21.04.2021

"Gefragte Frauen": Ruth Bornhofen-Wentzel

Die Frau an der Seite der Paare

Ruth Bornhofen-Wentzel hat 40 Jahre lang im Dienst der Kirche Menschen beraten. Sie weiß, dass Menschen Sinn suchen, die Seele konservativ ist und Sex nicht irgendwie egal. Von Ruth Lehnen



Manchmal geht es auch darum, etwas gemeinsam auszuhalten,
meint Ruth Bornhofen-Wentzel.


Ist sie eine aufgeräumte Person? Ihr Büro und Beratungszimmer im Haus der Volksarbeit in Frankfurt legt das nahe. Ruth Bornhofen-Wentzel lächelt unter ihrer Maske. Die Aufgeräumtheit hat damit zu tun, dass sie dieses Büro in einer Woche verlässt, in den Ruhestand geht. Aber ja, sie schätzt auch den freien Raum, denn die Menschen, die zu ihr kommen, sollen die Umgebung als „diskret, einladend, offen“ erleben, auch als „ruhig und konzentriert“. Die Beraterin und Theologin beschreibt den Raum und ein bisschen auch sich selbst. Einladend und offen geht sie als Leiterin der Ehe- und Sexualberatung im Haus der Volksarbeit in Frankfurt auf Ratsuchende zu.
Bornhofen-Wentzel war Pastoralassistentin, als sie zuerst in dieses Haus kam, jung und beeindruckt, vor 40 Jahren. Sie habe damals einen Platz finden und lernen wollen, sagt die 65-Jährige. Der Plan ist aufgegangen. Die Beratung wurde zu ihrem Platz in der Kirche, und sie konnte jeden Tag Neues lernen, bis heute.

Niemals „weiß ich schon, kenn‘ ich schon“

Es gab keine Routine. „Weiß ich schon, kenn’ ich schon“ – das gab es nicht. Menschen mit den unterschiedlichsten Lebenswegen und -problemen kamen zu ihr und ihren Kolleginnen und Kollegen. Was so begann, hat sie glücklich gemacht, auch wenn es manchmal schwer war: Es ging ums Verstehen, ums Einfühlen. Wenn es gut lief, konnte sich ein Horizont von Möglichkeiten auftun. Ruth Bornhofen-Wentzel war so frei: „Wir müssen nicht bewerten und beurteilen. Wir setzen an der Realität an. Bei uns geht es nicht um das Sollen, sondern um das ,Ist‘“.  
Bei dem, was sie tut, handelt es sich  um ein Angebot eines katholischen Trägers, und das wird auch ganz klar am Anfang angesprochen und „in aller Regel positiv aufgenommen“. Die Menschen wundern sich: Das macht die Kirche auch? oder sie sagen: „Da weiß ich ja mal, wo meine Kirchensteuer hingeht.“ Bornhofen-Wentzel hält nicht ohne Stolz fest: „Als glaubwürdig, nicht kommerziell, fachlich kompetent und werteorientiert, so wird die Stelle wahrgenommen.“ Wer den Stein des Weisen sucht, wie Kirche wieder Vertrauen gewinnt, sollte genau hingucken, was in der Eschenheimer Anlage 21 in Frankfurt passiert – hier stehen die Menschen Schlange und wollen was von Kirche. Die Anmeldelisten sind voll, es gibt immer mehr Wartende als Möglichkeiten, sie zu beraten.
Dabei spiegelt die Warteliste die Großstadt wider: Ein gutes Drittel gibt für die Statistik an: ohne Bekenntnis, Migranten sind zu einem Drittel vertreten, und religiös gesehen stellen KatholikInnen erst die dritte Gruppe. „Wir sind ein Fachdienst der Pastoral und arbeiten mit fachlicher Kompetenz“, das ist der Stellenleiterin wichtig. Und das Vorbild des barmherzigen Samariters: „die unmittelbare Zuwendung zu dem, der es braucht.“

"Wie können wir vertrauensvoll und in guter Intimität leben?"

