16.04.2020

Der Trend vom „Downsizing“

Die Grenzen des Wachstums

„Weniger ist mehr“: In unserer Serie zur Fastenzeit geht’s darum, von „Trends“ zu lernen. „Downsizing“ heißt einer: mit viel weniger Ressourcen auskömmlich zu leben. Letztlich steht dahinter ein neuer Blick auf die Welt und ihre Geschöpfe. Mit einer veränderten Haltung: Abschied von der Wachstumsgesellschaft. Von Johannes Becher.

 

Der Kampf ums Klopapier im Supermarkt macht sehr begreifbar, um was christliche Sozialethiker seit mehr als 100 Jahren trefflich streiten: um das richtige Verhältnis von Gemeinwohl und Eigennutz. Für den Jesuiten Oswald von Nell-Breuning ist das Gemeinwohl gleichbedeutend mit sozialer Gerechtigkeit. In diesem Zusammenhang ist manchmal die Rede von der Gemeinschaftswidmung aller Erdengüter. Zugleich kennt die Kirche auch ein Recht auf Privateigentum. In welchem Maße das dem Gemeinwohl zugeordnet ist, darüber erwächst fast schon ideologischer Streit. Kapitalisten und Sozialisten, Ludwig-Erhard-Jünger und Herz-Jesu-Marxisten ringen um die Deutungshoheit. 

Dabei ist es nicht erst in Corona-Tagen längst offen kundig: Ein Weiter-So verbietet sich. Denn auch wenn das Virus besiegt ist, wird die Frage nach dem verantwortbaren Umgang mit der Schöpfung bedrängend bleiben. „Macht euch die Erde untertan!“ Längst verstehen auch Christen den zu lange ausbeuterisch übersetzten Satz aus dem biblischen Schöpfungsbericht anders. „Kümmert euch um die Erde!“: So könnte der moderne Appell getreu der Laudato-si-Enzyklika von Papst Franziskus heute lauten. 

Die Corona-Krise macht auch deutlich: Eigennutz und Egoismus helfen nicht weiter, sind sogar ansteckend. Wer nur an sich denkt, der trägt den Keim des Verderbens weiter. Gefordert ist solidarisches Miteinander (in körperlichem Abstand). Und da zeigt sich der Mangel: Pflegekräfte fehlen. Mit denen ist nämlich in der börsennotierten Marktgesellschaft kein Gewinn zu machen… 

Und so könnte die derzeitige Lebensgefahr bestenfalls auch zur Besinnung auf Grundsätzliches führen. Hoffentlich. Was, so lässt sich fragen, ist denn der Sinn allen Wirtschaftens? Das Überleben des Menschen und der Menschheit. In einer globalen und doch begrenzten Welt wird deutlich: Es geht um das Verteilen der Erdengüter. 

Warum sollte ich aus der unverdienten Gnade, dass ich im reichen Deutschland geboren wurde, auch noch einen abgrenzenden Vorteil den Menschen im Süden gegenüber ziehen? Die Idee des „fairen Handels“ hat das verinnerlicht, die Abschottung vor hungernden Flüchtlingen an den Grenzen gerade nicht. Was gehört mir? Habe ich es gerecht erworben? Wovon muss ich abgeben? In der globalisierten grenzenlosen Welt werden diese Fragen dringlicher.

Und immer mehr Menschen wird deutlich: Permanentes Wachstum – wie es die DNA des Kapitalismus propagiert – ist nicht die Lösung, sondern das Problem. Dagegen tönen die Rufe „Genug ist genug“ noch nicht laut genug. Vor allem fehlen die juristischen und marktleitenden Instrumentarien. 

Veränderte Alltagsgewohnheiten einer wachsenden Zahl von Menschen ist ein Anfang. Mehrweg-Kaffee-Becher statt to go und weg, Einkauf in Second-Hand-Läden, Wohnmodelle auf kleinstem Raum… Minimalismus, Downsizing, Kauft-nichts-Bewegung.

Der Psychotherapeut Wolfgang Schmidbauer stellt in seinem neuen Buch „Die Kunst der Reparatur“ (Oekom-Verlag, 20 Euro) fest: „Das Modell von Ex und Hopp lädiert nicht nur die Umwelt, sondern auch unsere Innenwelt.“ Dieser Schaden an der „Innenwelt“ ist eben nicht sofort sichtbar. Die Macke im Lack fällt sofort ins Auge. Der Ballast auf der Seele als Nachgeburt eines ungebremsten „Ökonomie first“ wird oft erst später bemerkt: Leistungs- und Zeitdruck, Funktionieren-Müssen, Burn-Out… 

Schmidbauer beschreibt in seinem Buch eine irritierende Beobachtung: „Wir handeln, als seien die Ressourcen unendlich, obwohl wir wissen, wie begrenzt sie sind, während unsere Vorfahren über solche Grenzen nichts wussten, aber handelten, als seien Ressourcen begrenzt.“ 

Warum ist das so? Warum konnten die Großeltern bescheiden weiterleben – trotz des „Wirtschaftswunders“? Weil sie nicht vergessen hatten, wie anders „die Zeiten“ auch sein können? Weil sie die Mark weiter zweimal umdrehten, im Erinnern an die Tage, als das Geld nichts wert war? Und heute – ein, zwei, drei Generationen später: Gehört das Weiteressen, obwohl ich längst satt bin, unweigerlich zum modernen Menschen? Ist Gier vererbbar? Was heißt „lebenslanges Lernen“ mit Blick auf solidarisches Handeln in der einen Welt? 

Was brauche ich wirklich? In Zeiten des Überflusses im Norden und des Mangels im Süden ist diese Frage nicht nur in der Fastenzeit wesentlich. 
„Kümmert euch!“ – soziale Gerechtigkeit, Gemeinschaftswidmung aller Erdengüter, die dienende Rolle des Privateigentums… die christliche Soziallehre hätte der um ihren Bestand und ihre Zukunft ringenden Menschheit einige gute Ratschläge zu geben. Aber lauter rufen müssten die Getauften. Und es vorleben.