20.07.2021

Serie "Gefragte Frauen": Birgit Schönharting engagiert sich für "Ärzte ohne Grenzen"

Die Frau ohne Grenzen

Birgit Schönharting ist Physiotherapeutin. In Taunusstein und weltweit: Immer wieder reist sie zu Auslandseinsätzen im Team von „Ärzte ohne Grenzen“. Sie weiß, wie es ist, wenn Menschen wieder aufstehen. Helfen ist für sie ein Luxus. Von Ruth Lehnen


Birgit Schönharting ist dankbar: Als Physiotherapeutin kann sie Menschen weltweit helfen, mit „Ärzte ohne Grenzen“.

Ihr Urgroßvater reiste ins ewige Eis, sie reist in die afrikanische Hitze. Im August geht es wieder los, in den Südsudan. Der Urgroßvater war ein Entdecker – vielleicht wird der Forschungsdrang ja vererbt. Birgit Schönharting will die Sache mit dem Urgroßvater nicht überbewertet wissen. Allerdings ist es auffällig, wie wissbegierig auch sie ist, und dass sie gern Grenzen überschreitet, im Wort- und im übertragenen Sinn. Die Physiotherapeutin aus Taunusstein gehört zum Team von „Ärzte ohne Grenzen“ und bringt es auf zahlreiche Auslandseinsätze, war in Papua-Neuguinea, mehrfach in Jordanien, in Äthiopien und im Grenzgebiet Südsudan/Sudan.

Die Folgen von Schüssen, Bomben, Bränden, Schlangenbissen

Schussverletzungen, Bombenverletzungen, Brandwunden. Die Folge von Schlangenbissen. Womit sie es bei ihren Einsätzen zu tun bekommt, unterscheidet sich grundlegend von dem, was sie bei ihrer Arbeit „zuhause“ sieht, in der Praxis in Taunusstein, die sie immer wieder freistellt, damit sie ihre Aufgabe in der Welt erfüllen kann.

Birgit Schönharting mit den fünf Jahre alten Anyar

Die 44-Jährige berichtet von Anyar, einem Fünfjährigen, dem sie im Grenzgebiet Sudan/Südsudan helfen konnte. Der Junge war von einer Schlange gebissen worden, woraufhin sich sein Vater sofort mit ihm auf den Weg ins Krankenhaus machte. Er brauchte zwölf Stunden. Die Ärzte konnten den Jungen retten, sein Bein musste lange hochgelagert werden. Die Muskeln bildeten sich zurück. Er hatte Angst, wieder aufzutreten. Birgit Schönharting gelang es, ihn mit spielerischen Mitteln aus seiner Angst zu locken. Bei Anyar war es ein Luftballon, der ihn zum Laufen verführt hat.
Die Physiotherapeutin  setzt bei ihrer Aufgabe auf Mimik, Gestik und auf ein Lächeln. Immer geht es darum, mit wenig Material, ohne große Kosten, etwas auszurichten. Menschen, denen nach harten Schlägen das Aufstehen wieder gelingt – für Birgit Schönharting kein seltener und immer wieder ein schöner Anblick.

Es sind nicht ihre "goldenen Hände"

