30.01.2022

"Gefragte Frauen": Roswitha Kaiser

Die Frau, die schützt und rettet

Ein Zuviel an Kirchen und kirchlichen Gebäuden ist nicht etwa ein Luxus, sondern ein Problem. Roswitha Kaiser, Landeskonservatorin Rheinland-Pfalz, ist sicher, dass „Nachhaltigkeit“ der Schlüssel zur Lösung ist. Über Gebäude und ihre Würde. Von Ruth Lehnen


Als Architektin baute Roswitha Kaiser ihr erstes eigenes Haus in Ziegelbauweise, mit einem basilikalen Grundriss, wie eine Kirche.


Anfang der 2000-er Jahre hat Roswitha Kaiser erlebt, wie ein Kirchturm die Menschen so entzweien kann, dass fast unheilbar ein Riss durch einen Ort geht. Das war in Schmallenberg, einer Stadt im Hochsauerlandkreis. Der Turm der denkmalgeschützten St. Alexanderkirche war nicht mehr zu retten. Um den Neubau des Turms entbrannte ein Kampf. Mittendrin die Denkmalpflegerin an der Seite des Kölner Architekten Hans Schilling, der sich am Schluss durchsetzte. Für den neuen 50 Meter hohen Kirchturm aus Beton, mit grau-grünem Sandstein verkleidet, wurden 2,5 Millionen Euro ausgegeben.
2004 wurde dieser Kirchturm eingeweiht, nicht mal 20 Jahre ist das her. Doch in Sachen Kirchbau hat sich seitdem vieles verändert. Wenn heute von Kirchenbauten die Rede ist, geht es fast immer um die Umnutzung und Aufgabe von Kirchen. Kardinal Karl Lehmann, der sich 2006 engagiert zu Wort meldete, hatte noch gemeint, eine Schließung oder gar ein Abbruch einer Kirche sei „nicht voreilig als Ausdruck einer rückläufigen Entwicklung des christlichen Glaubens und seiner institutionellen Möglichkeiten“ zu werten.

Abschied von der Volkskirche – Abschied von Gebäuden

Heute hingegen werden Umnutzung und Aufgabe von Kirchen als Zeichen einer Entwicklung gesehen, die sich nicht aufhalten lässt: Der Abschied von der Volkskirche zieht auch den Abschied von Gebäuden nach sich. Katholiken und Protestanten werden weniger. Und die Pandemie tut ein Übriges, um die Menschen von ihren Kirchen und der Liturgie zu entfremden. Es ist Krisenzeit, und keine einfache Zeit für Schützer und Retter. Schützen und retten ist der Beruf von  Dr. Roswitha Kaiser, Katholikin, die diese Entwicklungen vor allem durch ihre Brille als Denkmalpflegerin sieht.
Die Landeskonservatorin der Landesdenkmalpflege Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz empfängt an einem zierlichen weißen Tisch im geschichtsträchtigen Erthaler Hof in Mainz, aber außer dieser kleinen Extravaganz ist von Opulenz in ihrem sachlich eingerichteten Büro nichts zu spüren, außer vielleicht bei der Raumhöhe.
Kirchen haben Roswitha Kaiser schon immer fasziniert – vor allem ihre versteckten Orte. Wo immer sie konnte, ist sie auf die Dachböden geklettert, hat sich durch die engsten Öffnungen gezwängt, um etwa herauszufinden, wie alt die verwendeten Hölzer waren. Bei mittelalterlichen Kirchen sei es nicht schwer, Überzeugungsarbeit für die Denkmalpflege zu leisten. Würde, Hochachtung, Stolz – das verbinden die Gemeindemitglieder mit einem solchen Gebäude. Schwieriger ist es, für Betonkirchen zu werben. Aber auch das gehört zu ihrem Job: Sie und ihre Kollegen wollen das Besondere aus allen Zeiten erhalten. Dazu gehört viel Kommunikation mit den kirchlichen Denkmalpflegern, mit den Sachverständigen, dem zuständigen Pfarrer, mit Organist und Gemeinde.
Roswitha Kaiser ist froh, dass es in Deutschland nicht so zugeht wie zum Beispiel in den Niederlanden. Mehr als 2000 Kirchen wurden dort schon zweckentfremdet oder verkauft, 1700 sollen bis 2030 folgen. Die Grenzstadt Maastricht beherbergt in ehemals kirchlichen Mauern eine gut besuchte Buchhandlung, aber auch einen Fahrradstellplatz. Fitnessstudios, Supermärkte, Hotels und Turnhallen in ehemaligen Kirchen sind im Nachbarland nichts Ungewöhnliches.