Ruth Bornhofen-Wentzel hat sich mit den Anfängen der Beratungsarbeit 1963 befasst. Damals kamen Frauen, teilweise heimlich. Es war ein großes Tabu, Hilfe zu brauchen. Mittlerweile sei es viel normaler, Unterstützung und auch Therapie zu suchen. Ärzte in Kliniken und niedergelassene Therapeuten empfehlen die kirchliche Beratungsstelle, und mittlerweile melden sich auch viele Männer an, um einen Termin auszumachen, für sich und ihre Partnerinnen. Es kommen ganz überwiegend Paare. Doch es wird nicht alles einfach immer besser. Es seien die gleichen Entwicklungsaufgaben, die sich Paaren früher wie heute stellten, sagt die Beraterin: „Wie kann Beziehung gelingen? Wie können wir vertrauensvoll und zufrieden in guter Intimität leben?“ Das habe die Paare früher beschäftigt und sei heute dasselbe, unter gesellschaftlich anderen Bedingungen. „Die Seele ist konservativ. Sie verändert sich viel langsamer als ein gesellschaftliches Bild.“

Zum Abschied nach 40 Jahren schmückt sich das Haus der
Volksarbeit in Frankfurt mit Magnolien.

Zum gesellschaftlichen Bild gehören heute Paare gleichen Geschlechts, und die Beratungsstelle geht auf sie zu, indem sie zum Beispiel Workshops für sie anbietet. Und zeitgleich kommt von der Glaubenskongregation das Verbot der Segnungsfeiern für homosexuelle Paare. Bornhofen-Wentzel erkennt darin den Abwehrkampf, ein „institutionelles Ringen“. Und betrachtet das mit Distanz: „Ich muss mich nicht immer individuell erschrecken lassen.“ Ein leiser Widerstand gegen das Erwartbare, und Weisheit, vorsichtig vorgetragen, das passt zu ihr. Sie findet, dass sie in ihrem Alter ganz genau gucken darf, worauf sie Energie verwendet. Die Briefe aus Rom gehören nicht dazu.

"Menschen, allein und schutzlos in der Leistungsgesellschaft“

Wohl aber ihr Glaube. Der Glaube sei Teil ihrer Identität, sie ist damit aufgewachsen, sie hat erlebt, wie er ihrer Mutter eine große Stütze war, auch im hohen Alter und in Krankheit habe ihre „schlichte Kirchlichkeit sie getragen“, und „da bin ich nicht klüger“, meint Bornhofen- Wentzel. Die Kirche sieht sie wie eine Familie, der sie viel zu verdanken hat, in der aber auch völlig schräge Leute unterwegs sind. Und wie man nicht mit jeder Verwandtschaft ganz eng sein könne, so sei es auch hier: „Ich kann mir den richtigen Ort suchen und in einer guten Distanz leben.“ Aber sich von der Kirche zu trennen, käme für sie auf keinen Fall in Frage: „Ich weiß aus der Beratungsarbeit, wie es ist, wenn die Beziehung abbricht zwischen Kindern und Eltern oder zur eigenen Herkunft: Das ist ein Gewaltakt, der die Biographie schädigt.“ Und noch etwas vergisst sie nicht anzumerken: „Ich bin mein ganzes Leben lang von der Kirche bezahlt worden.“
Aber es geht um viel mehr: Wer glaubt, hat ein Gegenüber. Wem das fehlt, der ist häufig allein und schutzlos in der Leistungsgesellschaft. Leistungs- und Optimierungswahn, damit kommen manche Menschen in die Beratungsstelle. Sie glauben, ihr Leben kontrollieren zu müssen, allein verantwortlich zu sein nach dem Motto: „Ich muss es bringen.“ Ein Konzept, das häufig schwierig wird, wenn das erste Kind sich einstellt. Die eigene Kindheit meldet sich, Rollenmuster werden bedeutsam: Männer, die meinen, allein die Familie ernähren zu müssen, Frauen, die glauben, als Mütter perfekt sein zu müssen.
Ruth Bornhofen-Wentzel hat schon vielen Paaren geholfen, zu verstehen, was da los ist, und mit ihnen zusammen  Wege gefunden, etwas milder auf ihre Situation zu schauen, toleranter mit sich selbst. Sie hat auch viele Situationen mitgetragen, in denen es nicht ums Bessermachen, sondern ums Aushalten ging: Wenn einer der Partner schwer krank oder depressiv wurde, wenn Paare kinderlos waren und sich verzweifelt ein Kind wünschten.
 
