25.11.2021

"Gefragte Frauen": Verena Maria Kitz

Die Frau bei den Trauernden

Verena Maria Kitz hat sich selbst eine Aufgabe ausgesucht, bei der sie mit Trauer und Trauernden zu tun hat. Sie leitet das Zentrum für Trauerseelsorge in Frankfurt. Ein Gespräch über Angst, Tod und Auferstehung im „Totenmonat“ November. Von Ruth Lehnen


Verena Maria Kitz und die Menschen, die trauern: „Gemeinsam nach Wegen suchen, um weiterleben zu können.“ Foto: privat


Die erste Antwort ist überraschend. Verena Maria Kitz stellt sich die Trauer nicht wie eine verhärmte Person vor, mit verweinten Augen. Sondern sie sieht „eine weise Frau mit liebevoll ausgebreiteten Armen, die das Leben kennt“. Wenn die Trauer so ist, warum will sie keiner haben?
Die Trauerseelsorgerin lässt sich Zeit für ihre Antwort. Viele wollten die Ursache der Trauer nicht, den Tod. Den Abschied von lieben Menschen, den will niemand. Die Trauer aber sei die Kraft, mit dem Tod zurechtzukommen: „Die Menschen müssen ja weiterleben.“
Die Trauer wird niemals eingeladen, sie kommt von selbst. „Man kann sie ausladen“, spinnt Verena Maria Kitz den Gedanken weiter. Manchmal wird die Trauer durch Formalitäten überdeckt, mit Arbeit betäubt. „Trotzdem geht sie mit, trotzdem ist sie da.“ Sie unterscheidet sich von der Traurigkeit, denn in der Trauer kann vieles sein: Traurigkeit, Dankbarkeit, Wut, Groll, Verzweiflung, Erleichterung, Zorn.

Von der Trauerwanderung übers Trauercafé bis zum Zoom-Gespräch

Verena Maria Kitz befasst sich seit Anfang 2020 hauptberuflich mit dem Thema Trauer. Als Trauerseelsorgerin und Leiterin des Zentrums für Trauerseelsorge St. Michael in Frankfurt leiht sie ihr Ohr Menschen, die sich allein fühlen, verlassen, weil der Tod ihnen ihre Liebsten genommen hat. Sie und ihr Team, zu dem Pastoralreferentin Beate Denfeld und Gemeindereferent Ralph Messer gehören, versuchen auf vielen Wegen den trauernden Menschen beizustehen. Sie verantworten eine Vielfalt von Angeboten, die von der Trauerwanderung über das Trauercafé bis zum digitalen Trauergespräch per Zoom reichen.

Die Zeit der Trauer kann eine schreckliche Zeit sein, das weiß Verena Maria Kitz. Wenn eine Mutter von kleinen Kindern stirbt oder ein Ehepartner nach Jahrzehnten des Zusammenlebens, habe das etwas Brutales. Das will die Theologin nicht schönreden und nicht „bepredigen“. Aber sie hätte sich nicht um ihre jetzige Stelle beworben, „wenn es nur ein Katastrophenjob wäre“. Die schwierige Zeit der Trauer sei zugleich eine unglaublich wichtige Zeit für die Einzelnen – und für die Kirche. „Die Trauernden trösten“ – eines der sieben Werke der Barmherzigkeit. Zentraler Punkt jeden christlichen Lebens. In der Theorie. In der Praxis fehlen den Christen oft ebenso wie allen anderen die Worte. Und zunehmend auch Gesten und Rituale.

Erinnerung an hilfreiche Rituale

Was es da alles mal gegeben hat! Die Katholiken kannten die Krankensalbung als Stärkung der Kranken, kannten die Verabschiedung am Sarg, das Gebet: „Zum Paradies mögen Engel Dich geleiten ...“, kannten die schwarze Trauerkleidung als Schutz und manchmal als Gefängnis der Angehörigen. Die Beerdigung und das Kaffeetrinken danach war ein Auf und Ab der Gefühle, neben abgrundtiefer Verzweiflung stand das Lachen, wenn man sich an Eigenheiten des Verstorbenen erinnerte. Sechs-Wochen-Amt – die erste Wegstrecke der Trauer war geschafft. Erstes Jahresgedächtnis – ein Jahr überlebt. Viele dieser Rituale sind – zumal in Zeiten von Corona – weggebrochen.