Neue Nutzungen der Kirchen in Deutschland meist gut gewählt

Gottlob seien die neuen Nutzungen in Deutschland fast immer sensibler, werde die Würde der Kirchen geachtet, und ihren Interessen Rechnung getragen, sagt Roswitha Kaiser. Sie nennt als Beispiele die evangelische Dornbuschkirche in Franfurt, die verkleinert wurde – es entstand ein Platz, der gern genutzt wird, das Projekt wurde ausgezeichnet. Oder die Begräbniskirchen, zum Beispiel die Karmeliterkirche mit Kolumbarium in Boppard oder die Grabeskirche St. Josef in Aachen – „sehr berührend“ sei diese, findet die Denkmalpflegerin. Sie erinnert daran, dass in den Kirchen ja immer schon Menschen bestattet wurden, meist die Höhergestellten, Wichtigen. Und heute sei das in „Begräbniskirchen“ für alle möglich.
Roswitha Kaiser ist nicht so pessimistisch wie mancher Schwarzseher, was die Zukunft der Kirchengebäude in Deutschland betrifft. Dabei setzt sie nicht auf eine plötzliche Erneuerung des Glaubens, sondern auf das Thema Nachhaltigkeit. Ökologisches Bauen war schon ihr Thema, als sie eine junge Architektin war. Die Landeskonservatorin glaubt, dass die Kirchen auf einen „positiven Schub“ hoffen können, wenn auch dem Letzten klar wird, „dass wir uns das einfach nicht mehr leisten können, so hoch wertvolle Gebäude zu vernichten“. Sie zitiert Muck Petzet: „reduce, reuse, recycel“ (reduzieren, wiederverwenden, wiederverwerten). Der Münchner Architekt, vielleicht nicht zufällig der Sohn eines Denkmalpflegers, hat mit diesen Begriffen aus der Abfallwirtschaft den Pavillon der Architektur-Biennale in Venedig 2012 gestaltet. Mit dem Gebäudebestand zu arbeiten, sei längst zur wichtigsten architektonischen Aufgabe geworden: Rückbau, Verkleinerung, Revitalisierung, Umnutzung oder Ergänzung des Vorhandenen. Das findet auch Roswitha Kaiser: Ressourcen schonen und nicht verschwenden ist für sie das Gebot der Stunde.
Dabei könnten die Heutigen viel von den Altvorderen lernen: Wie wenig hatten diese oft zur Verfügung, was haben sie daraus gemacht! Nachhaltigkeit, bevor das Wort erfunden war – das begeistert die Fachfrau in Sachen Denkmal. Sie bewundert die Handwerkskunst vergangener Generationen, die Arbeitskraft, die so viel Langlebiges schuf: „Was die konnten, ist unglaublich!“ Das lasse sich vor allem auch an den Kirchen ablesen. Doch dann ersetzten Maschinen die „handwerkliche, reparaturfähige Qualität“ – und das ging mit einem Verlust menschlicher Fähigkeiten einher.
Nicht jedes Haus ist für die Ewigkeit, das hat auch Roswitha Kaiser erfahren, die ihr erstes eigenes Haus mit basilikalem Grundriss baute, also nach Vorbild einer Kirche, und zwar kostengünstig, in Ziegelbauweise mit Holzskelettkern. An der Haustür hatte sie eine Glocke installiert – Einflüsse ihrer katholischen Sozialisation waren unübersehbar. Doch dieses Haus hat sie während der beruflich bedingten Wechsel hinter sich lassen müssen – sie arbeitete nach der Wende in Sachsen-Anhalt, lebte dann wieder in Münster, wo ihre Familie herstammt, wechselte nach Wiesbaden, dann nach Mainz, und mit den beruflichen Wechseln wechselten auch Häuser und Wohnungen. Derzeit wohnt sie in Frankfurt – den Stil ihrer neuen Bleibe nennt sie „rasant modern“.
Sie möchte nicht zu viel über Privates reden. Aber eins lässt sie sich doch noch entlocken: Die Landeskonservatorin ist eine große Orgelfreundin. Die Königin der Instrumente fasziniert sie so, dass sie selber längere Zeit Orgelunterricht genommen hat. Das könnte auch was für ihre Zukunft sein: Ehrenämter – und Orgelunterricht.  