Was die Kirche zum Sex zu sagen hat

Zum Thema Sex habe die Kirche einiges Gute zu sagen, meint sie. Zum Beispiel, dass Sex nicht irgendwie egal ist, dass er gestaltet werden kann und muss, dass Respekt vor der Sexualität richtig ist, und dass Sexualität, Verantwortung und Beziehung gut zusammenpassen. Diese Auffassungen, sagt sie leise, seien eine Art Schatz, den man finden könne unter dem Schutt vieler Jahrhunderte. Wenn in der Kirche anders gesprochen würde über Sex, freundlicher und kompetenter.
Nach 40 Jahren Abschied zu nehmen von ihrer Arbeit, sei nicht so leicht, meint die Beraterin. Aber das, findet sie, ist eine sehr private Frage.

Von Ruth Lehnen

 

Gefragt – gesagt

"Suchen ist gut, gemeinsam suchen ist noch besser!“

Durch wen oder was sind Sie zum Glauben gekommen?

Ruth Bornhofen-Wentzel: Ich bin in den Glauben hineingeboren. Er war von Anfang an ein Teil meiner Identität.
Ich habe wichtige Entwicklungsschritte in der Kirche erlebt, durch die Jugendarbeit, durch das Theologiestudium, auch durch die Sprache der Bibel, die mir immer sehr bedeutungsvoll war.

Was gibt Ihnen Ihr Glaube?

Das verändert sich über die Zeit. Für mich ist es entscheidend, dass ich ein Gegenüber habe. So ist es für
mich wichtig, mich morgens zu sortieren, bevor ich loslege mit der Arbeit. Das kann mit einem Psalm sein, das kann auch einfach die Frage sein: „Was ist wichtig, um was geht es heute, wo sind meine Aufregungen, ist das nötig?“

Haben Sie schon mal daran gedacht, aus der Kirche auszutreten?

Ich habe nie daran gedacht, weil es für mich nicht passt. Ich kann nicht aus meiner Identität oder aus meinem Lebenskontext austreten. In der therapeutischen Sichtweise ist es eine ganz unglückliche Vorstellung, dass man sich von etwas Wesentlichem abschneiden könnte. Noch bedenklicher ist es, wenn das in Ärger oder gar Hass passiert, etwas, das giftig ist und selbstschädigend. Die Vorstellung, man könne einen formellen Akt mit der Kirchensteuer mit einer so existentiellen Dimension verknüpfen, ist ohnehin ein bisschen lächerlich.   

Welche Veränderung wollen Sie als Frau in der Kirche noch erleben?

Naja, alle! Alle denkbaren!

Welches war für Sie das schönste Erlebnis im Zusammenhang mit Ihrem Glauben?

Die Taufe unserer Kinder.

Ihre liebste Bibelstelle?

Ich habe spät zu den Psalmen gefunden, die sind mir aber sehr wichtig. Mir hat auch immer die paradoxe Bergpredigt gefallen, schon als Kind.

Ihr Rat an Frauen auf der Suche?

Ich habe es ja nicht so mit dem Raten ... Sagen wir es so: Suchen ist gut, gemeinsam suchen ist noch besser.

 

Zur Person: Ruth Bornhofen- Wentzel

geboren 1955, aufgewachsen in Gernsheim im hessischen Ried. Ruth Bornhofen-Wentzel ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.
Sie ist Diplom-Theologin und war als Pastoralreferentin von 1980 bis 1985 in der Gemeindearbeit.
Sie ist Ehe-, Familien- und Lebensberaterin, Sexualberaterin und Supervisorin.
Berufliche Stationen:
1980 bis 2006 im Haus der Volksarbeit in Frankfurt: zunächst Praktikantin, dann Honorarmitarbeiterin, anschließend festangestellte Beraterin in der Krisen- und Lebensberatung, Telefonseelsorge, evangelisch -katholischer Beratungsdienst Hauptwache
Von 2006 bis 2011 war sie Referentin für die psychologischen Beratungsdienste im Ordinariat Limburg
Von 2011 bis 2021 Ehe- und Sexualberatung im Haus der Volksarbeit Frankfurt, dort bis April 2021 Leiterin. Die Beratung dort hat das Ziel, „Kräfte und Fähigkeiten zu aktivieren, die die Beziehungsfähigkeit ... fördern, zum Gelingen von Partnerschaft beitragen und ein Leben in bewusster Gestaltung ermöglichen.“ Die Beratung ist offen für alle, professionell und kostenfrei (um Spenden wird gebeten).
Seit diesem Jahr schreibt Ruth Bornhofen-Wentzel als Expertin der Kirchenzeitung in der Rubrik „Ethik-Eck“.

www.hdv-ffm.de
www. zweiundalles.de
www.frankfurter-paar-tage.de