch.de