29.05.2021

Alexander Rothermel und sein ungewöhnliches Hobby

Der Kaplan als Busfahrer

Alexander Rothermel ist Priester. Und er liebt Pilgerbusfahrten. Vor allem, weil er sich dabei selbst hinters Steuer setzen kann. Denn Rothermel kann Busse fahren. Seinen Busführerschein nutzt er für Gruppenreisen mit Pilgerziel.  Von Anja Weiffen


„Ich bin dann Reiseleiter, geistlicher Begleiter und Busfahrer in einem“, sagt Alexander Rothermel. Zur Zeit ist der 36-Jährige als Kaplan im Vogelsberg, in der Pfarrgruppe Alsfeld/Homberg und in der Pfarrei St. Michael Ruhlkirchen tätig. Seine erste Pfarrstelle ist in Sicht: Ab dem 1. August soll er als Pfarrer die Stelle des Administrators der Pfarrgruppe Abtsteinach übernehmen.

„Entweder wird er Busfahrer oder Priester“

On the road: Kaplan Alexander Rothermel fühlt sich
am Steuer wohl. Foto: privat

Als Alexander Rothermel 2008 ins Priesterseminar ging, hatte er ein Jahr zuvor seine Berufsausbildung als Bürokaufmann abgeschlossen. Auch den Busführerschein hatte er gemacht und war Fahrdienstleiter bei einem Busunternehmen. Schon in der Abi-Zeitung wurde ihm prophezeit: Entweder er wird Busfahrer oder Priester, erinnert sich Rothermel. Der Hang zum Busfahren war ihm wie „in die Wiege gelegt“. „Meine Oma schob mich im Kinderwagen regelmäßig am größten Lorscher Busunternehmen vorbei“, erzählt Kaplan Rothermel lachend. „Wer in Lorsch aufwächst, wird zwangsläufig zum ,Busfahrer‘, wenn er nach Bensheim auf eine der weiterführenden Schulen will.“ Seinem Hang zum Lenken großer Wagen stand damals der Wunsch entgegen, Priester zu werden.

Der Pfarrer sitzt zuhause, liest und raucht Pfeife – das ist ein Klischee

Er hat seine Entscheidung getroffen. Seine Busleidenschaft gab er allerdings nicht auf. Dem Omnibusunternehmen Schmidt in Lindenfels hält Rothermel bis heute die Treue und organisiert – mit Erlaubnis der Bistumsleitung, wie der Kaplan ergänzt – in seiner Freizeit Pilgerreisen.

Doch wie reagieren die Pilger, wenn sich der Busfahrer als Priester entpuppt? Das findet Rothermel selbst spannend. Manchmal spiele er mit den Rollen, sagt er. „Haben Sie das denn nötig?“, sei er einmal gefragt worden. Nein, nötig habe er das Busfahren nicht, aber es mache ihm Spaß, hat er geantwortet. Manche seien über sein Hobby mehr als überrascht, er spüre sogar innere Ablehnung, die er mit einem Satz zusammen- fasst: „Das macht ein katholischer Pfarrer nicht.“ Dahinter verberge sich das Bild eines Pfarrers, „der die Messe feiert, ansonsten zuhause sitzt, Bücher liest, Pfeife raucht und Rosen züchtet“.

Bodenhaftung durch seinen ersten Beruf

Alexander Rothermel sieht im Einbringen seiner Kompetenzen aus seinem früheren beruflichen Leben einen „ganzheitlichen Ansatz“. Dankbar ist er heute auch über seine bürokaufmännische Ausbildung. Dass er vor seinem Priester- Dasein einen anderen Beruf gelernt hat, bringe ihm Bodenhaftung. Die Arbeiterpriester in Frankreich fallen ihm bei diesen Gedanken ein.

„Ich frage mich auch, wie wir in der Kirche Menschen einbeziehen können, die keinen Zugang zum Glauben haben.“ Daher arbeite er gerne mit einem Busfahrer zusammen, der sich kritisch mit Glaubensdingen auseinandersetzt, „mit dem ich offen diskutieren kann“. Allein kann Rothermel keine mehrtägige Pilgerreise stemmen. Es müssen Ruhezeiten und Pausen eingehalten werden, dazu braucht es dann mindestens zwei Fahrer.

Für den Herbst plant Rothermel eine Tour zu den Wallfahrts- und Pilgerorten in Frankreich und Spanien gehen. Ob die Fahrt wie geplant zustande kommt, steht wegen der Pandemie in den Sternen. Rothermel macht sich aber noch aus einem anderen Grund Sorgen: „Im vergangenen Jahr bin ich auf der ersten Demonstration meines Lebens gewesen.“ In Heidelberg und Wies- baden nahm er an einem Bus-Korso zur Rettung von Busunternehmen teil. Der Kaplan fürchtet, „dass wir uns im Sommer von dem einen oder anderen großen Busunternehmen werden verabschieden müssen“.

Genüsslich erinnert sich Alexander Rothermel aber an die Überraschung, die er als Priester im Kollarhemd bei der Demo auslöste. „Nie werde ich die staunenden Gesichter in Wiesbaden vergessen.“