14.11.2018

"Die Fragen der Menschen" zum Thema: schlechte Nachrichten in den Medien

Die Geister unterscheiden

Die „Fragen der Menschen“: Hier stehen Antworten auf Ihre Fragen, die Klarheit bringen. Wie Menschen mit der Flut schlechter Nachrichten in den Medien umgehen können, darüber spricht Pastoralreferentin Verena Kitz.

Nachrichtenflut Foto: Adobe Stock
Schwierig, bei den vielen schlechten Nachrichten die positiven nicht aus den Augen zu verlieren.
Foto: AdobeStock

Wie kann ich mit schlechten Nachrichten in den Medien angemessen umgehen?

„Schlechte Nachrichten in den Medien“ – damit sind wohl vor allem Berichte in Nachrichtensendungen über Katastrophen, Kriege oder brutale Verbrechen gemeint. Und leider sind sie meist die ersten Themen in den Nachrichtensendungen, getreu dem Motto: „Bad news is good news“ (eine schlechte Nachricht ist eine gute Nachricht): Da schauen alle hin, hören zu, mit gebannter Aufmerksamkeit.

„Angemessen“ damit umzugehen, könnte heißen, sich zu fragen: Mit welchem Blick schaue ich auf dieses Ereignis – mit Anteilnahme oder mit Sensationslust? Und welche Wirkung haben diese Nachrichten auf mich? Manches werde ich nur mit innerem Bedauern oder Betroffenheit zur Kenntnis nehmen können. Anderes fordert mich heraus, aus der Beobachterrolle auszusteigen und aktiv zu werden: Indem ich etwa etwas spende oder für die Opfer bete. Oder mich mit anderen zusammentue, um gemeinsam Unterstützung zu leisten. Angesichts der Vielzahl schlechter Nachrichten muss ich aber auch lernen, mich abzugrenzen. Wenn ich merke: Die vielen schlechten Nachrichten nehmen so viel Raum in mir ein, dass ich an der Welt verzweifle und mit meinem eigenen Leben und seinen Anforderungen kaum noch zurechtkomme: Dann ist es meine Verantwortung, mich vor dieser Wirkung von Nachrichten zu schützen – ganz im Sinne der biblischen Lehre von der „Unterscheidung der Geister“. Der Apostel Paulus ermutigt dazu, auf die Wirkungen der Einflüsse, also die „Geister“ zu achten, die auf mich einströmen – und unter anderem solchen Einflüssen zu widerstehen, die mich lähmen oder gar ohnmächtig zu machen drohen. Davor muss ich mich schützen.

Verena Kitz Foto: Hessischer Rundfunk
Verena Kitz hat jahrelang
das „Wort zum Sonntag“
gesprochen.
Foto: Hessischer Rundfunk

Wie gehe ich richtig mit Kindern um, die mit schlechten Nachrichten konfrontiert wurden? Wenn ich die Wahl habe, soll ich sie dann lieber nicht informieren?

Es kommt sehr auf das Alter der Kinder und ihre jeweilige Verfassung an. In der Regel finde ich wichtig, Kinder nicht zu sehr von der Wirklichkeit abzuschirmen. Sie leben ja in dieser Welt. Und die ist nicht nur schön und heil. Kinder können und müssen lernen, auch dem Schweren zu begegnen und sich damit auseinanderzusetzen. Das Fachwort dafür heißt Resilienz – also eine Art innere Widerstandskraft zu entwickeln. Ganz wichtig dafür sind stabile Bindungen zu verlässlichen Menschen – den Eltern, Großeltern, vielleicht einer Erzieherin in der Kita. Nahe Menschen, bei denen Kinder spüren: Da kann ich hin mit dem, was mir Angst oder Sorgen macht, und sie helfen mir, damit zurechtzukommen.

Gibt es eine moralische Pflicht, sich schlechte Nachrichten anzuschauen?

Ich glaube, es gibt eine Mitverantwortung von uns Menschen für die Welt, in der wir leben. Niemand sollte nach dem Motto leben: Hauptsache mir geht es gut, der Rest der Welt ist mir egal. Gleichzeitig muss ich auch das Maß kennen, das ich verkraften kann – niemand kann und muss die ganze Last der Welt tragen.

Kann es eine Lösung sein, komplett auf schlechte Nachrichten zu verzichten?

Vielleicht in Ausnahmesituationen – wenn ich durch persönliche Belastungen, etwa einen Sterbefall, so angegriffen bin, dass ich weitere schlechte Nachrichten nicht verkraften kann. Für eine begrenzte Zeit kann das möglich und hilfreich sein.

Wie komme ich von der Wahrnehmung zum Tun? Soll ich überhaupt reagieren?

Ich glaube, das ist ein wichtiger Schritt, um von diesem Ohnmachtsgefühl wegzukommen, das schlechte Nachrichten oft bewirken. Ich kann oftmals etwas Wirksames tun. Das kann ganz Verschiedenes sein: Als viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, sind Menschen aus der Umgebung zu den Bahnhöfen gegangen, haben Lebensmittel und Decken gebracht. Andere unterstützen bei Naturkatastrophen Hilfsorganisationen, die professionell helfen, mit Spenden.

Ich halte auch das Gebet für ein wichtiges „Tun“: Ich vertraue die betroffenen Menschen Gott an und bin so in meinem Beten mit ihnen verbunden.

Nachrichten ins Gebet bringen, wie geht das?

Dafür gibt es viele Möglichkeiten: Ich kann mit ganz schlichten Worten für die Situation, die betroffenen Menschen zu Gott beten. Vielleicht ist das mal mehr ein Bittgebet oder eine Klage oder gar Anklage Gottes wie in den Psalmen. Manchmal ist Beten auch eine Kerze anzünden, wenn die Worte fehlen. Oder ein Eintrag ins Fürbitt-Buch, das in Kirchen ausliegt. Andere tun sich zusammen zu Gebetskreisen, die gezielt „schlechten Nachrichten“ ihr gemeinsames Gebet widmen.

Wie kann ich mich selbst schützen? Wie grenze ich mich ab, ohne abzustumpfen?

Wichtig zu wissen: Nachrichtensendungen bilden durch ihren Schwerpunkt auf „schlechten Nachrichten“ nur einen Teil der Wirklichkeit ab. Das, was gelingt und gut läuft, kommt in den Nachrichten in der Regel zu kurz. Aber das gibt es Gott sei Dank genauso in unserer Welt. Darauf verweisen Wissenschaftler wie der amerikanisch-kanadische Kognitionspsychologe Stephen Pinker oder der schwedische Gesundheitsforscher Hans Rosling.

Mir persönlich hilft ein Gebet bei der Suche zwischen Abgrenzen und Abstumpfen: Das sogenannte Gebet der liebenden Aufmerksamkeit. Es geht auf Ignatius von Loyola zurück und lädt ein, am Ende des Tages mit liebender Aufmerksamkeit auf ALLES zu schauen, was am Tag war: Sowohl das Schwere wahrzunehmen, das da war, aber genauso auch das Gute, Geglückte zu würdigen. Meine Erfahrung zeigt mir: An jedem Tag gibt es immer beides! Das versuche ich wahrzunehmen, auch, wie ich mich dazu verhalten habe und alles in Gottes Hand zu legen. Damit ich bereit werde für einen neuen Tag.

Verena Kitz ist Seelsorgerin im „Refugium“ für Mitarbeitende in Caritas und Pastoral, Hofheim

Fragen zusammengestellt von Julia Hoffmann.