Verena Maria Kitz spricht sich für die Wiederentdeckung vieler dieser Rituale aus, auch für ihre Neuinterpretation. So sei es vielen heute nicht bekannt, dass ein Verstorbener noch bis zu drei Tage zuhause bleiben könne, Zeit für den Abschied, Zeit fürs Begreifen. Diese Zeit sei häufig eine Hilfe fürs Verstehen des Verlusts. Was nicht begriffen ist, nicht gefühlt wurde, kann sich in der Phantasie in schlimme Bilder verwandeln, vor allem bei Kindern, die oft nur den gewaltsamen Tod aus Fernsehkrimis kennen. Kitz ist froh, dass die Bestatter heutzutage viele Möglichkeiten der Verabschiedung fördern und zulassen. Sie hat schon oft erlebt, dass Verstorbene Frieden ausstrahlen.

Wie kann es weitergehen? Was kann mir ein Halt sein? Das fragen sich Trauernde

Fast immer jedoch geht der Tod auch mit der Angst einher: die Angst, die es zu besiegen gilt. Oder eher: Es gilt, sie freundlich in die Arme zu nehmen. Die Angst vor dem eigenen Tod, die Angst im Angesicht der Endlichkeit, die Angst vorm Verlassensein, die Angst vorm Alleinsein. Wie kann es weitergehen? Was kann mir dabei ein Halt sein? Das fragen sich Trauernde.
Die Trauerbegleiter bieten Hilfe an. Sie bieten sich selbst an. Bleiben da. Sie bieten an, die Beerdigung zu gestalten, so dass sie stimmig ist, würdig, liebevoll, tröstend. Sie kommen nicht gleich mit dem Evangelium an, aber wissen, dass darin viel geschrieben ist über das Aufgerichtetwerden. Die Jünger haben sich nach dem Tod Jesu verkrochen. Und dann sind sie auf einmal „herausgekommen aus ihren Löchern“. Das meint für Verena Maria Kitz Auferstehung. Die Kraft zum Leben, zum Lieben, zum Gehen zu bekommen, mit geöffneten Augen, aufatmend. Auferstehung bedeutet für Kitz vor allem: „Du musst keine Angst haben.“
Im Moment bemüht sie sich darum, dass das Zentrum für Trauerseelsorge in der Stadtgesellschaft besser vernetzt wird. Dass alle wissen, dass es dieses Zentrum gibt, kostenlos für jedermann, jede Frau, für alle, egal welchen Glaubens und Herkommens. Sie bemüht sich um Kontakte  zu Bestattern, zu den Medien, zur Politik, im Stadtsynodalrat, zu Bildungseinrichtungen. Warum das alles? Da schüttelt sie den Kopf. Die Frage kann sie nicht recht verstehen. „Die Kirche ist da für die Mühseligen und Beladenen.“ Sie soll ein Ort sein, in dem Menschen aufgerichtet werden.  
Dazu gehört für sie auch die Wiederentdeckung einer „Ars moriendi“, der Kunst, sterben zu können. Auch sie selbst hat sich jetzt mehr damit auseinandergesetzt: Auch ihr Leben ist endlich. Was gibt es noch, was keinen Platz gehabt hat im Leben? Was möchtest Du noch leben? Die Kunst, sterben zu können, ist die Kunst eines guten erfüllten Lebens.  „Meine Aufgabe hat mehr mit dem Leben zu tun als mit dem Tod“, sagt Kitz.

St. Michael soll zu einem „hybriden Ort“ werden – Kirche und Friedhof zugleich

In der denkmalgeschützten Kirche St. Michael wird es demnächst eine weitere Verbindung geben zwischen Leben und Tod. Sie wird ein „hybrider Raum“ werden, kündigt die Leiterin des Zentrums für Trauerseelsorge an: 2500 Urnen sollen hier Platz finden, und dabei wird auch weiter Messe gefeiert, werden Gottesdienste gehalten. Die Asche in den Urnen wird für die Ruhezeit in den Grabstätten in der Kirche aufbewahrt und danach der Erde übergeben, vielleicht in einem „Ewigkeitsgrab“ in der Krypta. Die Sphären der Lebenden und der Toten werden sich begegnen, Vergangenheit und Zukunft werden zusammengeführt. Die Kirche als Heimat für Tote und Lebende – für Verena Maria Kitz ist das ein schöner und tröstlicher Gedanke. Sankt Michael, der Name passt. Der Erzengel gilt als Bezwinger des Bösen und Begleiter der Verstorbenen. Unter seinem Schutz dürfen Lebende und Tote zur Ruhe kommen.

