05.09.2018

Bechers Provokationen

„Die Kirche braucht Propheten“

Unsere Provokationen suchen nach der Glut unter der Asche. Heute geht’s um die vergessenen Propheten. Ein Plädoyer, den „Fürsprechern Gottes“ in der Kirche Gehör zu schenken. Und Hinweise, wie man echte Propheten erkennt. Von Johannes Becher.

Jede(r) kann Prophet(in) sein – Papst Franziskus ruft zum Einmischen auf. | Foto: Adobe Stock
Jede(r) kann Prophet(in) sein – Papst Franziskus ruft zum
Einmischen auf. Foto: Adobe Stock

Sie schelten und drohen, sie leiden und wehklagen, sie weinen. Sie singen Lieder, klatschen in die Hände, führen ein Straßentheater auf, hängen sich ein Joch um den Hals oder zerreißen ihren Mantel. Die Mahnworte und Wutreden der biblischen Propheten – von Amos über Debora und Hulda bis zu Jesaja und Zefanja – sind spektakulär. Aber sie betreiben keine Wahrsagerei. Sie sind eben keine „Unglückspropheten“, sondern machen Zeitansagen, reden Klartext. Sie sind (Früh-)Warnsysteme auf zwei Beinen, legen Finger in Wunden. Und: Sie sprechen für einen anderen, sie sind Sprachrohr Gottes, vom Geist Gerufene – „das Wort des Herrn erging an mich …“.

Ob Propheten immer so aussehen müssen wie „der leidende Gottesknecht“ im Buch Jesaja? Eher nicht. Doch wenn heute einer so auftreten würde in der Kirche … Ein Spinner, würde es heißen. Wahrscheinlich hätte er in den Talkshows landauf landab seinen Platz. Und in den sozialen Hetzwerken würde sich der Mund zerrissen.

Johannes Becher Foto: privat
Johannes Becher
Foto: privat

Und nun will Papst Franziskus sogar, dass alle Gläubigen Propheten sind. „Die Kirche braucht Propheten“, predigte er in der Frühmesse im vatikanischen Gäste-haus. Aber auch hier gehe es darum, echt und falsch zu unterscheiden. Ein echter Prophet „malt nicht bloß den Teufel an die Wand“, sondern vermittelt auch Hoffnung. Und: Ein Prophet kann weinen – wenn seine Zuhörer sich von der Wahrheit abgewandt haben …

Auch der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf bedauert, dass das Prophetentum zum „vergessenen Wesensvollzug der Kirche“ geworden ist. Weil in einer klerikalen Deutung der Kirche allein dem Amtsträger – Bischof – das Lehr- und Prophetenamt zugestanden wird. In seiner Antrittsvorlesung als Pastoraltheologe an der Katholischen Hochschule in Mainz sprach Kohlgraf gar von einem „Volk von Propheten“.

Der heutige Bischof erinnerte damals an das Zweite Vatikanische Konzil: „Hier wird die Unfehlbarkeit des Gottesvolkes nicht nur auf die Glaubenslehre reduziert, sondern an das prophetische Amt geknüpft, an dem alle teilhaben, insofern sie es in Glaube und Liebe verwirklichen. Eine Wahrheit, die nur geglaubt wird, entfaltet keine prophetische Kraft. Wo Wahrheit getan wird, kann das Volk Gottes nicht irren.“ Professor Kohlgraf hält „pastorale Dynamik“ nur „von unten nach oben, nicht umgekehrt“ für fruchtbar. Papst Franziskus sehe in einer zentralistischen Vorgehensweise sogar eine „potentielle Verhinderung des Geistes Gottes“.

 

Zitiert: „Nicht lau, immer direkt“

„Die Propheten haben immer diese Probleme der Verfolgung gehabt, da sie die Wahrheit sagten, und die Wahrheit ist unbequem, oft ist sie nicht angenehm. Immer haben die Propheten damit begonnen, die Wahrheit mit Milde zu sagen, um zu überzeugen, wie Stephanus. Doch am Ende, wenn sie nicht gehört wurden, waren sie es, die harte Worte gesprochen haben. Auch Jesus sprach fast dieselben Worte wie Stephanus: ,Heuchler‘.

Was ist für mich der Test, dass ein Prophet die Wahrheit sagt, wenn er harte Worte spricht? Wenn dieser Prophet nicht nur zu sprechen vermag, sondern auch fähig ist, um sein Volk zu weinen, das die Wahrheit aufgegeben hat.

Einerseits tadelt Jesus mit diesen harten Worten – ,böse und treulose Generation‘, sagt er zum Beispiel – ,und andererseits weinte er um Jerusalem.

Gerade das ist der Test: Ein wahrer Prophet ist einer, der um sein Volk zu weinen vermag und auch fähig ist, harte Dinge zu sagen, wenn er sie sagen muss. Er ist nicht lau, er ist immer direkt.“

Aus der Predigt von Papst Franziskus in der Frühmesse im Gästehaus, 17. April 2018