Sie betont die Zusammenarbeit mit den einheimischen Mitarbeitern von „Ärzte ohne Grenzen“. Ihr geht es nicht darum, „während meiner Zeit dort tolle Dinge zu reißen“. Sondern darum, Wissen zu vermehren: das Basiswissen der Rehabilitation. Sie setzt auch auf die Angehörigen, die sogenannten „care taker“ (zu deutsch: „Sorgetragenden“). Die Verwandten sind es, die in vielen afrikanischen Ländern für die Nachhaltigkeit von Heilungserfolgen sorgen. Und nicht Birgit Schönhartings „goldene Hände“, die so oft von Patientinnen und Patienten gerühmt werden.
Was andere ihre „heilenden Hände“ nennen, sei in Wirklichkeit gute Ausbildung, sei Einfühlungsvermögen und viel Erfahrung. Schönharting hat eine Ausbildung zur Physiotherapeutin gemacht und später berufsbegleitend einen Master in Sportphysiotherapie. In Deutschland hat sie sich lange vor allem um die Betreuung von Sportlern gekümmert. Auch so ein familiäres Erbe: Die Schönhartings sind Badmintonspieler(innen), Birgit war in der 2. Bundesliga, und macht heute noch viel Sport: Joggen, gymnastische Fitness.
In Deutschland, stellt sie fest, gibt es oft die Erwartung: „Mach mich gesund!“ In Afrika hingegen sei die Selbstverantwortung aus der Not heraus oft stark ausgeprägt. Ein Krankenhausaufenthalt bedeute dort: Du musst sehr krank sein. Wenn eine Mutter ihr verhungerndes Kind ins Krankenhaus begleitet, lässt sie vielleicht sieben weitere Kinder zurück, der Aufenthalt muss deshalb so kurz sein wie möglich. In dieser Zeit muss Schönharting der Mutter vermitteln, dass die Nahrungszufuhr nicht alles ist, was das Kind braucht. Die Mutter soll das Kind aus seiner Apathie wecken, mit kleinen Spielen oder einer Rassel zu Bewegungen verleiten, ihm vorsingen, mit ihm sprechen, sonst sind die Schäden in der psychomotorischen Entwicklung immens.

Sie will frei sein, nicht irgendwelchen Normen hinterherleben

Nicht alle Hilfesuchenden können gerettet werden. „Egal wie sehr wir uns einsetzen, es ist nie genug“, sagt Schönharting. Steht ein Mensch wieder auf, kann jemand wieder die Hand zum Mund bewegen, ist das ein großer Erfolg, aber es bleibt ein Tropfen auf dem heißen Stein. Das menschliche Leid, das Birgit Schönharting sieht, ist ohne Ende. Sie findet, dass die Menschen in den entwickelten Ländern mehr auf der „Kaputtmachenseite“ ändern müssen: „Solange wir so viel Geld für Rüstung ausgeben, schaufeln wir selber das Grab, aus dem wir
die Menschen dann wieder rausholen.“
Für sie ist es ein Luxus, humanitäre Arbeit leisten zu können. Die vielen Erfahrungen, die Erweiterung ihres Horizonts, die große Dankbarkeit, die sie zurückbekommt, geben ihrem Leben Sinn. Sie fotografiert, nimmt die Bilder mit, zum Beispiel vom Baobab, ihrem Lieblingsbaum. Diesen Riesen umgibt ein Mythos: Wurde er der Erde entrissen und wieder umgekehrt in die Erde gesetzt? Sodass die Wurzeln nun in die Luft streben?
Entwurzelung und Umkehr sind auch Themen für Birgit Schönharting. Nach drei Monaten im Ausland muss sie erstmal wieder zuhause ankommen. „An guten Tagen bin ich überall zuhause, an schlechten fühle ich mich auch manchmal heimatlos.“
Die deutsche Sektion von „Ärzte ohne Grenzen“ hat im vergangenen Jahr 242 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die Welt gesendet, und es handelt sich nicht nur um Ärztinnen und Ärzte, sondern auch um Krankenpfleger, Hebammen sowie weiteres medizinisches und nicht-medizinisches Personal. Bei allen wird darauf geachtet, dass sie sich nicht vollends verausgaben. Birgit Schönharting hat da schon Routine entwickelt. Sie hat Backpulver und Hefe im Gepäck, Eier und Mehl sind vor Ort oft zu haben, und dann backt sie zum Ausgleich Kuchen. Bei den Mahlzeiten des Teams werde viel gelacht, berichtet sie.
 

"Wenn ich da als Frau hinkomme, ist das oft ein Ausrufezeichen": Birgit Schönharting über ihre Einsätze.