www.trauerseelsorge.bistumlimburg.de

Von Ruth Lehnen

Gefragt, gesagt

„Zur Freiheit befreit“

In der Rubrik „Gefragt ...gesagt“ geben die „gefragten Frauen“ möglichst spontan Antworten.
Durch wen oder was sind Sie zum Glauben gekommen?
Verena Maria Kitz: Durch den heiligen Geist. Natürlich in Verbindung mit meiner Familie und durch mein Studium und die persönliche Begleitung dabei. Und durch die Exerzitienausbildung.
Was gibt Ihnen Ihr Glaube?
Ich hoffe, er gibt mir die Freiheit, mit der Angst um mich selbst und andere und um unsere Welt leben zu können – im Vertrauen auf Jesus.
Haben Sie schon mal daran gedacht, aus der Kirche auszutreten?
Ja. Der Auslöser dafür war die Situation des Missbrauchs. 2018 habe ich mich gefragt, ob ich mich nicht mitschuldig mache an den Verbrechen und ich habe mich gefragt, was meine Verantwortung daran ist, weil ich in dem System bin. Ich habe mich dafür entschieden, zu bleiben und zu versuchen, zum Beispiel durch die Mitarbeit in dem MHG-Projekt zur Aufarbeitung, meinen Beitrag zu leisten.
Und die Situation der Rolle von Frauen hat mich ebenfalls darüber nachdenken lassen, die fehlende Gleichberechtigung von Frauen. Aber ich glaube, dass an den beiden Punkten das Austreten nichts ändern würde. Insofern bleibe ich.
Welche Veränderung wollen Sie als Frau in der Kirche noch erleben?
Die wirkliche Gleichberechtigung der Frauen: gleiche Würde, gleiche Rechte.  
Welches war für Sie das schönste Erlebnis im Glauben?
Das kann ich nicht sagen. Es gab Gott sei Dank viele schöne Erlebnisse, sei es in Exerzitien, die ich persönlich gemacht habe, seien es Familienfeste wie die Erstkommunion unserer Kinder, oder seien es tröstende Beerdigungen.
Ihre liebste Bibelstelle?
Der Philipperhymnus: „Jesus Christus war Gott gleich, aber hielt nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern entäußerte sich und wurde wie ein Sklave ...“ (Philipper 2,5 bis 11 aus den Briefen des Apostels Paulus an die Philipper)
Ihr Rat an Frauen auf der Suche?
Traut euch zu suchen und sucht euch glaubwürdige Gesprächspartner:innen.
Was ich schon immer mal sagen wollte ...
„Zur Freiheit hat Christus Euch befreit!“ (Brief an die Galater 5,1) Traut euch, die Freiheit zu wagen!

Zur Person

Verena Maria Kitz vom Zentrum für Trauerseelsorge

  • Verena Maria Kitz wurde 1961 in Frankfurt geboren.
  • Sie studierte Theologie und Philosophie in Sankt Georgen, Frankfurt, und in München.
  • Zehn Jahre lang war sie als Pastoralreferentin in Frankfurt-Niederrad in der Pfarrei Mutter vom guten Rat tätig.
  • Danach war sie Seelsorgerin im „Refugium“ für Mitarbeitende in Caritas und Pastoral im Exerzitienhaus in Hofheim. Das „Refugium“ soll als Schutzraum und Rückzugsort dienen. Dort bot Verena Maria Kitz Gespräche, Exerzitien und Kurse an.
  • Sie ist seit 1992 in der geistlichen Begleitung pastoraler Mitarbeiter tätig.
  • Seit Januar 2020 ist sie Leiterin des Zentrums für Trauerseelsorge St. Michael in Frankfurt. In dem Zentrum in der Butzbacher Straße bietet ein Team Seelsorgern aus dem Bistum Limburg kostenfrei Begleitung und Beratung rund um das Thema Trauer und Tod an.
  • Berufsbegleitend ist Verena Maria Kitz Autorin für Verkündigungssendungen im Hessischen Rundfunk.
  • Acht Jahre lang war sie Sprecherin des „Worts zum Sonntag“ in der ARD.
  • Verena Maria Kitz ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Sie lebt in Frankfurt.
  • Auf die Frage, was ihr guttut, antwortet sie so: „Schokolade natürlich :-)! Ein tolles Buch – Zumba im Fitness-Studio und alle Bewegung draußen … und einmal im Jahr eine Woche im Kloster den Mund halten!“