 

Gefragt ... Gesagt
„Über die eigene Lebenszeit hinaus“

In der Rubrik „Gefragt ... gesagt“ geben die „gefragten Frauen“ möglichst spontan Antworten.

Durch wen sind Sie zum Glauben gekommen?
Roswitha Kaiser: Durch meine Eltern, die den Krieg durchlebt haben und sich dennoch geschützt und geborgen gefühlt haben im Glauben.

Haben Sie schon mal daran gedacht, aus der Kirche auszutreten?
Nein. Obwohl ich Gläubige und Gruppen verstehe, die mit der Institution Kirche Probleme haben. Vor allem der Missbrauch hat auch mich abgrundtief enttäuscht.

Welche Veränderung wollen Sie als Frau in der Kirche noch erleben?
Das Phänomen Maria 2.0  habe ich von Anfang an beobachtet und ich finde es phantastisch. Seit hundert Jahren haben die Frauen um Gleichberechtigung gekämpft und jetzt ist auch in der Kirche absolute Gleichberechtigung angesagt.

Welches war für Sie ein wichtiges Erlebnis im Glauben?
Eine sehr tiefgreifende Erfahrung war die Begleitung der Eltern, als sie sterben mussten, die Erfahrung des Übergangs vom Leben in den Tod.

Was ich immer schon mal sagen wollte ...
In großen Zeitkategorien zu denken, über die eigene Lebenszeit hinaus, und das eigene Vermächtnis weiterzugeben, das verbindet Kirche und Denkmalschutz.

 

Zur Person
Roswitha Kaiser, Landeskonservatorin Rheinland-Pfalz

  • Roswitha Kaiser wurde 1957 in Düren geboren. Sie studierte an der RWTH Aachen (Rheinisch-Westfälisch Technische Hochschule) und legte 1983 ihr Diplom bei Gottfried Böhm ab, einem berühmten Architekten und Kirchenbaumeister.
  • Sie arbeitete als freie Architektin und erwarb ihren Doktortitel 1988 an der Gesamthochschule Kassel (heute Uni Kassel).
  • Sie war Moderatorin in einem Forschungsprogramm des Bundesbauministeriums zum Thema „Experimenteller Wohnungs- und Städtebau (ExWoSt) in Sachsen-Anhalt von 1993 bis 1995.
  • 1996 wurde sie wissenschaftliche Referentin beim Westfälischen Amt für Denkmalpflege in Münster.
  • 2011 wechselte die Mutter einer Tochter und eines Sohns als Abteilungsleiterin in das Amt für Denkmalpflege Hessen.  
  • Sie initiierte gemeinsam mit anderen Denkmalinstitutionen das Förderprogramm Effizienzhaus Denkmal und eine Fortbildung „Energieberater für Baudenkmale“ und die Koordinierungsstelle Energieberater Baudenkmal (WTA und VDL Vereinigung der Landesdenkmalämter).
  • In ihren Vorträgen und Publikationen setzt sie sich für die Verbindung von Denkmalpflege und Klimaschutz ein.
  • Seit Juli 2015 ist sie Landeskonservatorin der Landesdenkmalpflege Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz. Ihr Dienstsitz ist der Erthaler Hof in Mainz.
  • Bei der Hochschule Rhein-Main hat sie einen Lehrauftrag „Energetische Sanierung“.
  • Roswitha Kaiser wohnt in Frankfurt.

Von Ruth Lehnen