Ihr ungewöhnliches Leben gefällt ihr. Sie will frei sein. Nicht „künstlich gemachten Normen hinterherleben“. Weil sie in Taunusstein Teilzeit arbeitet, um Zeit für ihr Hilfsprojekt in Tansania zu haben (siehe „Zur Person“), vielleicht auch, weil sie keine Familie gegründet hat, hat sie sich manchmal Gedanken über ihre Zukunft gemacht. Aber Angst vor Altersarmut hat sie nicht: „Wenn 15 Leute aus 13 Ländern über das Leben im Alter reden“, dann stellt sich eine andere Sichtweise ein.
Birgit Schönharting mag es nicht, wenn die Leute sie für ihr Engagement bewundern oder belobigen. Sie betont, dass sie bei ihren Einsätzen selbst eine Lernende ist, dass sie oft nur einen Bruchteil der fremden Lebenswelt versteht. Eins aber ist ihr voll bewusst: „Wenn ich da als Frau hinkomme, ist das oft ein Ausrufezeichen.“ An Weltbildern kratzen, das findet sie gut. An ihrem eigenen, aber auch an dem der anderen. In Ländern, in denen es kaum Ärztinnen gibt, in denen der Beruf der Physiotherapeutin unbekannt ist, in denen fast alle Pfleger Männer sind, da setzt die Frau ohne Grenzen ein Zeichen und zeigt, was Frauen können.
Von Ruth Lehnen

 

Gefragt, gesagt

„Eine Päpstin!“

In der Rubrik „Gefragt ...gesagt“ geben die „gefragten Frauen“ möglichst spontan Antworten.
Durch wen oder was sind Sie zum Glauben gekommen?
Birgit Schönharting: Von meinen Eltern bin ich christlich erzogen worden.
Was gibt Ihnen Ihr Glaube?
Gelegenheit, mich selbst und viele Dinge zu hinterfragen und zu beleuchten.
Haben Sie schon mal daran gedacht, aus der Kirche auszutreten?
Nein, ich sehe Kirche auch kritisch, denke aber, sie ist wichtiger Teil der Gestaltung des Lebens und bedeutet für viele Menschn sehr viel. Da spielt auch der Solidaritätsgedanke mit, Kirche für andere verfügbar zu halten.
Welche Veränderung wollen Sie als Frau in der Kirche noch erleben?
Eine Päpstin!
Welches war für Sie das schönste Erlebnis im Zusammenhang mit Ihrem Glauben?
Bei meinem ersten Besuch in Afrika, in Tansania, als in einem Gottesdienst die Opfergaben mit Singen und Tanzen an den Altar gebracht wurden; das war fröhlich und feierlich zugleich.
Ihre liebste Bibelstelle?
„Alles hat seine Zeit“ aus Prediger 3 (Buch Kohelet) – tröstlich, aussagekräftig, mutmachend.
Ihr Rat an Frauen auf der Suche?
Dass sie nicht Rollen hinterherleben, sondern sich trauen, große Träume zu haben.

Zur Person

Birgit Schönharting: Physiotherapeutin, weltweit aktiv

- ist geboren 1976 in Sindelfingen als Jüngste von vier Kindern.
- lebt in Taunusstein.
- Zunächst Architekturstudium, dann Ausbildung mit Staatsexamen an der Medizinischen Fachschule für Physiotherapie am Universitätsklinikum Freiburg/Breisgau
- 2002 bis 2011 Physiotherapeutin in einem orthopädisch-chirurgischen Ambulanten Rehazentrum in Freiburg, berufsbegleitendes Masterstudium in Sportphysiotherapie (Salzburg/ Oslo)
- Lehrtätigkeit in Aus- und Weiterbildung, Betreuung von Amateur- und Spitzensportlern in verschiedenen Sportarten (Fußball, Handball, Badminton)
- Seit 2002 beginnende Auslandseinsätze, anfangs auf selbstorganisierter Basis mit Freiwilligentätigkeit und Reiseerfahrungen in Tansania, Komoren, Kamerun, Malawi
- Seit 2013 Einsätze als Physiotherapeutin mit www.aerzte-ohne-grenzen.de in Papua-Neuguinea, in Jordanien, Äthiopien und im Grenzgebiet Südsudan/Sudan
- Seit 2011 Unterstützung eines von Einheimischen organisierten Schulbau-Projekts in Tansania. Hieraus entstand 2014 die private Spendeninitiative Twende Shuleni (www.twende-shuleni.org) mit Unterkonto bei Misereor; bisher wurden mehr als 100 000 Euro gesammelt und „verbaut“; aktuell kurz vor der Vereinsgründung in Deutschland mit gemeinnütziger Anerkennung.
- Birgit Schönharting hat in der 2. Bundesliga Badminton gespielt, joggt gern und macht Yoga. Sie schreibt einen Blog und fotografiert, und sie backt gern.